28.06.2010, 10:49 Uhr | Marianne Barriaux
Trauriger Anblick: Ein ausgemergelter Löwe im Badaling-Park in China (Foto: AFP)
In einem Safaripark nahe der Chinesischen Mauer bei Peking kämpft ein Dutzend Löwen um ein lebendiges Huhn. Plötzlich schrillt eine Sirene und vier Geländewagen brausen auf sie zu. Kurz vor den Raubtieren kommen die Fahrzeuge zum Stehen, die Löwen springen auseinander - bis sie sich um das nächste Tier reißen werden.
Umgerechnet nicht einmal vier Euro hat ein Tourist für das blutige Spektakel bezahlt - dafür durfte er das Huhn ins Gehege werfen. Wer 50 Euro hinlegt, bekommt eine Ziege für die Fütterung. "Das war schaurig", sagt eine Besucherin des Badaling-Parks. "Ja, aber es war auch spannend, echt lustig", schwärmt eine andere. Ethisch fragwürdige Praktiken wie diese gibt es in Zoos in ganz China. Nun hat die Regierung erstmals einen Entwurf für ein Tierschutzrecht vorgelegt.
"Wir machen uns Sorgen um die Tiere in den meisten Zoos, Wildparks und Aquarien des Landes", sagt Peter Li, China-Experte bei der US-Tierschutzorganisation Humane Society International. Einrichtungen in China hinkten "Jahrzehnte hinter den fortschrittlicheren Zoo-Standards in industrialisierten Ländern" her. Eine Reihe von Skandalen zeigte jüngst die Zustände in chinesischen Tierparks. In einem verarmten Zoo in der nordöstlichen Provinz Liaoning verhungerten elf sibirische Tiger, deren Art vom Aussterben bedroht ist. Sie hatten nur noch Hühnerknochen bekommen. Zwei weitere wurden erschossen, nachdem sie hungrig einen Zooarbeiter angegriffen hatten. Berichten zufolge verarbeitete der Zoo Teile der Tierleichen zu lukrativen Potenzmitteln.
In der benachbarten Provinz Heilongjiang entdeckten die Behörden nach staatlichen Medienberichten ein Massengrab mit Löwen, Tigern und Leoparden, die in einem Safaripark an Krankheiten und Unterernährung verendet waren. "Das machte Schlagzeilen und schockierte viele Chinesen, aber es ist nur die Spitze des Eisberges", sagt Paul Littlefair, Leiter des internationalen Programms bei der britischen Tierschutzorganisation RSPCA. "Viele Tiere sind chronisch unterernährt und vegetieren lange vor sich hin. Werden sie dann krank, gibt es kaum tierärztliche Hilfe."
In Städten wie Peking und Shanghai haben die Zoos ihre Bedingungen in den vergangenen zehn Jahren verbessert. In Peking wurde ein größeres Elefantengehege eröffnet, und die Otter haben statt Beton nun eine natürlichere Umgebung mit Wasserfällen. Berichte, wonach im Café Fleisch von Zootieren serviert wird, wies die Zooleitung zurück.
In den meisten anderen Tierparks der Volksrepublik "stagnieren" die Bedingungen laut Littlefair jedoch. Xie Zhong von der chinesischen Vereinigung Zoologischer Gärten kritisiert, dass viele Wildparks in Privatbesitz sind. "Wir haben wiederholt betont, dass Zoos für das Allgemeinwohl da sein und von der Regierung verwaltet werden sollten", sagt er. "Private Eigentümer nehmen das ganze Geld, geben ihren Arbeitern sehr wenig und investieren nur so viel in die Tiere, dass sie am Leben bleiben - ihr Ziel ist Profit."
Nach Angaben von Grace Ge Gabriel vom Internationalen Tierschutz-Fonds (IFAW) werden die Tiere in China oft auch von Besuchern misshandelt. "Die Leute schreien, bewerfen die Tiere mit Gegenständen und füttern sie mit Abfall." 2002 schüttete Gabriel zufolge ein Student Säure in das Bärengehege im Pekinger Zoo und verletzte einige Tiere.
Die Experten sind sich einig, dass Gesetze zum Schutz von Tieren in Gefangenschaft dringend notwendig sind. In dem nun von der Regierung in Peking vorgelegten Entwurf soll beispielsweise die Fütterung mit lebenden Tieren untersagt werden. Bis das Gesetz in Kraft tritt, wird es aber noch Jahre dauern.
Quelle: AFP
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