08.05.2007, 14:04 Uhr | Johannes Frewel, AFP
16 Jahre nach dem Ende der Stasi startet die Aufarbeitung ihres bisher unerschlossenen Akten-Erbes mit HighTech-Hilfe. Das Berliner Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) begann mit der Softwareentwicklung für eine Schnipselmaschine, die das in 16.000 Papiersäcken hinterlassene Geheimdienstpuzzle des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit mit modernsten Programmen und brachialer Rechenpower lösen soll.
Fünf Jahre Rechenzeit
Das Projekt sieht vor, dass die Schnipsel in Folien eingeschweißt und in mehreren Hochleistungsscannerstraßen elektronisch eingelesen werden. Rund einhundert zu einem Großrechner parallel geschaltete PCs sollen die Aktenreste dann anhand der individuellen Risskanten elektronisch zusammenfügen und sie inhaltlich grob sichten. Geplant ist zunächst ein Pilotversuch mit 400 Säcken. Wenn der klappt, könnten die Rechner die Mammutaufgabe, für die Menschen knapp vier Jahrhunderte benötigen würden, innerhalb von etwa fünf Jahren bewältigen.
Stasi-Gesetz
Stasi in Panik
Die MfS-Führungsoffiziere hatten im Herbst 1989 befohlen, weite Teile ihres Aktenbestandes zu vernichten. Doch die Reißwölfe schafften den Aktenschwall nicht mehr. Was blieb, war die Handarbeit Tausender Stasi-Leute: Tonnenweise Akten wurden Tag und Nacht zerrissen. Einen Großteil der Überreste konnten Mitglieder der DDR-Bürgerbewegung sichern, als sie die Stasi-Zentrale sowie deren Außenstellen in den Bezirken und Kreisen im Januar 1990 besetzten.
16.000 Säcke Schnipsel
Im so genannten Kupferkessel, einer mit Kupferplatten abhörsicher ausgekleideten Etage der Überwachungsbehörde, wurden allein in Berlin 17.000 Müllsäcke zusammengetragen. Sie waren voll mit zerrissenen Akten, Karteikarten, Tonbändern, Filmen, Fotos, Negativen. Hinzu kam das Material aus den 227 Stasi-Kreisdienststellen. Nicht rekonstruierbare Unterlagen wurden vernichtet, übrig blieben die 16.000 Säcke mit zerrissenen Stasi-Akten aus der gesamten DDR.
Mühsame Handarbeit
Im Februar 1995 begann eine Projektgruppe mit der Rekonstruktion von Unterlagen. Seit mehr als zehn Jahren bemühen sich Spezialisten in einem weltweit einzigartigen Versuch, die zerrissenen Unterlagen in Handarbeit wieder zusammenzufügen. Besonderen Erfolg konnten 24 extra für diese Puzzelarbeit abgestellte Mitarbeiter des Bundesamts für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge verbuchen. Sie setzen in Zirndorf bei Nürnberg unter Anleitung erfahrener Berliner Archivare mit Tesaband einen ersten Teil erhaltener Unterlagen der Hauptabteilung XX des MfS zusammen, die Kirche, Kunst, Kultur sowie die DDR-Opposition mit Spitzeln durchsetzt hatte.
IM "Heiner" enttarnt
323 Säcke wurden in Handarbeit gesichtet. Aus Sack 307 purzelte den Archivaren vor zwei Jahren beispielsweise in zehntausenden Schnipseln die IM-Akte des Theologen und ehemaligen Rektors der Ostberliner Humboldt-Uni, Heinrich Fink, entgegen, der zeitweilig für die PDS im Bundestag saß. IM "Heiner" war einer der besten Spitzel des Führungsoffiziers Klaus Roßberg der Stasi-Hauptabteilung XX/4.
Weitere Brisante Unterlagen?
Die Birthler-Behörde nimmt an, dass sich in den noch zu rekonstruierenden Akten weitere brisante Unterlagen befinden. Immerhin seien alle personellen Ressourcen in den letzten Tagen der Stasi darauf verwendet worden, diese Akten zu vernichten, sagt Günter Bormann, Akten-Spezialist der Birthler-Behörde. Die internen Stasi-Befehle lassen erahnen, wie brisant diese Papiere sind: Vernichtet werden sollten Akten über das Operationsgebiet Westdeutschland und alle die Stasi belastenden Geheimdienstaktionen. Zudem sollten wichtige Mitarbeiter und Personen geschützt werden, die im Wendeherbst 1989 an exponierter Stelle standen. #
Quelle: t-online.de
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