15.01.2009, 13:25 Uhr | Von Christian Teevs, Spiegel Online
Andrea Ypsilanti hat ihre Posten behalten (Quelle: dpa)
Unbeirrt behauptet sie ihren Platz: SPD-Chefin Andrea Ypsilanti tingelt durch den hessischen Wahlkampf und gefährdet damit einen Achtungserfolg ihrer Partei. Spitzenkandidat Schäfer-Gümbel steckt in der Zwickmühle – er kann sich weder zu ihr bekennen noch sie verstoßen.
Nun ist eigentlich Andrea Ypsilanti an der Reihe. Die knapp 60 Genossen in der Darmstädter Gaststätte "Zum Goldenen Löwen" warten auf ihren Auftritt. Doch die Chefin der Hessen-SPD ziert sich, sie möchte von ihrem Gastgeber vorgestellt werden. Also greift sich der lokale Kandidat Michael Siebel das Mikrofon und stellt sie vor: "Bitte begrüßt unsere Parteivorsitzende Andrea!"
Die Absteigerin des vergangenen Jahres steht nicht mehr im großen Rampenlicht. Doch die politische Bühne verlassen will Ypsilanti auch nicht. Für den Wahlkämpfer Thorsten Schäfer-Gümbel stellt sie mittlerweile eine mächtige Belastung dar. Ihr Name steht für Wortbruch, ihre persönlichen Werte in Umfragen sind desaströs. Doch verstoßen kann der Spitzenkandidat sie nicht.
Die gemeuchelte Heldin
Für viele in der Partei ist Ypsilanti nach wie vor eine Heldin - der böse mitgespielt wurde.
Welche Rolle spielt Ypsilanti nach der Wahl
In einer Elefantenrunde aller Spitzenkandidaten beim Radiosender FFH offenbart sich das ganze Dilemma von Schäfer-Gümbel. Als der Moderator zur Frage ansetzt: "Wenn Sie Ministerpräsident werden?", bricht erst mal Gelächter auf der Zuschauertribüne aus. Doch dann: "Kommt Frau Ypsilanti dann in Ihr Kabinett?" Der Sozialdemokrat windet sich und weicht selbst intensiven Nachfragen fünf Minuten lang aus. Am Ende steht die dürre Aussage: "Bei uns kommen erst die Inhalte und dann die Personen."
Auch Ypsilanti selbst reagiert am Abend im "Goldenen Löwen" ausweichend auf Fragen nach ihrer politischen Zukunft. "Darüber rede ich am 19. Januar", sagt sie, also am Tag nach der Landtagswahl. In Darmstadt zeigt sich jedoch auch, wie groß nach wie vor die Wertschätzung vieler Genossen für die Parteichefin ist. "Das letzte Jahr war bestimmt nicht immer leicht für dich", ruft ihr ein älterer Genosse zu, "aber wir stehen auf deiner Seite, du bist super." Der Beifall beweist, dass die große Mehrheit der Anwesenden das genauso sieht.
Rührselige Stimmung bei den Genossen
Eine rührselige, fast schwermütige Stimmung ergreift den Saal, als sich Ypsilanti für die tröstenden Worte bedankt und sagt: "Es ist wirklich nicht einfach. Aber ich bin fest überzeugt, dass unsere Inhalte die richtigen sind." Im Übrigen sei "für schmerzhafte Erinnerungen im Moment einfach kein Platz".
Drohsel sieht "kein Versagen"
Es ist derweil nicht nur die hessische Basis, die Ypsilanti die Ehre erweist. Auch Juso-Chefin Franziska Drohsel ist zu Gast in Darmstadt und nennt die Hessin eine "positive Bezugsfigur". Sie sei "traurig" gewesen, dass die rot-grüne Minderheitsregierung nicht ins Amt gekommen sei. Das Verhalten der vier Parteirebellen - die das Linksbündnis platzen ließen - nennt sie empörend. "Sie haben sich nicht an demokratische Gepflogenheiten gehalten." Von Seiten der SPD-Führung könne sie dagegen "kein Versagen feststellen".
Tatsächlich ist einer der größten Unterschiede zwischen Ypsilanti und Schäfer-Gümbel, dass er die Fehler offen benennt und zugibt. Sie fühlt sich dagegen als Opfer und erwartet Mitleid.
Ypsilanti trauert um ihre vergebene Chance
So stößt Ypsilanti in ihrer 15-minütigen Rede hervor, sie wäre "den Weg gerne weiter gegangen" und die SPD müsse nun die Folgen ertragen. Sie redet schnell und verhaspelt sich an Stellen, die ihr besonders wichtig sind. Über Schäfer-Gümbel sagt sie: "Er ist ein sehr guter, ganz eigenständiger Kandidat, hat bereits ein sehr gutes Profil und macht das hervorragend."
Strategin im Hintergrund
Ein wenig klingt das nach: "Schließlich habe ich ihn ja auch ausgesucht." Nach wie vor ist Ypsilanti an der Planung des Wahlkampfes intensiv beteiligt. Jeden Morgen nimmt sie an einer Schaltkonferenz teil, in der Termine und Schwerpunkte des Tages besprochen werden. Zwar ist sie bei den Großkundgebungen nur selten dabei, aber intern ist sie an Strategie und Imagebildung von Schäfer-Gümbel entscheidend beteiligt.
Hessens CDU feixt
Roland Kochs Regierungssprecher feixte daher nach der FFH-Elefantenrunde: "Ypsilantis Rolle ist eine offene Flanke bei Schäfer-Gümbel. Er hat die vorletzte Chance verpasst, sich von ihr zu distanzieren." Die letzte biete sich bei der Talk-Runde der Spitzenkandidaten im Hessischen Rundfunk.
Ypsilanti spielt "herausgehobene Rolle"
Für den Gastgeber im "Goldenen Löwen" ist die Diskussion hingegen unverständlich. Kandidat Siebel verspürt nach der Veranstaltung noch ein großes Bedürfnis, den anwesenden Journalisten seine Sicht der Dinge zu schildern. Er stützt lässig ein Bein auf einen Stuhl und doziert: Selbstverständlich werde Ypsilanti bei einer Regierungsbeteiligung der SPD "eine herausgehobene Rolle spielen". Ob in Partei oder Regierung, sei abzuwarten.