11.03.2010, 15:24 Uhr | apn, dpa
Eine brennende Kerze vor der Albertville-Realschule in Winnenden (Foto: dpa)
Zum ersten Jahrestag des Amoklaufs von Winnenden findet heute an der Albertville-Realschule eine Gedenkstunde für die Opfer statt. Zum öffentlichen Gedenken von 11 Uhr bis 12 Uhr werden Bundespräsident Horst Köhler und der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus erwartet.
An der Schule hatte der 17-jährige Tim K. am 11. März 2009 neun Schüler und drei Lehrerinnen erschossen. Auf der Flucht tötete er drei Männer und verletzte zwei Polizisten schwer. Schließlich nahm er sich beim Schusswechsel mit der Polizei in Wendlingen mit einem Kopfschuss das Leben.
Tim K. war um 9.33 Uhr in seine frühere Schule gestürmt. Zu dem Zeitpunkt bildeten die Trauernden eine Menschenkette an der Albertville-Realschule. Zugleich läuteten alle Kirchenglocken. In der Innenstadt verließen zahlreiche Menschen die Geschäfte und gesellten sich zu den Passanten, die auf den Straßen stehen blieben und im Gedenken verharrten. Der nichtöffentliche Teil der Gedenkveranstaltung begann bereits um 7.45 Uhr in der Hermann-Schwab-Halle. Nach Angaben eines Teilnehmers wurden auf einer Videoleinwand Bilder aus dem Leben der Opfer gezeigt und Gedichte vorgetragen.
Den öffentliche Teil der Traufeier begann Bundespräsident Köhler mit einer Ansprache vor der Albertville-Realschule. "Meine Frau und ich, wir sind hierhergekommen, um diesen Tag mit Ihnen zu teilen", sagte Köhler. "Da ist viel Schlimmes, was wir teilen müssen: Einsamkeit. Leere. Sinnlosigkeit. Verzweiflung. Angst. Und auch Hass." Der Bundespräsident forderte die Politik auf, das Waffenrecht weiter zu verschärfen. "Die Parlamente und die Regierungen des Bundes und der Länder sollten diesen Prozess weiter voranbringen und begleiten - und die Schützenvereine sollten ihnen dabei helfen."
Köhler appellierte an die Gesellschaft, sich gemeinsam gegen eine drohende Verrohung zur Wehr zu setzen und Grenzen zu ziehen. Das Staatsoberhaupt bat alle um einen achtsamen Umgang miteinander, um das Gefühl der Zusammengehörigkeit wachsen zu lassen. "Wir können darauf achten, dass niemand abseits bleibt. Wir können mehr Anteil nehmen aneinander, statt achtlos vorüberzugehen."
Einen besonderen Appell richtete Köhler an die Medien. Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass detaillierte Berichterstattung über die Täter, ihre Motive, ihre Planungen, ihre Vorgehensweise sowie Tatablauf, Kleidung und Waffen Nachahmer auf den Plan rufe. "Ich schließe mich deshalb dem Expertenrat der baden-württembergischen Landesregierung an: Wir brauchen klar definierte Berichterstattungsregeln, die gemeinsam mit den Medien erarbeitet werden; wir brauchen einen medienübergreifenden Pressekodex im Geist der Prävention", hob der Bundespräsident hervor.
Im Anschluss an die Rede wollen die Schüler Symbole aus der zentralen Trauerfeier vom 21. März 2009 aufgreifen. Für jedes Opfer soll eine Gedenkplatte aus Stein gelegt werden, so dass diese einen Kreis bilden. Daran soll sich ein "Weg in die Zukunft" aus großen Kieseln anschließen, auf die Botschaften geschrieben werden. Auch Köhler und Mappus wollen sich daran beteiligen. Für den Abend sind mehrere Gottesdienste geplant.
Der erste Jahrestag des Amoklaufs steht aber nicht nur im Zeichen der Trauer - die Forderungen nach weiteren Konsequenzen bleiben. Im Fokus stehen die Schulen und der Umgang mit Waffen in Privatbesitz. Im Abschlussbericht der Polizei steht, dass der 17 Jahre alte geübte Schütze an seiner Ex-Schule in sieben Minuten 60 Schuss abfeuerte; mindestens 285 Schuss Munition hatte er bei sich. Der rund 400 Seiten dicke Abschlussbericht enthält keine Hinweise auf Mitwisser oder Mittäter, das Motiv ist nach wie vor unbekannt. Tim K. galt als labil, er soll isoliert gewesen sein und kaum Freunde gehabt haben.
Der 51 Jahre alte Vater des Amokschützen muss sich wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten: Die Tatwaffe lag unverschlossen und damit gesetzeswidrig im elterlichen Schlafzimmer, ebenso reichlich Munition. Nach den Worten des Stuttgarter Generalstaatsanwalts Klaus Pflieger soll der Prozess ab Herbst klären, ob der Vater den Waffenmissbrauch seines Sohnes vorhersehen konnte und so die Folgen des Amoklaufs fahrlässig verursacht hat.
Pflieger hat große Hoffnung, dass vom Prozess ein "generalpräventives Signal" ausgeht - unabhängig von einer Bestrafung des Vaters: "In künftigen Fällen werden die Waffenbesitzer nicht sagen können, wir hatten keine Ahnung. Von jetzt an weiß man, wozu ein laxer Umgang mit Waffen führen kann."
Schuld- und damit straferhöhend könnte sich für den Vater im Prozess auswirken, wenn sich herausstellen sollte, dass er von möglichen psychischen Problemen seines Sohnes wusste. Ein Jahr vor dem Blutbad hatte Tim K. gegenüber seiner Mutter den Wunsch nach Behandlung geäußert und in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik auch mehrere Gespräche mit einer Therapeutin geführt. Dort sprach er von Mord- und Tötungsfantasien sowie Hass auf die Menschheit. Die Eltern bestreiten, davon in Kenntnis gesetzt worden zu sein.
Das Massaker an der Schule hatte Konsequenzen: Im Juli 2009 wurde ein verschärftes Waffenrecht beschlossen. Den im "Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden" zusammengeschlossenen Eltern gehen die Änderungen aber nicht weit genug. Sie werfen der Regierung ein Einknicken vor der Waffenlobby vor. Außerdem will das Bündnis ein Verbot von Computerspielen mit brutalen Inhalten erreichen - Tim K. hatte nachweislich mit dem Ballerspiel "Counter Strike" gespielt.
Die vom Amoklauf betroffene Albertville-Realschule wird von August an für 5,6 Millionen Euro umgebaut. Das Aussehen soll wesentlich verändert werden, vorgesehen sind Platz für zusätzliche Klassen und eine verstärkte Jugendsozialarbeit. Die Sicherheit soll mit einer neuen Sprechanlage, einem "Amok-Alarmsystem" und speziell verriegelbaren Türen verbessert werden.
Derweil appellierte der Ulmer Kinder- und Jugendpsychiater Jörg Fegert an die Medien, keine Details mehr über die Bluttat und den 17-jährigen Täter zu veröffentlichen. "Am besten wäre es, man würde nicht mehr über seine Persönlichkeit berichten", sagte Fegert den "Stuttgarter Nachrichten". Die Medien trügen sonst ungewollt zur Verherrlichung des Täters bei. Amokläufe seien in den vergangenen zehn Jahren erst erst durch das Internet und die mediale Verbreitung zu einer möglichen Form der Reaktion bei bestimmten Menschen geworden. Dies gelte auch für Berichte von Winnenden: "Allein schon die Zahl der Opfer, die er getötet hat, zeigt bei amokgeneigten Personen Wirkung", sagte er. "Viele, die sich mit solchen Gedanken auseinandersetzen, haben ein klares Ranking. Das ist wie eine Hitliste. Alles, was diese Bedürfnisse befriedigt oder speist, ist aus meiner Sicht kontraproduktiv."
Quelle: dapd
Heidemarie schrieb:
am 11. März 2010 um 20:48:39
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Amoklauf 11.3.2009
Die Nachricht hat mich tief bewegt .Bei allem Schmerz und Trauer wir alle sind Gast auf diesem Planeten Erinnerungen das
Paradies aus dem uns niemand
verteiben kann
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Schmid schrieb:
am 11. März 2010 um 19:37:50
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Amoklauf
Es war schlimm und für die Angehörigen bitter. Aber was die Politik und die Medien daraus jetzt machen, ist meiner Meinung nach
alles überzogen. So etwas läßt sich nie 100 % ig vermeiden trotz allen Verschärfungen und Voschriften. Man sollte die Sache eher zur Ruhe kommen lassen und nicht immer wieder neu aufrühren. Trauer und Gedenken kann auch ruhiger geschehen.
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J schrieb:
am 11. März 2010 um 17:13:10
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Es wird ja nicht dafür gesorgt, das die Waffen ganz abgeschafft werden. Es soll nur verhindert werden, das Waffen in Privathaushalten
aufbewahrt werden
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