Fantasiebildchen vom Terrorfürsten (Foto: Archiv)Brynjar Lia vom FFI, einem Institut, das zum norwegischen Verteidigungsministerium gehört, ist ohne Zweifel einer der angesehensten Terrorismusexperten Europas. Zuletzt hat er eine Analyse der Schriften des vielleicht wichtigsten noch lebenden Dschihadismus-Vordenkers überhaupt, des Syrers Abu Musab Al-Suri, verfasst. In einer Konferenz in Dubai hat Lia sich jetzt mit der Frage beschäftigt, was an Al-Kaida eigentlich so attraktiv ist, dass das Terrornetzwerk "ziemlich verbreiet Unterstützung erfährt, obwohl Al-Kaida eine große Zahl an Zivilisten, darunter viele Muslime, getötet hat".
Lia identifiziert drei "unique selling points" - ein Begriff aus der Marketingsprache, womit so etwas wie absatzfördernde Alleinstellungsmerkmale gemeint sind. Es sind dies seiner Meinung nach: Al-Kaidas einfache und populistische Botschaft, Al-Kaidas Image, und Al-Kaidas globale Präsenz. Zum zweiten Aspekt sagt Lia, dass es in einigen europäischen Staaten mittlerweile als "cool gilt, ein Dschihadist zu sein". Er spielt damit auf jene Cyber-Dschihadisten an, die ihre Unterstützung für Al-Kaida & Co. vor allem im Internet kundtun, wo das relativ ungefährlich ist. In der Tat sind Osama Bin Laden und seine Mitstreiter in diesen Kreisen so etwas wie Popstars. Ein entsprechender Thread findet sich im Diskussionsforum der "Globalen islamischen Medienfront".
Pentagon zeigt das "wahre Leben" im Dschihad
Während es relativ einfach ist, sich im Internet ein Bild von der Gedankenwelt der Kaida-Sympathisanten zu machen (in der Märtyrer grundsätzlich nach Moschus duften und alle Mudschahidin aufopferungsvolle Freunde sind), ist es naturgemäß nur sehr selten möglich, einen Einblick in das reale Alltagsgeschäft des Terrors zu werfen. Zwei solcher Einblicke hat das Pentagon in den vergangenen Wochen zugänglich gemacht. Zum einen einen Auszug aus dem Tagebuch eines Terroristen der Kaida-Filiale im Irak, zum anderen ein an den Kaida-Chef im Irak gerichtetes Briefchen mit strategisch-militärischen Überlegungen.
Wer schuldet wem was?
Wenn man es nicht besser wüsste, würde man beim Lesen des Tagebucheintrags denken, dass das einen potentiellen Nachwuchs-Dschihadisten eigentlich abhalten müsste. Lange Abschnitte handeln nur davon, wer wann für wen einen Wagen besorgt hat, ihn Al-Kaida wiedergeben müsste, das aber verweigert; oder davon, wer wem noch Geld und Munition schuldet; oder davon, welche Kaida-Kämpfer aus welchem Stamm desertiert sind.
Suppe mit dem Messer essen
T. E. Lawrence, der im Ersten Weltkrieg den Arabern half, sich gegen die Türken zu erheben, ist unter anderem berühmt für den Ausspruch, die Bekämpfung einer Revolte sei "eine schmutzige Angelegenheit, wie Suppe mit dem Messer zu essen". Wenn man dieses Terrordiarium liest, hat man das Gefühl, dass das für einen Aufstand erst recht gilt.
Hintergründe zum internationalen Terrorismus (Montage: T-Online)
Den Feind unterwandern
Interessanter schon die zweite Pentagon-Veröffentlichung. In diesem kurzen (und nicht in Gänze freigegebenen) Strategiepapier schlägt ein gewisser Abu Sufjan dem Qaida-Chef im Irak vor, den Gegner zu infiltrieren. Bei der US-Armee, der irakischen Armee und bei den Anti-Qaida-Allianzen müsse man Leute unterbringen, um Informationen zu gewinnen und wunde Punkte in Erfahrung zu bringen. Außerdem soll der Gegner durch von Maulwürfen ausgeführte Anschläge verunsichert werden, "bis sie das Vertrauen in ihre eigenen Soldaten verlieren".
Ist den Informationen des Pentagon zu trauen?
Zusätzlich schlägt Abu Sufjan vor, Trinkwasser zu vergiften, mit Nitritsäure oder giftigen Bakterien. Damit verbunden ist eine Aussage über die (mangelhaften) Fähigkeiten der Kaida im Irak: "Der Feind wird sich fürchten und denken, wir hätten eine gefährliche chemische Waffe." Außerdem fehlt es offenbar an Fachleuten: "Wir brauchen Spezialisten auf diesem Gebiet." Eine letzte Bemerkung darf angesichts der Quellenlage bei diesen beiden Dokumenten allerdings nicht fehlen: Ob man den Pentagon-Veröffentlichungen trauen kann oder nicht, ob sie authentisch sind oder (von wem auch immer) gefälscht, kann ich nicht beurteilen.