Startseite Jetzt online bestellen und 10% Rabatt sichern

Sie sind hier: Home > Nachrichten >

Wie ich den Fall der Mauer verpasste

...
Drucken Drucken

Wie ich den Fall der Mauer verpasste

09.10.2009, 16:01 Uhr | Lars Schmidt

Der NVA-Wehrdienstausweis des Autors (Foto: privat)Der NVA-Wehrdienstausweis des Autors (Foto: privat)

Es ist der 9. November 1989. Der Tag an dem die Berliner Mauer fällt. Und ich hab davon nichts mitbekommen.Im Herbst 1989 bin ich 20 Jahre alt und seit einem Jahr bei der Nationalen Volksarmee (NVA). Ich absolviere meinen Grundwehrdienst in Schwerin beim „Fla Raketenregiment 8“. Gerade hat mein letztes von drei Diensthalbjahren begonnen, was mich laut NVA-Jargon zum Entlassungskandidaten (EK) macht. Von den Vorgängen draußen im Land bekommen ich und die anderen Soldaten kaum etwas mit. Ich zähle die Tage bis zum Entlassungstag, dem 26. April 1990. Am 9. November sind es noch 169. Das Maßband, das alle EKs der NVA besitzen, misst 150 Zentimeter und steht so für die letzten 150 Tage. Also noch knapp drei Wochen bis zum Anschnitt. So nannte man jenen Tag, an dem der erste Zentimeter fiel.

Bis zu jenem Herbst ist mein so genannter „Ehrendienst“ in der NVA vor allem eine lästige Pflicht, geprägt durch harten Drill, lange Wachdienste, diverse Schikanen und - aufgrund meiner Stationierung bei der Luftabwehr - ständige Gefechtsbereitschaft. Freizeit ist knapp, Ausgang und Urlaub sind selten. Dabei bin ich sogar froh, als mich im September 1988 der Einberufungsbefehl erreicht. Denn in der Regel wurde man als einfacher Soldat erst im Alter von 24 bis 26 Jahren eingezogen. Ich aber bin gerade 19 geworden, hatte eben meine Berufsausbildung abgeschlossen und dachte mir: „Zieh das jetzt durch, in 18 Monaten hast du’s hinter dir.“ Dass nur ein Jahr später die Mauer fallen sollte – zu diesem Zeitpunkt eine völlig unrealistische Vorstellung.

#

Mauerfall-BlogSchreiben Sie uns Ihre Geschichte!

#

Gewinnspiel: Luxus-Trip nach Berlin & original Mauerstück zu gewinnen
Jetzt mitspielen!

#


Offiziell nur DDR-Medien in der Kaserne

Die Informationen über die Ereignisse in der DDR, die der Wende und dem Mauerfall voraus gehen, dringen nur gefiltert zu uns durch. Sich ein eigenes Bild zu verschaffen, ist in Anbetracht der wenigen Urlaubstage und des seltenen Ausgangs schwierig. Im Briefwechsel mit der Familie und Freunden geht es in erster Linie um Privates. Die überwiegende Zeit verbringe ich abgeschottet in der Kaserne, wo uns offiziell nur die DDR-Medien informieren. Erst nach Dienstschluss, wenn die meisten Offiziere die Kaserne verlassen haben, schalten wir unser Stubenradio heimlich auf Sender aus dem Westen, wie den NDR um. Republikflucht über Ungarn, Botschaftsbesetzung in Prag oder die ersten Montagsdemos – von den Politoffizieren wird das aber herunter gespielt und der Propaganda imperialistischer Mächte zugeschrieben.

#

#

Zwischenfall auf Urlaubsfahrt

Mein Regiment bereitet sich derweil auf die Militärparade zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober in Berlin vor. Eine hohe Ehre für jeden NVA-Angehörigen, wie uns immer wieder eingetrichtert wird. Ich bin froh, nicht nach Berlin zu müssen und darf sogar zu einem außerplanmäßigen Kurzurlaub am Wochenende des 7. und 8. Oktober nach Hause. Und so erlebe ich im Zug von Schwerin nach Rostock zum ersten Mal am eigenen Leib, was im Land wirklich los ist.

Die Uniform - ein rotes Tuch

Da Soldaten der NVA in Uniform reisen müssen, merke ich bald wie unbeliebt die Volksarmee inzwischen im Volk ist. „Euch Stasischweine kriegen wir auch noch“, brüllt mir ein Mann entgegen und baut sich bedrohlich vor mir auf. Ironie des Schicksals: Ein in zivil reisender Fähnrich meines Regiments (Offizieren war das Reisen in zivil gestattet), der mich erkennt, springt mir zur Hilfe. Die Uniform, in der ich mich ohnehin nie wohl gefühlt habe, wird mir nun richtig unheimlich. In der aufgeheizten Stimmung wird sie pauschal mit der Stasi in Verbindung gebracht.



Angst, schießen zu müssen

Unheimlich werden mir und den anderen Soldaten dann auch die Tage nach dem 7. Oktober. Nun herrscht absolute Ausgangs- und Urlaubssperre. Die Wachen werden verstärkt, die Waffenkammern noch stärker kontrolliert als es ohnehin schon üblich ist. Käme der Einsatzbefehl, die Polizei beim Vorgehen gegen Demonstranten in Schwerin zu unterstützen, wäre das benachbarte Motorisierte Schützenregiment ausgerückt und wir hätten deren Nachhut übernommen. So viel wissen wir. Dass Erich Honecker am 26. September den Geheimbefehl Nr. 8/89 erlassen hatte, laut dem DDR-feindliche Krawalle „von vornherein zu unterbinden“ seien, wissen wir dagegen nicht. Die Stimmung in meiner Einheit ist angespannt. Die Angst, den Befehl zu erhalten, auf das eigene Volk zu schießen, ist groß. Doch alle Einheiten bleiben in den Kasernen.

Keiner hört den entscheidenden Satz

Als wir am 18. Oktober per Befehl zum Anschauen der „Aktuellen Kamera“, der DDR-Hauptnachrichtensendung vergattert werden, ahnen wir dass etwas im Gange ist. Und richtig: Egon Krenz verkündet den Rücktritt Honeckers und übernimmt dessen Posten. Auch die geschichtsträchtige Pressekonferenz mit Günter Schabowski am 9. November wird live im DDR-Fernsehen übertragen. Die aber sehen wir nicht. Es gab schließlich keinen Befehl dazu und freiwillig schauen wir diese Art von Sendungen nie. Und so verpassen wir auch um 18.53 Uhr den entscheidenden Satz: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (…) beantragt werden. (…) Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen.“

Der Dienst geht weiter

Wie mich die Nachricht vom Mauerfall erreicht – ich kann mich nicht erinnern. Überraschenderweise geht es allen Kameraden, mit denen ich damals diente und die ich aus Anlass dieser Geschichte dazu befragte, genauso. Für uns, die wir täglich in der Kaserne unseren Dienst verrichten, wird sich durch die Maueröffnung nichts ändern. Das mag aufgrund unserer Erfahrungen die Einstellung gewesen sein und die Erinnerungslücke verursacht haben. Ein Freudenfest jedenfalls gab es bei uns nicht. 

Langsam spüren auch wir die Veränderungen

Erst in den nächsten Tagen und ganz allmählich beginnen wir zu begreifen, welche Bedeutung die Öffnung der Mauer und die damit wieder gewonnene Freiheit für uns hat. Fast täglich ändern sich unsere Dienstvorschriften. Der Politikunterricht wird abgeschafft. Statt mit „Genosse“ werden wir mit „Herr“ angeredet. Wir dürfen im Ausgang Zivilkleidung tragen und in der Kaserne Westmedien empfangen. Insgesamt wird der Dienst etwas lockerer. An den Gefechtswaffen trainieren wir nur noch selten. Und dann erhalten wir unsere Personalausweise zurück, die wir als NVA-Soldat vor der Einberufung abgeben mussten. Mit dem Pass dürfen wir im Ausgang oder Urlaub nun sogar in die BRD reisen.

Vorzeitige Entlassung

Dass der Staat, den wir vor seinen imperialistischen Feinden schützen sollten, in der Auflösung begriffen ist, bekomme ich spätestens im Silvesterurlaub 1989/90 mit. Freunde und Arbeitskollegen sind schon in den Westen übergesiedelt, die ersten Marktschreier mit ihren Bananen und bunten Katalogen haben die Gegenrichtung eingeschlagen. Als ich Anfang Januar wieder in meiner Kaserne eintreffe, sorgt beim ersten Morgenappell die Meldung von der Verkürzung der Wehrdienstzeit von 18 auf zwölf Monate für Riesenjubel. Ich bin in diesem Moment seit 14 Monaten bei der NVA. Für meinen Jahrgang wird der 26. Januar 1990 zum Entlassungstag. Mit einem Schnitt fallen 90 Tage von meinem Maßband ab. Und ich gehe zurück in ein Land, in dem Euphorie und Aufbruchsstimmung herrschen, und in dem nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Dass ich von all dem was dazu führte so wenig mitbekommen habe, erfüllt mich heute mit Wehmut. Entscheidend aber ist, dass es passiert ist.   

#


#





Lars Schmidt  

Inhalt versenden Versenden
Leserbrief An die Redaktion
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus.
Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Diese Mail an
mailing-ifrarr
Artikel versenden
Empfänger
Absender
Name
Name
E-Mail
E-Mail
Nachricht
 

"Wie ich den Fall der Mauer verpasste" verlinken

Verlinken Sie uns, wenn Ihnen der Artikel "Wie ich den Fall der Mauer verpasste" gefallen hat.

 
Downloads & Shops

Minus 29%: CutOut PRO
CutOut PRO (Quelle: Softwareload)

Der Meister für feinste Freistellungen und präzise Montagen. mehr

Historische Traktoren
Agrar Simulator: Historische Landmaschinen (Quelle: Koch Media)

Landmaschinen der 50er bis 70er Jahre fahren. Spiel jetzt kaufen

Badeurlaub in Kroatien ab 572,- €/P.
Last Minute bei t-online.de Reisen (Quelle: t-online.de)

1 Woche im 4-Sterne- Hotel mit AI und Flug.

Klima & Umwelt
Der globale Klimawandel
CO2-Emmissionen der Industrie tragen zur Erderwärmung bei. (Quelle: Reuters)

Die Folgen der Erderwärmung für Mensch und Tier. Klima-Special


Shopping

Einkaufswelt
14,95 €-Gutschein sichern
Gutschein-Aktion bei KLiNGEL.de

Damenmode in den schönsten Sommerfarben - online bestellen und sparen. bei KLiNGEL.de

Einkaufswelt
Passform-Mode für Damen
Premium-Mode mit perfekter Passform - von RAPHAELA by BRAX

Modische Multitalente für Business und Freizeit - für Frauen mit jedem Figur-Typ. zum XXL-Special

Einkaufswelt
Exklusiver Herren-Sale
Exklusiver Daniel Hechter-SALE

Höchste Qualität zum sagenhaft günstigen Preis: Hemden, Jacken u.v.m. von Daniel Hechter. mehr



Aus anderen Bereichen

Grandprix: mutiger Auf- tritt von Anke Engelke
Anke Engelke verkündet Aserbaidschan beim Eurovision Song Contest: "Europa beobachtet Dich". (Quelle: dpa)

"Aserbaidschan, Europa beobachtet Dich". mehr

Hells Angels-Boss ist "stinksauer"
Frank Hanebuth, Chef der Hannoveraner Hells Angels, ist über das Vorgehen der Polizei empört (Quelle: dpa)

Rocker beschwert sich über die Razzia. mehr

Deutsche Firma erhält Starbucks-Großauftrag
Auch Starbucks will Kaffeekapseln auf den Markt bringen (Quelle: Reuters)

Kaffeekapseln kommen auf den Markt. mehr


Anzeigen

Anzeige
Anzeige
Einkaufswelt
Die neuen Kurzarmhemden
Die neuen Kurzarmhemden von Esprit

Lässige Frühjahrshemden im zeitlosen Karo-Muster. mehr

Special
Die neuen Kriege
US-Soldaten beim Einsatz in Afghanistan (Quelle: Reuters)

Moderne Kriegsführung und moderne Waffen. mehr

Special
Islamische Welt in Aufruhr
Massenproteste im Maghreb: Die arabische Welt ist in Aufruhr (Foto: Reuters)

Aktuelles, Hintergründe, Analysen aus den Krisengebieten. mehr

Augenblicke
Fotos des Tages
Eine Frau versucht bei den "Redneck Games" in Dublin, einen Schweinefuß mit dem Mund zu fischen. (Quelle: dpa\Erik S. Lesser)

Tierischer Tauchgang. Was sucht diese Frau? mehr

Regionale Nachrichten
News aus Ihrer Region
Nachrichten aus Ihrer Region (Foto: imago)

Aktuelle Meldungen aus den Bundesländern. mehr

Aus dem All
Satellitenbild der Woche

Wie Außerirdische die Erde sehen würden. zur Foto-Serie

Quiz
Rätseln Sie sich schlau!
(Montage: t-online.de)

Quiz bei t-online.de: Testen Sie Ihr Wissen. zur Quiz-Seite

Anzeige

Zur breiten Ansicht
© Deutsche Telekom AG 2012

Anzeige