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Wie die Sünde in die Welt kam

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Wie die Sünde in die Welt kam

25.02.2010, 12:54 Uhr | Von Holger Dambeck, Spiegel Online

Evolution: Wie entwickelte sich die Moral des Menschen? (Foto: Reuters) (Quelle: Reuters)

Die Frage nach Sinn und Herkunft von Religionen beschäftigt die Menschheit seit Jahrhunderten - doch in den vergangenen Jahren haben Ethnologen, Hirnforscher und Psychologen ganz neue Antworten auf die alte Frage geliefert: Woher kommt die Moral? Und woher, im Umkehrschluss, die Sünde?

Der Evolutionsbiologe Pascal Boyer von der Washington University in St. Louis zum Beispiel. Er deutet Religion als hilfreiches Konstrukt des menschlichen Geistes, das dem Menschen Überlebensvorteile schafft. Seine These: Wer glaubt, kommt besser durchs Leben. Religiöse Menschen waren deshalb in der Menschheitsgeschichte im Vorteil und setzten sich gegen die Nichtreligiösen durch. Es findet Selektion statt: Gläubige triumphieren über Ungläubige.

Forscher: Selektion begünstigt Unterordnung

Oder ist das falsch gedacht? Der Brite Richard Dawkins bezweifelt, dass die Selektion Religiosität begünstigt. Er hält den Glauben vielmehr für ein Nebenprodukt anderer menschlicher Eigenschaften - zum Beispiel der Unterordnung unter Autoritäten. Seine Argumentation im Gespräch mit dem "Spiegel" : "In der Wildnis lebte ein aufmüpfiges Kind gefährlich, weil es die Warnungen der Eltern ignorierte." Deshalb habe die Selektion wahrscheinlich die Unterordnung unter Autoritäten begünstigt. "Ein Gehirn aber, das glaubt, was Autoritäten sagen, kann nicht mehr unterscheiden zwischen dem guten Rat, nachts nicht in den Wald zu gehen, weil da ein Tiger lauern könnte - und dem törichten Befehl, eine Ziege zu opfern, um den Regen herbeizurufen."

Religiosität "eine Art Persönlichkeitsmerkmal"

Dawkins Thesen aus seinem Bestseller "Der Gotteswahn" werden von Psychologen bestätigt. Daniel Wisneski von der University of Illinois in Chicago etwa hält Religiosität für ein Art Persönlichkeitsmerkmal und interpretiert sie wie Dawkins als Folge von Autoritätsgläubigkeit.

Religiöse stimmen Autorität eher zu

Wisneskis Team hat 2009 700 US-Bürger befragt, wie sehr sie den Urteilen des Obersten Gerichtshofs über aktive Sterbehilfe trauen. Ergebnis: Je religiöser die Befragten waren, mit umso größerer Wahrscheinlichkeit stimmten sie der Autorität des Gerichtes zu.

"Mensch sucht nach einem Grund"

Pascal Boyer vertritt die Meinung, dass es gleich mehrere Faktoren gibt, die den Menschen fast zwangsläufig zum Glauben bringen. Dazu gehören nicht nur die Autoritätsgläubigkeit und die Empathie, sondern auch die Fähigkeit zum kausalen Denken. Bei allem, was geschehe, suche der Mensch nach einem Grund dafür, sagt der Wissenschaftler.

Entstand die Moral schon vor der Religion?

Woher stammt dann aber die Moral? Die Kirche sieht sich als ihr Hüter - aber darf sie auch als ihr Erfinder gelten? Nicht nur Richard Dawkins bestreitet das, sondern auch andere Evolutionsbiologen wie Jürgen Bereiter-Hahn von der Universität Frankfurt. "Moral und Religion haben sich aus meiner Sicht getrennt entwickelt", sagt er im Gespräch mit "Spiegel Online". "Möglicherweise ist die Moral schon vor der Religion entstanden."

"Moral kann Evolutionsvorteil schaffen"

"Die Menschen haben immer sozial gelebt, und soziales Leben bedeutet Leben nach Regeln", sagt er. Das gelte auch für Tiere. "Darin sehe ich den Ursprung der Moral - sie kann unmittelbar einen Evolutionsvorteil schaffen." Der Anfang der Religion liege hingegen in der Naturreligion. Von der Quelle bis zur Sonne: Allem hätten Menschen eine göttliche Kraft zugeschrieben, die über die eigenen Erkenntnismöglichkeiten hinausging. Schließlich seien Religion und die Regeln des Sozialverhaltens zusammengekommen.

Opfer und Wohlverhalten Grundstein?

"Die Menschen gingen davon aus: Ich muss die Gottheit gnädig stimmen, weil ich von ihr abhängig bin und kein Übel erfahren möchte", sagt Bereiter-Hahn. Das gehe über Opfer oder eben über Formen von Wohlverhalten. "Damit könnte der Grundstein für eine Verbindung von Moral und Religion gelegt worden sein."

Ungünstige Ereignisse durch Schuld erklären

Ludwig Siep, Philosoph an der Universität Münster, sieht die Religion als "vermutlich eine, aber nicht die einzige Quelle von Moral". Die frühen Religionen seien selbst eine Art moralischer Welterklärungen. Ungünstige Ereignisse müssten, weil sie nicht anders erklärbar sind, irgendwie auf Schuld zurückgeführt werden. Diese werde oft als Verletzung irgendwelcher Geister (oft der Ahnen) oder göttlicher Kräfte interpretiert.

Mehrere Quellen der Moral

Siep vermutet, dass es mindestens drei kulturhistorische Quellen der Moral gibt: verlässliche Verabredungen, das Lob von Tugenden, Helden, großen Zielen und die Scheu vor Tabuverletzungen. Zu den Tabus gehörten nicht nur Heiliges, sondern auch andere Grenzen, etwa die Körperoberfläche oder intime Beziehungen.

Verschiedene Interpretationen von Moral

Der Soziologe Armin Nassehi von der Ludwig-Maximilians-Universität München interpretiert Moral verschieden: einerseits als Kooperationsvorteil und insofern als "Generator von konventionell richtigem Verhalten", andererseits als abstraktere Regeln von Gut und Böse.

"Moralvorschriften passen sich evolutionärer Situation an"

Diese abstraktere Moral hält Nassehi für ein Ergebnis soziokultureller Evolution. "Man kann sehen, dass sich Moralvorschriften der jeweiligen evolutionären Situation einer Gesellschaft anpassen", sagt er im Gespräch mit "Spiegel Online". Dies geschehe etwa nach der Formel: Je einfacher die Gesellschaft, umso konkreter und konventioneller die Moralvorschrift. "Je komplexer eine Gesellschaft, desto formaler und entscheidungsabhängiger werden Moralen."

"Darwins Lehre reicht nicht aus"

Mit der Evolutionstheorie komme man nicht weiter als bis zu einem generellen Kooperationsgebot, sagt Nassehi. Insofern reicht Darwins Lehre dem Soziologen als alleinige Erklärung von Moral nicht aus.

"Liebe deinen Feind" kann nachteilig sein

Theologen sehen das ähnlich. "Die evolutionsbiologische Hinführung zur Moral ist wichtig", sagt Wolfgang Achtner von der Universität Gießen, Direktor des Transscientia Instituts. Aber ausreichend findet er die Theorien von Evolutionsbiologen wie Boyer nicht. Sein Beispiel: "Im Neuen Testament heißt es: Liebe deinen Feind", sagt Achtner. Aus evolutionsbiologischer Sicht könne dieses Gebot für einen Menschen sehr nachteilig sein - nämlich dann, wenn er mit seinem Leben für die Feindesliebe bezahlen müsse. "Für verfeindete Gruppen hingegen kann es langfristig von Vorteil sein."

Gott beeinflusst Entwicklung der Moralvorstellungen

Der Gießener Theologe glaubt, dass die Transzendenz Gottes, also seine gleichzeitige Präsenz im Diesseits und Jenseits, als Korrekturfaktor in der Evolution von Religion und Ethik wirken kann - und zwar "im Sinne einer Humanisierung". Sprich: Die Präsenz Gottes beeinflusst die Entwicklung der Moralvorstellungen.

Theologe warnt Forscher

Mit noch größerer Skepsis blickt der Münchner Theologe Friedrich Wilhelm Graf auf die evolutionsbiologischen Erklärungen von Religion und Moral. Er warnt Boyer und seine Forscherkollegen gar vor den "dunklen Wassern", auf denen sie mit ihren "windschnittigen Wissenschaftsyachten" herumschippern.

"Wir können nur mutmaßen"

Die Frage nach der Herkunft der Moral werden Menschen wohl nie abschließend beantworten können, glaubt der Frankfurter Biologe Jürgen Bereiter-Hahn. Es sei niemand dabei gewesen, konstatiert er. "Wir können nur mutmaßen."


Quelle: Spiegel Online

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