06.03.2010, 16:46 Uhr | Von Carsten Hoefer, dpa
Westerwelle-Eklat auf dem Nockherberg: Schauspieler Michael Lerchenberg alias Bruder Baranabas (Foto: dpa)
NS-Vergleiche sind tabu - auch beim alljährlichen Münchner Starkbieranstich auf dem Nockherberg, bei dem es traditionell ziemlich derb und für Politiker nicht eben freundlich zugeht. Weil der Schauspieler Michael Lerchenberg in seiner satirischen Bußpredigt FDP-Chef Guido Westerwelle in die Nähe eines KZ-Organisators gerückte - so sieht das zumindest der Gerückte - wird er nun selbst zur Buße in die Wüste geschickt.
Der langjährige Stoiber-Darsteller kam am Freitag mit seinem freiwilligen Rückzug einem Rausschmiss durch die Paulaner-Brauerei zuvor, die das beliebte Spektakel alljährlich veranstaltet. Lerchenberg hatte in der Rolle des Bruder Barnabas bei seiner Fastenpredigt einen Eklat ausgelöst. Der Zentralrat der Juden beschwerte sich bitter, Westerwelle kündigte einen Boykott der Veranstaltung an.
"Alle Hartz-IV-Empfänger versammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumrum ein großer Zaun", hatte Lerchenberg den FDP-Chef vor Millionen Fernsehzuschauern wegen dessen Hartz-IV-Schelte derbleckt, wie man in Bayern sagt. Und weiter: "Das hatten wir schon mal in Deutschland." Über dem Eingangstor werde "in großen eisernen Lettern" stehen: "Leistung muss sich wieder lohnen" - eine klare Anspielung auf die nationalsozialistische Parole über dem Tor des Konzentrationslagers Auschwitz "Arbeit macht frei."
Der Münchner Nockherberg ist zwar nur ein bescheidener Hügel in Isarnähe, doch für Veranstalter und Zuschauer ein bayerischer Spaßgipfel von bundesweiter Bedeutung. Der Starkbieranstich ist die einzige Veranstaltung in Deutschland, bei der prominente Politiker in Scharen auflaufen, um sich gehörig verspotten zu lassen. Das Nockherberg-Ritual erfordert, böse Miene zum guten Spiel zu machen. In diesem Jahr saßen sechs Bundesminister im Publikum. Westerwelle fehlte, doch von der FDP gekommen waren Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Wirtschaftsminister Rainer Brüderle und Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel.
Dabei gab es jedoch ein fundamentales Missverständnis zwischen Schauspieler Lerchenberg und dem Publikum. Es gilt die unausgesprochene Regel, dass der Bußprediger die Politiker zwar verspotten, aber nicht diffamieren darf. Lerchenberg wollte aber den Politikern ernsthaft die Leviten lesen und schoss dabei nach Meinung seiner Kritiker über das Ziel hinaus.
Lerchenberg fühlt sich trotz Rückzugs offensichtlich im Recht: Aus der Bevölkerung seien "unzählige zustimmende Reaktionen" gekommen. Doch sei "der politische und öffentliche Druck auf uns und die Paulaner Brauerei so groß geworden, dass mir eine Rückkehr in die Nockherberg-Kanzel unmöglich erscheint." Westerwelle - der früher gern den Nockherberg besuchte - hat sich erneute Einladungen von der Brauerei verbeten. Ob er nach Lerchenbergs Rückzug im nächsten Jahr wieder kommt, ist unklar.
Quelle: dpa
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