18.06.2007, 09:42 Uhr | Von Nicolas Revise, AFP
Der grausame Fund machte in Indien vergangene Woche Schlagzeilen: In einer Klärgrube auf dem Gelände einer Geburtsklinik von Neu Delhi fand die Polizei die Überreste von mindestens 30 weiblichen Föten. Der Betreiber der Klinik, der sich fälschlicherweise als Arzt ausgab, soll die Föten nach einem Geschlechtstest gezielt abgetrieben und sie dann in die Toilette geworfen haben. Der spektakuläre Fall bringt ein altes Problem in Indien wieder ins Bewusstsein: die gezielte Abtreibung und auch Tötung von Mädchen. Denn in den Augen der Gesellschaft sind sie weniger wert Jungen.
Klinikbetreiber weist Vorwürfe zurück
In der Klärgrube der Klinik im Nobelvorort Gurgaon fanden die Ermittler bis vergangenen Freitag verbrannte Knochen und Überreste von 30 weiblichen Föten. Sie rechnen mit weiteren Funden im Schlamm der Grube, die über Rohre mit der Klinik verbunden ist. Der Betreiber A.K. Singh weist die Vorwürfe von sich. Er behauptet, seine Klinik sei auf dem Gelände eines ehemaligen Krematoriums errichtet worden, mit den Knochenfunden sei zu rechnen gewesen.
Illegale Abtreibungen im großen Stil
Singh hatte schon vorher Probleme mit der Justiz, weil er mit Hilfe eines gefälschten Diploms als Arzt praktizierte. Nun muss er nach Angaben eines Anwalts beim Obersten Gerichtshof mit bis zu sieben Jahre Haft wegen illegaler Geschlechtsbestimmung und Abtreibung rechnen. Singh ist kein Einzelfall. Im vergangenen August wurden in einem Brunnen im nordindischen Punjab die Überreste von Dutzenden weiblichen Föten entdeckt. Neben dem Brunnen betrieb ein Paar eine ambulante Gesundheitsstation - die beiden stehen im Verdacht, illegale Abtreibungen im großen Stil vorgenommen zu haben.
Ärzte dürfen Geschlecht des Embryos nicht bestimmen
Schwangerschaftsabbrüche sind in Indien nicht verboten. Doch haben nur ausgewählte Kliniken dafür eine Zulassung. Um die vorsätzliche Abtreibung weiblicher Föten einzudämmen, dürfen Ärzte darüber hinaus seit 1994 nicht mehr das Geschlecht des Embryos per Ultraschall bestimmen. Zur ersten Verurteilung kam es aber erst zwölf Jahre nach Erlass des Gesetzes. "Qualifizierte Ärzte sind gut organisiert und sehr findig, wenn es darum geht, das Geschlecht festzustellen", beklagt die Frauenrechtlerin Sabu George.
Fünf bis zehn Millionen weibliche Föten abgetrieben
Die Geburt eines Mädchens bedeutet für Familien in weiten Teilen Indiens den finanziellen Ruin, da erwartet wird, dass es später bei der Hochzeit eine hohe Mitgift erhält. Jungen sind zudem begehrter, weil nur sie den Familiennamen weitergeben können. Viele Familien treiben deshalb weibliche Föten ab oder lassen neugeborene Mädchen einfach verhungern. Die Wissenschaftszeitung "The Lancet" veröffentlichte 2006 eine Studie, der zufolge in den vergangenen 20 Jahren in Indien ungefähr zehn Millionen weibliche Föten abgetrieben wurden. Neu Delhi stellt die Berechnungen der Autoren von der Universität Toronto allerdings in Frage und geht von fünf Millionen aus.
Immer weniger Mädchen
Die Abtreibungen haben bereits die Zusammensetzung der Bevölkerung beeinflusst: Im Bundesstaat Haryana, in dem auch Neu Delhi liegt, kommen auf 1000 Jungen unter sechs Jahren nur noch 820 Mädchen. In Punjab sind es sogar lediglich 798 Mädchen. Weltweit hat der weibliche Nachwuchs die Oberhand: Auf 1000 Jungen kommen 1050 Mädchen.
Quelle: t-online.de
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