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Warum das Wunder in Marxloh funktioniert

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Warum das Wunder in Marxloh funktioniert

27.10.2008, 08:17 Uhr


Von Carolin Jenkner, Duisburg


DITIB-Merkez-Moschee in Marxloh (Foto: ddp) DITIB-Merkez-Moschee in Marxloh (Foto: ddp)Das Zelt neben der Moschee in der Warbruckstraße in Duisburg-Marxloh fasst 3500 Personen, aber es reicht für den Andrang nicht aus: Tausende Duisburger Bürger stehen draußen und erleben diesen historischen Tag für ihren Stadtteil per "Public Viewing" auf der Großleinwand. Die größte Moschee in Deutschland wird eröffnet, samt einer Begegnungsstätte für den gesamten Stadtteil – ein einmaliges Projekt in Deutschland.

Politiker, Kirchenvertreter und der Vorstand der Moscheegemeinde sind sich einig: Die Moschee ist ein positives Beispiel von Integration. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) fordert auf der Bühne: "Wir brauchen mehr Moscheen in diesem Land, aber nicht in den Hinterhöfen, sondern sichtbar, erkennbar." Und der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland sagt, dass Duisburg diesen Integrationsprozess gut bewältigt habe.

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Friedlicher Ablauf

Alle Redner loben unisono das, was die Moschee in Duisburg von den vielen anderen Bauvorhaben muslimischer Gemeinden in Deutschland unterscheidet: das Phänomen, dass in Duisburg alles friedlich zugegangen ist. "Dass wir heute hier zur Eröffnung zusammenkommen können, kommt mir wirklich vor, wie das kleine Wunder von Marxloh", sagt Elif Saat, die Vorstandsvorsitzende der DITIB Bildungs- und Begegnungsstätte in Marxloh.

Rechtsextreme ohne Chance

Anders als in Köln-Ehrenfeld oder Berlin-Pankow hat es hier keine Bürgerinitiativen gegen die Moschee gegeben. Rechte Parteien hatten keine Chance, den Moscheebau als Anlass zu nehmen, um gegen eine angebliche Islamisierung der Republik zu polemisieren. Eine einzige NPD-Demo hat es gegeben. Die Zahl der Gegendemonstranten aber war um ein Vielfaches höher. Und ein Raunen, das hier und da unter der nicht-muslimischen Bevölkerung zu hören war, scheint langsam dem Stolz über das prestigeträchtige Gebäude zu weichen.

Begegnungsstätte für den ganzen Stadtteil

23 Meter hoch ist die Kuppel, innen ist sie mit aufwendigen Malereien verziert und mit Goldbronze veredelt. Die Fenster sind aus blauem Glas, in der Kuppel hängt ein goldfarbener Kronleuchter, der mehrere Meter Durchmesser hat. Im Gebetsraum sinken die Füße tief in den flauschigen Teppich ein. Dort, wo einst die alte Zechenkantine als Gebetsraum dienen musste, ist ein würdiges, helles Gotteshaus entstanden. Im Keller des Sieben-Millionen-Euro-Baus befindet sich eine Begegnungsstätte für den ganzen Stadtteil. 3,2 Millionen Euro hat das Land Nordrhein-Westfalen in die Begegnungsstätte gesteckt. Die übrigen Millionen für die Moschee sind allein durch Spenden zusammengekommen.

Grundstückspreise in der Umgebung steigen

Das repräsentative Gebäude scheint dem Stadtteil gut zu tun: Die neugebauten Reihenhäuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite ließen sich auf einmal gut verkaufen, als der erste Spatenstich getan war. Die Grundstückspreise in der direkten Umgebung stiegen. Und das in einem Stadtteil, der von Arbeitslosigkeit und einem hohen Migrantenanteil geprägt ist. Von den 18.000 Einwohnern in Marxloh haben gut 6000 einen ausländischen Pass. Über 20 Prozent der Marxloher, so schätzt die Stadt, leben von Transferleistungen.

Verzicht auf Muezzin-Ruf

Warum aber lief in Marxloh alles so reibungslos? Liegt es daran, dass das Minarett nur 34 Meter misst und damit nur halb so hoch ist wie der Turm der katholischen Kirche? Oder daran, dass die muslimische Gemeinde von vornherein auf einen Muezzin-Ruf verzichtet hat? Das sind vielleicht zwei symbolische Punkte, die zum Erfolg beigetragen haben. Viel wichtiger wiegt aber eine ganz simple Tatsache: Die Menschen in Marxloh haben sich zusammengesetzt und miteinander geredet. Sie haben offen über Ängste und Vorurteile diskutiert – ohne Hemmungen.

Betreiber fühlen sich deutsch

Es sind Leute wie Elif Saat, Zülfiye Kaykin, die Geschäftsführerin der Begegnungsstätte, und der Pressesprecher Mustafa Kücük, die die Debatte angetrieben haben. Sie alle gehören zur zweiten Generation der Gastarbeiter. Sie fühlen sich deutsch, übernehmen Verantwortung in der Gesellschaft und könnten ohne Weiteres bei Anne Will oder Sandra Maischberger als positive Beispiele von Integration auf einem der Talkshow-Sessel Platz nehmen.

16-Stunden-Tag für die gute Sache

"Wir sprechen viel miteinander, nicht übereinander", sagt Kücük, 39, in der Woche vor der Eröffnung, während er durch die Moschee führt. Tagsüber arbeitet er für Thyssen, abends für die Gemeinde. Jetzt hat er sich Urlaub genommen und verbringt 16 Stunden am Tag damit, Journalisten das Wunder von Marxloh zu zeigen. Er ist immer in Eile, hat zwei Handys in der Westentasche seines grauen Anzugs. Mindestens eins davon klingelt immer.

"Unsere Generation übernimmt Verantwortung"

Kücük und seine Mitstreiter hatten die Idee, nicht nur eine Moschee, sondern auch eine Begegnungsstätte zu schaffen. Das Konzept: ein würdiges Gotteshaus, aber auch ein Treffpunkt für den Stadtteil. "Wir stehen zueinander, unsere Generation übernimmt Verantwortung", sagt er. Und weil seine Generation der Überzeugung war, dass man über so einen Bau nur gesamtgesellschaftlich entscheiden kann, hat sie angeregt, einen Beirat zu gründen. Das Vorhaben sollte im ganzen Stadtteil diskutiert werden.

"Schließlich ist es doch ein Gotteshaus"

Im Beirat saß auch der katholische Pfarrer Michael Kemper. Seine Kirche St. Peter liegt nur 300 Meter von der Moschee entfernt. Kemper empfängt seine Gäste im alten Pfarrhaus, einem Altbau aus der Jahrhundertwende mit hohen Decken und Parkett. Ein Relikt aus besseren Zeiten für seine Gemeinde. Anfang des Jahres musste die Nachbarpfarrei St. Paul geschlossen werden. Zu wenige Mitglieder, zu wenig Geld, wie überall im Bistum Essen. "Aber das hat ja nichts mit dem Bau der Moschee zu tun", beschwichtigt Kemper sofort. "Ich war von vornherein für den Bau – schließlich ist es doch ein Gotteshaus."

Kultureller Schmelztiegel unter Tage

Der Pfarrer lobt die freundschaftliche Zusammenarbeit mit der DITIB-Gemeinde. Schon jetzt gehen viele muslimische Kinder in den katholischen Kindergarten. Zu Festen laden sich Katholiken und Muslime gegenseitig ein. "Es geht nur ein Miteinander", sagt der Pfarrer. Er spricht auch von einem "Wir-Gefühl" im Stadtteil: "Die Notwendigkeit, sich miteinander zu verständigen, liegt 1000 Meter tiefer, im Bergbau", sagt er. "Deutsche und türkische Kumpel haben Seit an Seit gearbeitet. Die mussten sich verstehen, sich aufeinander verlassen können. Das hat sich auf den Stadtteil übertragen."

"Es gibt Ängste von Vorherrschaft"

Trotzdem verschweigt Pfarrer Kemper nicht die Skepsis in seiner Gemeinde. "Es gibt Ängste von Vorherrschaft", erklärt er. "Aber es gibt in der Gemeinde wachsende Einsicht. Und vor allem Dankbarkeit, dass hier alles friedlich verläuft." Niemand in Marxloh will Konflikte wie in Köln.

Kein Symbol der Abgrenzung

Das bekräftigt auch der Vorstandsvorsitzende der Moschee, Mehmet Özay, bei der Eröffnungsfeier: "Diese neue schöne Moschee ist ganz sicher kein Symbol der gesellschaftlichen Abgrenzung von Deutschland, sondern sie ist ganz sicher ein Symbol der menschlichen, religiösen, kulturellen und gesellschaftlichen Zuwendung." Die Gastarbeiter und deren Nachfahren, meint er, seien jetzt voll und ganz angekommen in Duisburg und Deutschland.



Quelle: Spiegel Online

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