04.11.2010, 16:08 Uhr | DAPD
Berlin (dapd-bln). Es dauert etwa eine Stunde bis Hu-Ping Chen ein Weihnachtsmann ist. Das Gesicht geschminkt, ein wenig rote Farbe auf die Wangen. Bart und Haare werden grau gefärbt. Hier hat Chen vielen Kollegen vom "Berliner Weihnachtsmann", einem Projekt der Arbeitsvermittlung Heinzelmännchen vom Studentenwerk Berlin, etwas voraus: Sein Bart und seine langen Haare sind echt. "Und von Jahr zu Jahr muss ich auch immer weniger graue Farbe benutzen", scherzt der 56-Jährige. Schließlich setzt Chen noch die rote Mütze auf und zieht den roten Mantel an - und fertig ist er für die Bescherung. Seit etwa 20 Jahren schon geht er so an Heiligabend von Haus zu Haus, ruft "Hohoho" und überrascht Kinder.
"Die wollen dann auch wissen, ob alles echt ist und ziehen dann am Bart", erzählt Chen. Im Gegenzug darf er auch bei den Kindern an den Haaren ziehen, um sich seinerseits zu vergewissern, ob diese echt sind. Die Besuche bei den Familien seien immer wieder anders. "Manche Kinder rennen auf einen zu, andere sind eher zurückhaltend." Das Aufwendigste aber sei die Vorbereitung. Bis zu anderthalb Stunden spricht er mit den Eltern und erfährt, was die Kinder im Jahr Gutes oder weniger Gutes getan haben. "Ich mache aber nie Vorhaltungen, sondern versuche immer Ratschläge zu geben", sagt Chen. Er erzähle den Kleinen beispielsweise, sie müssten verhindern, dass das Engelchen sich den Fuß verknackst, weil sie ihr Zimmer nicht aufgeräumt haben.
Seit dem 1. November nimmt der "Berliner Weihnachtsmann" wieder Buchungen entgegen. In der Kartei sind laut Chen über 500 Weihnachtsmänner und Engel erfasst. Sie alle werden in Schulungen auf den großen Tag vorbereitet. Sie erhalten beispielsweise eine kleine Einführung in die Kultur des Weihnachtsfestes und lernen Lieder. Um möglichst viele Buchungen berücksichtigen zu können, arbeitet das Projekt mit dem Berlin-Brandenburger Netzwerk der Weihnachtsmänner und Weihnachtsengel zusammen.
Allerdings gebe es immer weniger Weihnachtsmänner, sagt der Projektleiter vom "Berliner Weihnachtsmann", Bernd Skischally. Er vermutet, dass das möglicherweise mit den gestiegenen Anforderungen an die Studenten durch die Bachelor- und Masterstudiengänge zusammenhängt. Durch Umfragen versuche das Studentenwerk, den Grund dafür herauszubekommen. Eltern rät er, wegen des Weihnachtsmannmangels möglichst schon im November zu buchen. Anfang Dezember seien die Termine am Heiligabend meist bereits vergeben.
Ein neuer Trend sei, dass immer mehr Studentinnen und Frauen an Heiligabend Engel spielen wollen. Der 30-jährigen Angela Jehring scheinen ihre Eltern die Rolle als Engel bereits mit dem Vornamen in die Wiege gelegt zu haben. Jehring arbeitet bereits seit zehn Jahren als Engel und betreibt seit fünf Jahren vom brandenburgischen Schulzendorf aus "Angelas Engel-Agentur". Sie wird meistens von den Kindern gefragt, ob sie wirklich fliegen könne. Ihre Antwort: "Dazu muss ich mich unsichtbar machen, damit sich die Piloten in den Flugzeugen nicht erschrecken." Die Kinder geben sich meistens damit zufrieden, erzählt sie.
An Heiligabend wird sie etwa zehn bis zwölf Termine haben. Ein stressiges Programm an einem Abend, an dem andere im Kreis der Familie feiern. "Ach, mir gibt das so viel Energie", sagt Jehring. Mit ihrer Familie könne sie dann am nächsten Tag nachfeiern. Es seien sehr schöne und auch lustige Momente dabei. Zum Beispiel habe sie sich auch schon mal in der Tür geirrt. Die Nachbarn hatten dann freundlich den richtigen Weg gewiesen. Besonders schön an der Engelrolle findet sie, dass die Kinder meist positiv auf sie reagieren - anders als bei den Weihnachtsmännern, die manchmal etwas furchteinflößend wirkten.
An Heiligabend drehe sie sich noch Locken in ihre langen, blonden Haare, erzählt sie. Zusammen mit ihrer Kostümierung gibt Jehring dann offenbar einen sehr überzeugenden Engel ab. Eine Mutter habe ihr einmal erzählt, dass ihre neunjährige Tochter nach Heiligabend noch das ganze Jahr vom Fenster aus in den Himmel geschaut und nach ihr Ausschau gehalten hat.
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