
20.02.2012, 16:56 Uhr | Marc Pitzke, Port Saint Lucie, Florida
Newt Gingrich kommt zu spät, wie so oft. Vor einer Stunde hätte er hier sein sollen, doch immer noch kein Spur von dem Kandidaten. Ein paar Lokalhonoratioren nutzen die Zeit, um nacheinander ans Mikrofon treten, Präsident Barack Obamas "sozialistische Agenda" zu verhöhnen und den "Newt-Rap" zu singen: "Hoo! Hoo-hoo! Everybody vote for Newt!" Rund 150 Senioren wippen im Takt mit.
Samstagfrüh auf einem Golfkurs in Port Saint Lucie an der "Treasure Coast": Floridas "Schatzküste", benannt nach den Galeonen, die einst vor diesen Stränden havarierten, ist ein Wallfahrtsort für Taucher, Golfer - und republikanische Präsidentschaftskandidaten. Heute noch erinnern sich viele hier an Rudy Giuliani, der vor vier Jahren in diesen Gefilden auf Stimmenfang und dann unterging.
Diesmal hofft Gingrich, sich die Pensionäre und Millionäre zu angeln, um im Duell gegen Mitt Romney Oberwasser zu behalten. Vor der entscheidenden Florida-Vorwahl am Dienstag spricht er erst kurz auf einem Fundraising-Frühstück, dessen Gäste 75 Dollar pro Kopf für den "Brunch mit Newt" bezahlt haben. Danach hat er sich im PGA Village angesagt, einem der feinsten Parcours der US-Golfverbands PGA.
Auf dessen millimetergenau rasiertem Rasen wartet auch Carol Hansen. Die pensionierte Stewardess hat sich mit einem Kühlkarren im Schatten einer Palme aufgebaut und verteilt Eis - Schoko und Vanille. Auf ihrer Schürze steht "Two Scoops for Newt" ("Zwei Kugeln für Newt"), auf ihrer Baseballmütze "Newt 2012".
Im Mittelpunkt des TV-Duells stand das Thema Einwanderung. Die nächste Vorwahl der Republikaner für die Präsidentschaftskandidatur findet in Florida statt. zum Video
Was sie an Gingrich denn so möge? "Alles", strahlt Hansen. Sie preist seinen Intellekt, seine Debattierkunst, seine "starken Prinzipien" - und beginnt sofort über Obama zu lästern. An dem störe sie vor allem eines: "Der ist ja gar kein Amerikaner." Ihre Freundin Roseanne Johnson, die neben ihr steht, nickt zustimmend. "Alles Lüge", sagt sie.
Das meinen sie wortwörtlich. "Obamas Geburtsurkunde ist eine totale Fälschung", sagt Hansen. "Das ist erwiesen."
In seiner mit Spannung erwarteten Rede zur Lage der Nation hat der US-Präsident vor allem wirtschaftliche Fehlentwicklungen angeprangert. zum Video
Ja, es gibt sie immer noch: die "Birthers" - jene wackeren Verschwörungstheoretiker, die glauben, dass der auf Hawaii geborene Barack Obama in Wahrheit aus dem Ausland stamme und folglich gar kein US-Präsident sein dürfe. Die abstruse "Geburtsdebatte", die 2008 erstmals aufkam, schien abgehakt, als ihr Protagonist Donald Trump damit scheiterte. Doch in dieser Vorwahl bekommt sie neuen Auftrieb.
Hansen und Johnson sind keine Ausnahmen. 52 Prozent aller Republikaner zweifeln bis heute an Obamas US-Staatsbürgerschaft oder leugnen sie ganz - obwohl der US-Präsident im April 2011 seine Geburtsurkunde offenlegte. Sie munkeln, spielen mit Zweideutigkeiten, geben es zwischen den Zeilen zu verstehen.
Die Vorwahl-Kandidaten löschen die Glut nicht oder fachen sie sogar an. Gingrich attestierte Obama schon 2010 "kenianisch-antikoloniales Gebaren", "außerhalb unseres Verständnisses" - Codewörter für die "Birther". Romney tituliert ihn täglich als "europäischen Sozialisten", auch wenn er sich nicht weiter aufs "Birther"-Parkett wagt - wohl weil sein eigener Vater in Mexiko geboren wurde, wohin dessen Vater, ein Mormone, wiederum geflohen war, um den US-Gesetzen gegen die Polygamie zu entkommen.
Und Rick Santorum lässt es am Montag bei einer Bürgerversammlung in Lady Lake im Herzen Floridas auffallend unkommentiert, als eine Frau stolz erklärt, sie weigere sich, den "erklärten Moslem" Obama als Präsidenten anzuerkennen: "Denn dem Gesetz nach ist er das ja nicht." Sprich: Er sei kein Amerikaner.
Vor vier Jahren nahm selbst John McCain seinen damaligen Widersacher Obama gegen solche wilden Verleumdungen in Schutz. "Nein, Ma'am", wies McCain da eine Frau zurecht, die Barack Obama als "Araber" tituliert hatte. "Er ist ein aufrechter Familienvater, ein Mitbürger, mit dem ich nur Meinungsverschiedenheiten habe."
Doch diesmal bleibt das Gerede unkorrigiert im Raum stehen. Als Santorum von CNN darauf angesprochen wurde, gab er patzig zurück: "Ich halte es nicht für meine Pflicht, den Leuten jedesmal zu widersprechen, wenn sie etwas sagen, was ich nicht glaube."
Nicht widersprechen will Santorum auch dem "Birther"-Papst Joseph Farah. Der Verleger ist einer der "30 konservativen Führer", die seine Kandidatur unterstützen. Farahs Kampfblog WorldNetDaily ist ein regelrechter "Birther"-Basar.
Mit seiner schweigenden Duldung folgt Santorum dem Beispiel von John Boehner, dem Sprecher des US-Repräsentantenhauses: Als ein Dutzend Republikaner Obamas Herkunft mit einem - gescheiterten - Gesetzesantrag anzweifelten, sagte der: "Es liegt nicht an mir, ihnen vorzuschreiben, was sie denken sollen."
Der Unterton ist stets der gleiche - und das Geburtsdrama sein extremster Auswuchs: "Obama", sagt Hansen, "ist keiner von uns."
Bis auf Fox News - das den "Birthers" seine TV-Plattform liebend gerne zur Verfügung stellt - tun die meisten US-Medien das Theater als lachhaft ab. Das irritiert die Akteure wenig: "Ihr linken Medien", lächelt Hansen, "steckt doch mit Obama unter einer Decke."
Eine weitere, bizarre Episode spielt sich am Donnerstag vor einem Gericht in Atlanta ab - im Nachbarstaat Georgia. Dort fordert eine "Birther"-Gruppe, Obama wegen fehlender Staatsangehörigkeit von der Wahl im November auszuschließen. Dutzende solcher Klagen sind schon gescheitert, doch diesmal findet Richter Michael Malihi das zumindest so berechtigt, dass er erlaubt, den Präsidenten persönlich in seinen Saal vorzuladen.
Der erscheint natürlich nicht - "auf eigenes Risiko", wie ihn Georgias republikanischer Innenminister Brian Kemp warnt. Die "Birthers" aber nutzen die Gelegenheit, ihre Theorien erneut auszubreiten. Wortführerin ist die kalifornische Anwältin Orly Taitz, als "Bienenkönigin der Birther" bekannt - kaum abgeschreckt von den 20.000 Dollar Strafe, zu denen sie im vergangenen Jahr wegen ähnlich "schikanöser Klagen" verdonnert worden ist.
Carol Hansen hat das Verfahren in Atlanta aufmerksam verfolgt. Sie kennt die Argumente auswendig: So bezeichne Obamas Geburtsurkunde seinen kenianischen Vater als "African" - "wo das doch damals 'Negro' hieß".
Schließlich erscheint Newt Gingrich auf dem Golfplatz in Port Saint Lucie. Er spricht gut 20 Minuten. Die Geburtsdebatte erwähnt er zwar nicht explizit, streut aber jede Menge Codes ein. Etwa, dass Obama, "der effektivste Essensmarken-Präsident" der US-Geschichte, "das amerikanische Leben nicht versteht".
Carol Hansen ist jedenfalls überglücklich: Anschließend signiert Gingrich ihre Schürze. Das ist ein Dokument, dem sie glauben kann.
Quelle: dapd
Rose schrieb:
am 29. Januar 2012 um 19:10:46
(4)
(1)
Demokratie
Von diesem Lehrstück der Demokratie können wieder alle wilden,undemokratischen Völker lernen!
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