
29.11.2011, 10:00 Uhr | Marc Pitzke, New York
Solch einen TV-Auftritt erlebt man nur mit US-Republikanern. Erstmals stritten die Präsidentschaftsbewerber vor laufender Kamera über Außenpolitik. Ihr Weltbild ist so schräg wie einfach: Überall droht Terror, Folter ist wieder erlaubt - und Europa kommt nicht vor.
Michele Bachmann kommt als Dominatrix. Hautenges, schwarzes Kostüm, schwarzes Rüschendekolleté, strenge Perlenkette, das schwarzbraune Haar zum Dutt gestrafft. Das Einzige, was dem Outfit fehlt, ist die Peitsche. Das Styling hat Hintersinn. Denn diesmal geht es bei ihrem Auftritt um Außen- und Sicherheitspolitik. Da will man, da muss man Härte ausstrahlen. Denn, so macht CBS-Nachrichtenchef Scott Pelley schon zu Anfang unter Fanfarengetöse klar: "Dies ist die Oberbefehlshaber-Debatte."
Diesem Anspruch wird Bachmann gerne gerecht. So sieht sie einen "weltweiten Nuklearkrieg gegen Israel" heraufziehen, plädiert für die Ermordung terrorverdächtiger Amerikaner in Übersee und gelobt - unter lautem Jubel eines sehr martialisch gestimmten Publikums - die Wiedereinführung des Waterboardings: "Ich wäre dazu bereit."
Spätestens da merkt selbst der Argloseste: Wir sind unter Republikanern. Deren konservative Hoffnungsträger - sieben Männer und eine Frau - wollen Erzfeind Barack Obama zum Einmal-Präsidenten stutzen. Sie sind bereits einige Male vor Fernsehpublikum aufeinandergetroffen. Doch zum ersten Mal wurde dezidiert in einer Fernsehdebatte eine Frage diskutiert, die in diesem Vorwahlkampf der Anti-Obamas schon eine wichtige Rolle gespielt hat - die Außenpolitik.
Es ist eine Thematik, die in den innenpolitisch fixierten US-Wahlkämpfen oft zu kurz kommt und auch viele der Teilnehmer immer wieder überfordert. Weshalb die acht Präsidentschaftsbewerber hinter ihren Pulten auf der Bühne wie die Kandidaten einer Quizshow wirken. Man erwartet fast, dass sie auf einen Summer hauen, wenn ihnen eine Antwort einfällt.
Wie Quiz-Kandidaten haben sie sich auch vorbereitet. Haben fleißig Stichworte, Parolen und ebenso knackige wie bedeutungslose Floskeln auswendig gelernt ( Mitt Romney: "Wir verhandeln nicht mit Terroristen"). Die zitieren sie meist perfekt, damit der Zuschauer gleich weiß, was dem Rest der Welt droht, sollte einer von ihnen die Wahlen 2012 wirklich gewinnen.
Heraus kommt ein atemberaubender Rückfall in die Wildwest-Jahre George W. Bushs. Mehr noch: Im Vergleich zu diesen hüftschießenden Hosentaschenkriegern war Bush geradezu ein Pazifist. Im Namen der nationalen Sicherheit wollen sie foltern, morden und das Lager Guantanamo wieder auf Trab bringen. "Dies ist Krieg!", ruft Rick Perry. "Das passiert im Krieg nun mal!" Da juchzen die Claqueure im Saal.
Kein Wunder: CBS sendet aus South Carolina - dem Südstaat, der 1860 als erster aus der Union austrat und so den Amerikanischen Bürgerkrieg anzettelte. Bachmann verspricht, die ihrer Ansicht nach offenbar guten, alten Zeiten der Folter wieder aufleben zu lassen. Auch Mitt Romney und Rick Perry sind dafür. Ex-Pizzaketten-Chef Herman Cain, dessen zeitweiliger Spitzenreiter-Status im Skandalgeraune um Belästigungsvorwürfe verlorengegangen ist, sagt zwar: "Ich bin mit Folter nicht einverstanden." Doch Waterboarding sei natürlich keine Folter.
Die Zuschauer im Saal - offenbar allerfeinste Republikaner-Basis - tanzen da fast auf den Stühlen. Vor allem Perry nutzt das aus. Der Gouverneur aus Texas muss nach seiner Denkblockade bei der letzten TV-Debatte diesmal alles geben. Noch so ein Patzer, und er ist ganz raus aus diesem Geisterrennen, dessen Sieger mit Romney eigentlich seit Wochen feststeht.
Also prescht Perry knallhart nach vorn. Besser gesagt zurück, indem er eine uralte Hardliner-Applauszeile abstaubt: Alle außenpolitischen Probleme werde er lösen, indem er erst mal jedem Land auf der Welt die US-Entwicklungshilfe streiche. "Sie verdienen unsere Hilfe nicht", sagt er etwa über Pakistan.
So einfach ist das. Wieder Jubel - auch wenn das natürlich völlig außer Acht lässt, dass die Entwicklungshilfe nur einen Bruchteil des US-Staatshaushalts bestreitet, dass der Atomstaat Pakistan nicht so einfach sich selbst überlassen werden kann - und dass Pakistan ab Januar auch im Uno-Sicherheitsrat sitzt. Doch selbst Israel, so beharrt Perry auf spätere Nachfrage, wolle er erst mal "auf null" zurückschrauben, "absolut". So sieht Diplomatie in Texas aus.
"Gouverneur Perry ist ein Freund Israels", beteuert dessen Team noch schleunigst per Twitter. "2009 bekam er in Israel den Defender of Jerusalem Award." Doch noch während der Debatte beschwert sich die Israel-Lobby Aipac - wieder eine Wählergruppe futsch.
Macht nichts. Hier geht's zunächst nur um die Basis. Und da darf man dann auch mal so verwegene Sachen sagen wie Mitt Romney: "Wenn wir Barack Obama wiederwählen, wird Iran eine Atomwaffe bekommen." Oder - wie Newt Gingrich - Teheran den Krieg androhen. Oder - wie Rick Perry - versprechen, er werde die iranische Wirtschaft "stilllegen". Wie auch immer er das bewerkstelligen will.
Perry ist wie immer für die meisten Bonmots dieses Abends verantwortlich. Etwa mit seinem Fachwissen zur aufstrebenden Großmacht China: "Ich glaube, dass die kommunistische Regierung Chinas auf dem Aschehaufen der Geschichte enden wird", sagt er in Anspielung auf ein Zitat Ronald Reagans über die untergehende Sowjetunion.
Da hilft es wenig, dass Perry sich als besonders profilierter sicherheitspolitischer Experte zu gerieren versucht, weil er mal in der Air Force war und "mit Generälen zu tun gehabt" habe. Die Komplexität der Materie ist ihm wie den anderen spürbar unangenehm: Sie bewegen sich auf dünnem Eis. "Ich finde das eine interessante Unterhaltung", behauptet Perry dennoch - und wechselt dann schnell das Thema.
Cain - der unter anderem fabuliert, die USA seien von iranischem Öl abhängig - redet betont langsam, macht viele Pausen und wirft mit Allgemeinplätzen um sich, um die 60-Sekunden-Antworten zu füllen. Besonders gewitzt will er das bei einer Frage nach dem Arabischen Frühling machen: Da zählt er wahllos alle Länder auf, die ihm dazu einfallen ("Ägypten, Syrien, Jemen…") - und beklagt dann, der Arabische Frühling sei "völlig aus dem Ruder gelaufen".
Ach ja: Obama habe dabei meist auf der falschen Seite gestanden. Eine irrwitzige Behauptung - trotzdem guter Stoff fürs Publikum, das auch darüber begeistert grölt.
Die Einzigen, die gelegentlich mal eine vernünftige Antwort geben und sich auch explizit gegen Folter aussprechen, haben - nicht zuletzt deshalb - keine Chancen auf die Nominierung: Ron Paul, Jon Huntsman und, streckenweise, Rick Santorum. Der würde sich freilich als US-Präsident auch nur mit Beratern umgeben, "die mit mir einer Meinung sind".
"Jeder Einzelne von uns ist besser als Barack Obama", postuliert Newt Gingrich, der seinen Intelligenzvorsprung gegenüber den Mitbewerbern gut hinter beharrlicher Aufgeblasenheit tarnt. Treffender wäre allerdings, was er an anderer Stelle anmerkt: "Wir haben keinerlei Ahnung."
Ach ja, die Euro-Krise kommt auch vor. Eine einzige Frage gilt ihr - die allerletzte, um 21.26 Uhr, vier Minuten vor Ende der Veranstaltung. Jon Huntsman verzichtet auf eine Antwort.
Quelle: Spiegel Online
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