
16.01.2012, 15:16 Uhr | Von Marc Pitzke, New York
Es sollte die Abrechnung mit dem parteiinternen Rivalen Herman Cain werden, doch dann katapultierte sich Rick Perry aus dem Präsidentschaftsrennen der US-Republikaner. Bei einer TV-Debatte der Kandidaten hatte der Texaner einen höchst peinlichen Blackout.
Es ist exakt 21.20 Uhr in Michigan, als Rick Perrys Präsidentschaftsambitionen enden. Seit fast eineinhalb Stunden debattierten die acht Top-Kandidaten der US- Republikaner schon in der Sporthalle der Oakland University nördlich von Detroit. Sie beharkten sich, es geht um Steuern, Arbeitslosigkeit, Rezession und die Immobilienkrise.
Und es geht um die altbekannten Feindbilder: Washington, Barack Obama, "die Regierung". Dann folgt der Auftritt des Rick Perry: Um den Kampf dagegen zu illustrieren, lehnt sich der Gouverneur des Bundesstaates Texas mit draufgängerischer Pose vor. An seinen Fingern will er die drei Ministerien aufzählen, die er als Präsident abschaffen würde: "Handel, Bildung und …" Und dann das: Er stockt, denkt, sucht. "Ähm…" Hilflose Blicke. "Ähm…" Das Publikum raunt, lacht dann laut. Höchststrafe.
Es ist das, was der Klatschblog "Gawker" später genüsslich als "Hirnfurz" tituliert: Perry, der sowieso als etwas langsam Verhöhnte, kann sich nicht erinnern. Er hat einen klassischen Aussetzer, live, vor laufenden Kameras.
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Sicher, das kann jedem mal passieren. Nur ihm nicht. Darf es nicht. Nicht hier, wo es doch um alles geht.
Konkurrent Ron Paul hilft aus: Das Umweltamt EPA vielleicht? Ja, ja, murmelt Perry, das auch. "Im Ernst?", ruft Co-Moderator John Harwood ungläubig dazwischen. Perry versucht, das Thema zu wechseln, Harwood lässt nicht locker: "Sie können das dritte Ministerium nicht nennen?" Perry guckt leidend. "Nein, sorry." Und dann, das Wort des Tages: "Oops."
Das Energieministerium wäre es gewesen, doch Perry fällt das erst viel später ein, zu spät. Dabei hatte er es fast geschafft, hatte sich bis dahin halbwegs unbeschadet durchmogeln können durch diese auch sonst mal wieder krude TV-Debatte. Aber es soll nicht sein, und das wär's dann wohl für den Gouverneur.
Sein Sprecher Ray Sullivan müht sich noch um Schadensbegrenzung: "Er ist kein Roboter." Doch das Desaster ist komplett. Die ohnehin mauen Chancen Perrys, sich die Präsidentschaftskandidatur 2012 zu ergattern, kollabieren an diesem Abend: An der Wettbörse Intranet stürzt sein Kurs binnen einer Minute von ohnehin schon nur neun auf drei Prozent - während der seines Erzrivalen Mitt Romney steigt, von 67 auf 70 Prozent.
"Es ist aus für ihn", sagt der republikanische Wahlstratege Steve Schmidt, der 2008 als John McCains Chefberater Furore machte, im TV-Sender MSNBC über Perry. "Sein Wahlkampf ist heute zu Ende gegangen."
So schnell läuft das nämlich hier: Eine dumme Bemerkung, ein kleiner Schnitzer reichen, um auch den Besten vom Hof zu jagen. Al Gore stolperte 2000 über sein Seufzen, Howard Dean 2004 über seinen Urschrei, Sarah Palin 2008 über einen Fauxpas nach dem anderen.
Perry trat am Mittwoch schon angeschlagen in den Ring. Ihm hängt der Ruf nach, geistig nicht immer auf der Höhe zu sein - und dann schlägt er sich tatsächlich selbst k.o. Keine Viertelstunde später ist er YouTube-Star, dutzendfach unter höhnischen Titeln: "Episches Versagen", "Katastrophe" oder schlicht "Oops".
Also haben jene Recht behalten, die zuvor von der "Eliminierungsrunde" sprachen: Nach dreiwöchiger Debattenpause, so die Hoffnung, würde dieses nunmehr neunte Zusammentreffen mindestens einen der Aspiranten aus dem Rennen werfen. Nur auf Perry hatten sie dabei kaum gesetzt.
Vielmehr steht ja eigentlich Herman Cain im Visier, der frühere Pizzakettenchef, dessen Wahlkampf seit zwei Wochen von Vorwürfen sexueller Belästigung überschattet wird. Zwar sollte es bei dieser Debatte ausnahmslos um Wirtschaftsthemen gehen, schließlich war man im desolaten US-Autostaat Michigan. Aber Cains Grabsch-Skandal war als sicher gesetztes Thema angesehen worden.
20 Minuten dauerte es dann aber doch, bis sich Maria Bartiromo vom ausrichtenden Wirtschaftssender CNBC daran wagte: "Warum sollten die Amerikaner einen Präsidenten anheuern", sagte sie, "bei dem sie das Gefühl haben, dass es Charakterzweifel gibt?"
Das Saalpublikum aus strammen Parteigängern mochte das freilich gar nicht, erst recht nicht von einer Frau, und buhte Bartiromo aus. Ermutigt wich Cain der Frage nach seinem Umgang mit dem anderen Geschlecht aus, und damit war das Reizthema tot - zumindest für den Abend.
Statt dessen boten die Kandidaten, die wie Schießbuden-Figuren aufgereiht dastanden, dem Zuschauer das altbekannt-traurige Spektakel: Sie ergingen sich in leeren Phrasen und hanebüchenen Behauptungen. Obwohl sich die Moderatoren ("Die Besten im Business", tönt CNBC) wacker abstrampelten, knallhart nachzuhaken - vor allem Bartiromo und ihr Kollege Jim Cramer. Der laute Börsenprofi hatte keine Probleme, dem irritierten Newt Gingrich geradezu ins Gesicht zu brüllen.
"Nichts ist tabu", posaunte der CNBC-Ansager zum Auftakt. Aber dann gab es doch nur Eingemachtes von Romney, Cain, Perry, Gingrich, Michele Bachmann, Rick Santorum, Ron Paul und dem schmucken Jon Huntsman - dem einzigen auf der Bühne, der halbwegs sinnvoll sprechen kann und deshalb keine Chancen hat.
Romney will sowohl Italien wie auch verschuldete US-Hausbesitzer bankrott gehen lassen und erwiderte auf den Vorwurf, er sei ein politischer Wendehals: "Ich war 42 Jahre mit derselben Frau verheiratet." Perry will, dass "Amerika wieder Amerika wird". Bachmann will, dass sich die Armen das nächste "Happy Meal" von McDonald's verkneifen. Paul, der in seinem viel zu großen Anzug versank, will in einem Jahr eine Billion Dollar aus dem Haushalt streichen. Gingrich zitiert immer wieder nur sich selbst. Und Cain beantwortet jede Frage gebetsmühlenartig mit seinem - längst von Experten entzauberten - "9-9-9"-Steuerplan.
Bei dieser trübseligen, von der Kohleindustrie gesponsorten TV-Parade kam Romney am Ende noch am besten davon, indem er nichts Kontroverses sagte, am präsidialsten auftrat und seine lästigen Konkurrenten ignorierte. Auch nach diesem Abend bleibt klar: Sollte die Partei nicht noch einen grandiosen Einfall haben, wird Romney wohl ihr Langweiler-Kandidat werden.
Bis dahin müssen Cain und Perry für Kurzweil sorgen. Weshalb beide, trotz Gehirnklemme und Skandalgemunkel, ihre aussichtslosen Don-Quichotte-Reisen vorerst nicht aufgeben dürften, allein wegen des Unterhaltungswerts - und weil sie ja weiterhin noch Abermillionen Spendendollar verprassen können.
Quelle: dpa
Pfiffi schrieb:
am 10. November 2011 um 21:14:40
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Perry
Im Prinzip hat er eh eher einen affenartigen Ausdruck und wirkt dümmlich. Die Amis brauchen nicht traurig sein, es ist genug Ersatz vorhanden.
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Vor vielen Jahren schrieb:
am 10. November 2011 um 20:33:33
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Ronny und der Unterschied
Ronald Reagan hatte solche Black Outs auch drauf. Er hat sie dann aber mit einem breiten Hollywoodlächeln und
Selbstironie überspielt, und damit dann sogar Sympathien gewonnen. Funktioniert aber nur mit echter Nervenstärke und erfahrenem Hollywoodcharisma. Reagan konnte das, Perry nicht. Das ist der Unterschied. Tja, manchmal macht's eben der Unterschied.
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Gabz unpolitisch schrieb:
am 10. November 2011 um 20:24:39
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Im wilden Reich der Tiere
Kann jedem mal passieren. Typisch für unsere Zeit, dass gnadenlos nachgetreten wird, wenn es mal
"menschelt". Wie die wilden Tiere. Zeigt eines mal Schwäche wird es vom Rudel verstossen, oder andere Tiere fallen über es her und zerfleischen es. Man kann nur zunehmend Angst bekommen vor der Bestie Mensch.
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