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US-Vorwahlen: Rick Santorum und die Rückkehr der Jesuskrieger

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Die Rückkehr der Jesuskrieger

09.01.2012, 11:14 Uhr | von Marc Pitzke, Spiegel Online

Rick Santorum ist der Messias der Christlich-Konservativen in den USA (Quelle: dapd)

Rick Santorum ist der Messias der Christlich-Konservativen in den USA (Quelle: dapd)

Nach dem Vorwahlkrimi von Iowa spüren Amerikas Fundamentalisten Aufwind, schöpfen neue Hoffnung für alte Kulturkämpfe. Ihr Messias ist Rick Santorum, der seine religiöse Botschaft jetzt nach New Hampshire trägt. Doch nicht nur dort rührt sich Widerstand.

Rick Santorum ist zu aufgekratzt zum Schlafen. Obwohl es fast Mitternacht ist, will der Ex-Senator noch plaudern. Also hockt er mit einem Styroporbecher Kaffee in einer einsamen Hotellobby und massiert sich die Cowboystiefel. Neben ihm liegt der "Boston Herald". Auf dem Cover prangen sein Konterfei und die Triumph-Schlagzeile: "Rechter Haken!"

"Ich fühle mich wirklich gut", sagt Santorum "Spiegel Online". Die Leute seien empfänglich, die Diskussionen lebhaft. Seit seinem Beinahe-Sieg über Erzrivale Mitt Romney bei den Vorwahlen von Iowa ist er ja kein Underdog mehr. Hat er damit gerechnet? "Ich wusste immer schon", freut er sich, "dass wir besser werden würden."

Zwei Millionen Dollar neue Spenden

Selbstsicherheit am Ende eines langen Tages. Die Polit-Karawane ist von Iowa nach New Hampshire umgezogen, wo am Dienstag gewählt wird. Santorum sieht sich im Aufwind: Seit Iowa will der Republikaner zwei Millionen Dollar an neuen Spenden gesammelt haben.

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Beseelt von diesem Erfolg hofft er nun, auch in dem eher moderaten Neuenglandstaat zu punkten mit seiner christlich-konservativen Heilsbotschaft, die im Mittelpunkt seines gesamten Wesens steht, politisch wie privat. Schon der Titel seiner Wahlkampfreise: "Faith, Family & Freedom Tour". Glaube, Familie, Freiheit: Da wird schnell klar, dass sich hinter Santorums Standardsätzen von niedrigen Steuern, weniger Staat und dem "Sozialisten" Barack Obama in Wahrheit ein Kreuzzug verbirgt.

Den führt er nicht alleine. Seit Iowa wittern die christlich-konservativen Kräfte in der Republikanischen Partei wieder Morgenluft. Die Glaubenskrieger, deren Kulturkämpfe um Abtreibung, Sex und Religion im öffentlichen Leben die neunziger Jahre beherrschten, sind zurückgekehrt - und Rick Santorum ist ihr neuer Messias.

Predigten für mehr Gott in der Politik

Er begeistert sie mit forschen Sprüchen gegen Schwule, mit seinem polierten Privatleben, mit seinen Predigten für mehr Gott in der Politik. In Iowa stimmten 32 Prozent der Evangelikalen für ihn. Von den anderen Kandidaten ließen die sich weniger inspirieren: Ron Paul kam bei ihnen nur auf 18 Prozent, Mitt Romney,Newt Gingrich und Rick Perry auf nur je 13 Prozent.

Denn viele trauen vor allem dem moderaten Mormonen Romney nicht über den Weg, obwohl der auf lange Sicht die besten Aussichten auf die Kandidatur hat, dank seines Geldes und seiner massiven PR-Maschinerie. Nach Iowa wähnen die Zweifler nun die Chance eines überchristlichen Alternativkandidaten - einem wie Santorum, dem der linke MSNBC-Kommentator Chris Matthews vorgeworfen hat, er wolle in den USA die Theokratie einführen.

Auch wenn ein Durchmarsch Santorums unwahrscheinlich bleibt - er sonnt sich in der Rolle des heiligen Hoffnungsträgers. "Wir brauchen immer einen Jesus-Kandidaten", hat er noch am Abend gesagt, bei seinem letzten Termin in einer High School. Der zweite Teil des Gedankens blieb unausgesprochen: Rick Santorum fühlt sich als dieser Jesus-Kandidat.

Auch Dave und Christine Caron sehen ihn so. Die Carons sind Santorums Traumfamilie: sechs Kinder, christlich, fleißig und staatlicher Einmischung so abhold, dass sie ihren Nachwuchs lieber selbst unterrichten, statt ihn in die Schule zu schicken. Um Santorum zu treffen, füllen sie zehn Dollar Sprit in ihren gebrauchten Kleinbus und bemühen sich extra hinüber ins Dorf Tilton im tiefsten New Hampshire: "Er ist unser Mann."

"Seine starke Haltung gegen die Abtreibung ist uns am allerwichtigsten", sagt Christine. Auch wüssten sie zu schätzen, dass Santorum "die Ehe von Mann und Frau verteidigt". Er kämpft gegen die Schwulenehe."Glaube und Politik gehören fest zusammen", betont Dave, ein Fluglotse, der seine Großfamilie als Alleinverdiener ernährt. "Ohne Glaube hat ein Politiker keine Überzeugungen."

Also sitzen sie im "Tilt'n Diner", einem neonfarbenen Fünfziger-Jahre-Restaurant, in dem Santorum zum Lunch angekündigt ist. Die Kinder - Eleanor, 10, Danielle, 8, Leah, 6, Dave Jr., 4, Josiah, 2, und Charity, 1 - haben mit Fingerfarben ein Plakat gemalt: "Willkommen in New Hampshire, Mr. Santorum." Vor lauter Spaß haben sie dann auch gleich noch ihren Bus mit angepinselt. Auf der einen Seite steht "Santorum". Auf der anderen steht "Jesus".

Doch Santorum findet nicht nur Zuspruch. Selbst in der eigenen Partei - die längst schamlos mit Ehebrechern (Gingrich) und Skandalnudeln (Sarah Palin) flirtet - gibt es Zweifel, ob sein striktes Evangelium noch zeitgemäß ist oder ihn nicht unwählbar macht.

Auch die Presse schaut genauer hin

Sein neuer Favoriten-Status sorgt zugleich automatisch für kritischere Presse. So meldet die "New York Times", Santorum habe nach seiner Senatskarriere als Berater bei einem Krankenhauskonzern gearbeitet, dem er zuvor "Hunderte Millionen Dollar" zugeschossen habe. Ein Vorwurf, der kaum in Santorums hochheiliges Image passt - und von dem man sich wundert, wer ihn an das Blatt lanciert hat.

Wie kontrovers sein Kulturkrieg gerade in New Hampshire ist, das spürt Santorum auch im "Tilt'n Diner". Anfangs geht alles gut, er schiebt sich mit einem Pulk von Kameras an Theken und Tischen vorbei, schüttelt Hände, posiert lange für Fotos mit den Carons.

Dann aber baut sich eine Frau vor ihm auf. "Wir sind die 99 Prozent!", deklamiert sie das Motto der Occupy-Bewegung. "Hören Sie die 99 Prozent an!" Santorum lässt sie abfahren, eiskalt lächelnd: "Ich höre die 100 Prozent an." Die Frau heißt Wendy Rogers. Sie ist seit 2002 arbeitslos, hat die Nase voll von Obama, aber sie will auch nichts wissen von Santorums Anwandlungen. Auf ihrem Auto pappt ein Aufkleber: "Unerschrocken für Abtreibung".

"Wir sind die 99 Prozent!", skandiert Rogers. "Wir sind die 99 Prozent!" Die Carons eilen ihrem Helden zu Hilfe. "Santorum for President!", versucht Dave, die Protestler zu übertönen. Christine klatscht in die Hände. Bald entspinnt sich ein lautes Hin- und Her-Gebrüll - eine dramatische Live-Show der Polarisierung, die Santorum gerne provoziert.

Bei Santorums nächstem Stopp wird es noch brenzliger. Da doziert er langatmig vor gut 200 Studenten über die "christlichen Werte", die das "moralische Vorhaben" Amerika zum "großartigsten Land der Erde" gemacht hätten und die auch seine "Mission und Vision" seien. Denn diese Werte seien in Gefahr: Die USA bräuchten eine neue "Revolution der Ideen".

Eine Studentin, die ihn zur Rede stellt, fährt er so knallhart an, dass sie zu weinen beginnt. Denn bei dem Thema versteht er keinen Spaß. Santorums Gestik und Mimik erstarren, seine Stimme wird scharf. Die Studenten verabschieden ihn mit Buhrufen. Nur zwei wackere Fans halten Santorum-Schilder hoch.

Kreuzritter hoffen auf Renaissance

Die alten Kreuzritter halten fest zu ihm, sie hoffen auf eine Renaissance ihrer Sache. Etwa Ralph Reed, der in der Clinton-Ära als Chef der Christian Coalition zum obersten Sittenwächter aufstieg und 1994 das Cover von "Time" zierte.

Nach dem Niedergang der Christian Coalition verschwand der Ex-Kellner von der Bildfläche. Doch jetzt ist er wieder da, im Kielwasser der Kandidaten von 2012. In Iowa erschien Reed - gealtert, geschminkt und unangemeldet - bei einer Caucus-Versammlung in Des Moines und pries vor den begeisterten Teilnehmern die Wiederauferstehung seiner Bewegung. Iowa, freut er sich hinterher, habe bewiesen, dass Amerikas "Glaubensgemeinde" endlich so weit sei, "jemanden ins Oval Office zu entsenden".

Führende Christkonservative wollen angeblich am Wochenende in Texas Kriegsrat halten, um sich auf einen gemeinsamen Kandidaten zu verständigen. Zu den Teilnehmern sollen so prominente Sittenwächter wie Gary Bauer gehören, der Präsident der Organisation American Values, und James Dobson, Gründer der Aktivistengruppe Focus on the Family.

Bob Vander Plaats, ein berüchtigter Sozialkonservativer aus Iowa, der Huckabees dortigen Sieg 2008 inszeniert hatte, hat dafür nur einen Wunschkandidaten - Rick Santorum: "Er kommt von uns. Er ist einer von uns."


Quelle: Spiegel Online

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Kommentare (39)

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Thema: "US-Vorwahlen: Rick Santorum und die Rückkehr der Jesuskrieger"

Hobbit schrieb: am 8. Januar 2012 um 14:45:47
(4) (0) Santorum
Fundamentalismus egal welcher Glaubensrichtung, dient nur der Zementierung der Macht derer, die zu diesem "Glaubenskrieg"
aufrufen. Sie sind damit menschenverachtend und faschsistisch. Santorum zeigt dies mit seinen Hetztiraden gegen homosexuelle Menschen. Mit einem Leben nach den Lehren der Bergpredigt haben Santorums Reden nichts zu tun. Hoffentlich siegt in Amerika die Intelligenz über die Ignoranz der Evangelikalen. Es wäre zu wünschen im Sinne des Friedens für alle Menschen
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Gotteskrieger ohne Gehirn schrieb: am 8. Januar 2012 um 13:09:49
(5) (0) Thema: "Rick Santorum und die Rückkehr der Jesuskrieger
Mr. Santorum: Das 5. Gebot lautet. Du sollst nicht töten. Ich hoffe es ist
Ihnen bekannt. Lassen Sie Ihre Kriegspläne. Es ist nur zum Schaden Amerikas und des angegriffnen Landes. Vor allem zum Schaden der Menschen die in den Krieg als Soldaten müssen und den Zivilisten die angegriffen werden. Vorteile haben nur die Kriegstreiber und Ihre Hefershelfer. Schämen Sie sich Herr Santorum und Genossen.
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julius schrieb: am 8. Januar 2012 um 11:10:44
(8) (0) Jesuskrieger
So sehr hat Gott die Welt geliebt, das er seinen einzigen Sohn sandte, nicht um die Menschen zu verurteilen und verloren gehen,
sondern damit jeder, der an IHN glaubt, ewiges Leben hat. Denn an Jesus scheiden sich die Geister.
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