
19.12.2011, 11:27 Uhr | Von Frank Patalong, Spiegel Online
Vom Erzfeind lernen, heißt spionieren lernen: Iran will die Technologien der erbeuteten US-Spionagedrohne RQ-170 analysieren und nachbauen. Nicht möglich, wiegeln die Amerikaner ab - und wirken zugleich höchst dünnhäutig. Wie wertvoll ist die Drohne wirklich?
Irgendwo in Iran beschäftigen sich seit Tagen Technikexperten und Wissenschaftler rund um die Uhr mit der erbeuteten US-Spionagedrohne vom Typ RQ-170. Iran kündigte an, die Technologien mit Methoden des sogenannten Reverse Engineering erst analysieren, dann kopieren zu wollen. Eine realistische Drohung?
Eine Spionagedrohne ist kein bloßes Fernlenkflugzeug: Sie fußt auf zahlreichen verschiedenen Technologien, die sie zu einem effektiven Werkzeug machen. Die besonders wertvollen Kerntechnologien umfassen folgende Bereiche:
Einiges von diesem Know-how ist höchst wertvoll, anderes weniger. Aus iranischer Perspektive bemisst sich der Wert des Beutestücks zudem an verschiedenen Nutzen, die Teheran daraus - abgesehen von propagandistischen Effekten - prinzipiell ziehen könnte:
Umstritten ist, welche Technologien die Iraner mit oder ohne externe Hilfe analysieren und dann auch nutzen können - und was für einen Wert sie tatsächlich hätten.
In den US-Medien meldeten sich bisher vor allem Vertreter regierungsnaher Think-Tanks zu Wort, die Iran entweder die Möglichkeit absprechen, Analyse und Kopie der Drohnen-Technik zu beherrschen oder den Wert der Drohnen-Technologie prinzipiell in Zweifel ziehen. Beides stimmt so pauschal wohl nicht.
Die USA selbst haben den Wert ihrer Drohnen und ihren Vorsprung vor den Technologien anderer Länder dadurch dokumentiert, dass sie diese Technologien bisher nicht einmal mit ihren Verbündeten teilten. Mit Ausnahme Großbritanniens gestand man noch keinem Bündnispartner die Nutzung moderner US-Stealth- und Kampfdrohnentechnik zu.
Die RQ-170, deren Entwicklung um 2004 begonnen haben mag und deren Existenz erst seit Ende 2009 bestätigt ist, dürfte auf dem neuesten Stand sein. Was sie genau leistet, ist nicht bekannt. Trotzdem lassen sich zu Wert und Verwertbarkeit der erbeuteten Technologien zumindest begründete Vermutungen anstellen.
Die derzeitigen Drohnen-Tarntechniken fußen auf zwei grundsätzlichen Ansätzen:
Auch wenn man weiß, wie Stealth-Technik funktioniert, bleibt sie exorbitant teuer.
Avionik heißt die Elektronik, die es ermöglicht, einen Flugkörper in die Luft zu bringen, dort zu halten und zu steuern. Gerade im Falle von Nurflügler-Drohnen ist die Avionik wohl die wertvollste Technik, die die Iraner mit der CIA-Spionagedrohne erbeutet haben.
Denn Drohnen gelten aufgrund ihrer Formen als schwer beherrschbar: Sie sind nicht für den Flug optimiert, sondern darauf, möglichst geringfügige Radarechos zu erzeugen.
Exklusivität des US-Know-hows: Außerordentlich hoch. Niemand ist hier weiter als die USA.
Potentieller Schaden für die USA/Nutzen für Iran: Ungeklärt. Die Steuerungselektronik liefert den analysierenden Ingenieuren mögliche Lösungswege. Fraglich ist, wie viel analysierbare Software in der Bordelektronik selbst steckt: Die Avionik verfügt mit Sicherheit zumindest über Elemente, die autonom agieren und den Flugkörper kurzfristig kontrolliert halten, auch wenn der Datenstrom mit der Kontrollzentrale unterbrochen wird. Das dürfte lehrreich sein.
Hier liegt die Erklärung, warum die Amerikaner so vehement dementierten, dass ihre Drohne von Hackern übernommen worden sein soll: Das würde bedeuten, dass die Iraner direkt in die Avionik eingreifen könnten, also die Technik softwareseitig beherrschten. Die Amerikaner beharren darauf, die RQ-170 habe einen technischen Defekt erlitten.
Was auch immer die Drohne an Sensortechnik enthält, wird ihren "Findern" Möglichkeiten und Grenzen der Amerikaner vor Augen führen.
Exklusivität des US-Know-hows: Kommt drauf an. Viele der technischen Bauteile oder Apparate (z.B. Kameras) sind käuflich verfügbar. Wirklich Innovatives ist eventuell bei besonders sensibler Radartechnik zu vermuten, bei Strahlungs- oder Chemikaliensensoren. In allen drei Bereichen hat die US-Seite wohl einen deutlichen technologischen Vorsprung.
Potentieller Schaden für die USA/Nutzen für Iran: Ungeklärt. Man weiß einfach nicht, was die RQ-170 an Bord hat.
Welche Erkenntnisse aus einer Analyse der erbeuteten Drohne könnten die Iraner für eigene Zwecke nutzen? Ohne detaillierte Informationen ist diese Frage schwer zu beantworten. SPIEGEL ONLINE bemühte sich um Einschätzungen von 14 Experten aus Material- und Kommunikationstechnik, Informatik, Radartechnik und anderen Bereichen. Wir bekamen Verweise auf andere Experten, aber keine einzige fachliche Einschätzung: Kein Wunder, denn alles - man muss das so klar sagen -, was zu diesem Thema bisher öffentlich ist, ist Spekulation.
Man kann nur Wahrscheinlichkeiten abwägen.
Wahrscheinlich ist, dass die analysierenden Wissenschaftler und Ingenieure aus Physik, Material und Konstruktion der Drohne vieles lernen können. Das würde kaum für eine Kopie der Drohne reichen, hätte aber das Potential für einen Innovationsschub in Teilbereichen der Entwicklung eigener Modelle.
Unwahrscheinlich ist, dass die Erkenntnisse aus Konstruktions- und Materialanalyse zur Entwicklung von Techniken beitragen, die Tarndrohnen weniger "unsichtbar" machen könnten. Ihre Stealth-Eigenschaften beruhen auf physikalischen Prinzipien, die man nicht ändern kann. Hier wird die erbeutete Drohne wenig Neues bewirken.
Wenig wahrscheinlich ist auch, dass all die Technologien, die in der Drohne verbaut sind, auch von ihrer Software-Seite analysierbar sein werden. Über die Hardware zu verfügen, bedeutet nicht, sie auch nutzen zu können - dafür braucht es die entsprechende Software. Die aber haben die Iraner nicht oder nur in Teilen.
Als die Drohne am 4. Dezember verlorenging, sollen die Amerikaner erwogen haben, sie mit Hilfe eines Angriffs zu zerstören, um sie so einer Analyse zu entziehen. Dass sie dies nicht taten, einen solchen Angriff als zu riskant einstuften, ist das sichtbare Abbild eines Abwägungsprozesses: Der Schaden, den die Analyse potentiell anrichten könnte, wurde als kleiner eingeschätzt als der, den eine mögliche Eskalation der Situation hätte verursachen können.
Eine Bagatelle ist der Verlust für die Amerikaner deshalb nicht: Dass sich Präsident Obama direkt an die Iraner wandte, um die Herausgabe der Drohne zu verlangen, zeigt das deutlich.
Quelle: Spiegel Online
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