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US-Marines setzen iPads in Kampfhubschraubern ein

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US-Marines setzen iPads in Kampfhubschraubern ein

02.10.2011, 10:33 Uhr | Von Markus Becker

Mit dem iPad in Afghanistan: Ein Unteroffizier der US-Marines gibt Koordinaten in den Minicomputer ein   (Quelle: US Marines / Cpl. Rashaun X. James)

Mit dem iPad in Afghanistan: Ein Unteroffizier der US-Marines gibt Koordinaten in den Minicomputer ein (Quelle: US Marines / Cpl. Rashaun X. James)

Mit Smartphone und Tablet aufs Schlachtfeld: Soldaten benutzen Edel-Gadgets immer öfter im Kriegseinsatz, gerade hat das US-Marinekorps Dutzende Helikopter mit iPads ausgerüstet. Die Industrie reibt sich die Hände, doch Sicherheitsexperten warnen vor enormen Risiken.

In westlichen Großstädten ist es seit Jahren eine Selbstverständlichkeit: Wer nach dem Weg sucht, zückt sein Smartphone. In Sekundenschnelle taucht ein Stadtplan auf, ein blinkender Punkt zeigt die eigene Position. Ein- und Auszoomen, Hin- und Herscrollen - alles kein Problem.

Für Stadtmenschen geht es dabei in den seltensten Fällen um Sekunden oder gar um Leben und Tod. Umso absurder erscheint vor diesem Hintergrund, was Piloten von US-Kampfhubschraubern anstellen müssen: Kommt per Funk ein Hilferuf von Kameraden am Boden, wühlen sich die Kampfpiloten umständlich durch 20 bis 40 Kilogramm Kartenmaterial, die sie an Bord haben. Ist endlich die richtige Karte entdeckt, suchen sie nach der Position, die über Funk gemeldet wurde - gesetzt den Fall, die Nachricht war verständlich und der Absender nicht zu sehr gestresst.

"Wissen sie, wie lange es dauert, die richtige Karte zu finden, sie aufzufalten und seinen Weg zu finden?", fragte Marines-Pilot Jim Carlson in der "Los Angeles Times". "Es ist qualvoll!" Also habe er das Material auf sein iPad kopiert - und damit die Zeit, eine Position zu finden, von drei Minuten auf 30 Sekunden verkürzt. Das Beispiel macht Schule: Inzwischen hat der 3rd Aircraft Wing des Marinekorps 32 iPads für Helikopter der Typen Bell UH-1 und AH-1 "Cobra" sowie für F-18-Kampfjets beschafft. Kostenpunkt: 20.000 Dollar, ein verschwindend kleiner Betrag im US-Militäretat.

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Die Piloten sind offenbar begeistert. "Ich kann dem Infanteristen am Boden besser helfen", sagte Matthew Mowery, Chef des Marine Light Attack Helicopter Squadron 267, dem Onlinedienst "Defense News". Mit einem iPad könne man bei jeder Angriffsmission zur Unterstützung von Bodentruppen rund 15 Minuten Funkverkehr einsparen.

Bis zu 40 Kilogramm Papierkarten im Cockpit

Zudem löse das Gerät ein weiteres Problem: 20 bis 40 Kilogramm Kartenmaterial im winzigen Cockpit eines "Cobra"-Hubschraubers unterzubringen. "Man muss das Zeug in alle möglichen Ecken stopfen", sagt Marinekorps-Pilot William Bufkin. "Das wird zur Gefahr, weil es einem die Sicht nimmt." Die Vorteile der Tablet-Computer hätten sich mittlerweile herumgesprochen. "Jede Fliegereinheit des Marinekorps will sie haben", sagt Bufkin. Sogar britische Piloten hätten nachgefragt.

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Das US-Militär arbeitet schon seit vielen Jahren daran, Soldaten auf dem Schlachtfeld zu vernetzen, um Einheiten effektiver zu machen und das Risiko zu senken, irrtümlich eigene Truppen zu beschießen. Mit den neuen Systemen sollen die Kämpfer untereinander und mit der Einsatzzentrale kommunizieren, Aufklärungsbilder ansehen und sogar Drohnen steuern können.

Allerdings verlief die Einführung solcher Systeme bisher wenig erfolgreich. Mehrere Programme wie etwa "Nett Warrior" wurden abgebrochen und wieder aufgenommen, viele Millionen Dollar in den Sand gesetzt. Die Einführung von Massenprodukten könnte die Kosten nun dramatisch senken, ihre Nutzerfreundlichkeit die bisherigen Hürden fallen lassen. Schon breiten sich die Gadgets nicht nur bei den Marines, sondern im gesamten US-Militär aus. Neben den Apple-Produkten iPad und iPhone nehmen Soldaten auch Smartphones mit Android-Betriebssystem und andere tragbare Computer mit in den Einsatz.

Angst vor Sicherheitslücken

Sicherheitsexperten sehen das allerdings mit Unbehagen. Nicht nur, dass die Edel-Gadgets meist zu zerbrechlich für den militärischen Einsatz sind und ihre Software gerade dann abstürzen könnte, wenn sich der Anwender in Todesgefahr befindet. Sie könnten auch gehackt oder gestohlen werden und so militärische Geheimnisse verraten. Nicht umsonst haben Carlson und die anderen Marines-Piloten bisher nur nicht geheimes Kartenmaterial auf ihren iPads mit in den Kampf genommen.

"Angesichts der anfälligen Mobilfunk-Infrastruktur und des langsamen Fortschritts bei der Verschlüsselung könnten Benutzer- und Unternehmensdaten ernsthaften Risiken ausgesetzt sein", warnte etwa die Sicherheitsfirma McAfee. Erst im August meldete McAfee eine enorme Zunahme von Hacker-Angriffen auf Android-Smartphones.

Christopher Soghoian vom Center for Applied Cybersecurity Research an der Indiana University sprach gar von einer "drohenden Katastrophe", sollte das Militär die kommerziellen Geräte auf breiter Front einsetzen. "Es erscheint verrückt, eine Plattform zu benutzen, die Tausende Menschen zu knacken versuchen", sagte Soghoian der "Los Angeles Times". Das Speichern von Daten auf Smartphones werde unweigerlich dazu führen, dass der Feind am Ende genau wisse, wo sich welche Truppen befinden.

Industrie hofft auf satte Gewinne

Dennoch erscheint die Einführung von Tablets und Smartphones beim Militär nahezu unausweichlich - schon deshalb, weil der potentielle Nutzen das Risiko bei weitem übersteigen könnte. Die U.S. Army etwa testet derzeit in Texas und New Mexico den Smartphone-Einsatz in Kriegssimulationen. 95 Apps stehen auf dem Prüfstand. Sie sollen etwa ermöglichen, Fingerabdrücke zu erfassen, fremde Sprachen zu übersetzen, die Position der eigenen Einheiten anzuzeigen oder vor Stellen zu warnen, an denen es in der Vergangenheit besonders viele Sprengstoffattacken gegeben hat.

Für die Industrie verspricht die militärische Nutzung von Tablets und Smartphones enorme Absatzmöglichkeiten, denn allein das US-Militär zählt rund 1,4 Millionen Soldaten. Freuen könnten sich nicht nur die Hersteller der Geräte, sondern auch klassische Rüstungsunternehmen.

Der Raytheon-Konzern etwa, bisher vor allem für die Entwicklung von Hightech-Waffen bekannt, entwickelt derzeit Appsmart, einen Marktplatz für militärische Anwendungen. "Wir glauben, dass das Militär innerhalb der nächsten drei Jahre verbreitet mobile Geräte einsetzen wird", sagt Raytheon-Manager Mark Bigham. Den Preis pro App taxiert er auf rund 500 Dollar - wegen der im Vergleich zu zivilen Apps geringeren Verkaufszahlen. 20 Apps hat Raytheon bereits entwickelt.

Auch andere Firmen mischen mit. Die Harris Corporation mit Sitz in Florida etwa bietet eine Mini-Sendeanlage für Handys, die auf Geländewagen montiert werden kann - damit die mobilen Geräte auch in entlegenen Einsatzgebieten Empfang haben. Hobbybastler haben bereits bewiesen, dass man Drohnen per iPhone-App steuern kann. Die Pentagon-Forschungsabteilung Darpa arbeitet unterdessen an der Möglichkeit, Smartphone-Akkus drahtlos aufzuladen - damit im entscheidenden Augenblick nicht der Strom wegbleibt.


Quelle: Spiegel Online

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