
28.06.2011, 16:04 Uhr | Von Marc Pitzke, New York
Eine schlechte Kopie von Sarah Palin - so schätzen viele Michele Bachmann ein. Jetzt ist die Kongressabgeordnete offiziell in den US-Wahlkampf eingestiegen. Trotz ihres Faibles für Fettnäpfchen ist sie eine ernstzunehmende Gefahr für die Parteirivalen - und Präsident Obama.
US-Politiker verkünden Kandidaturen für hohe Ämter gern an ihren Geburtsorten. Flankiert von Farmern und Arbeitern, auf Veranden und vor Rathäusern, die Sonne im Gesicht, den Wind im Haar, geben sie sich volksnah - obwohl sie oft längst zu einem Washington-Roboter mutiert sind.
Michele Bachmann, die Kongressabgeordnete und Tea-Party-Heldin, hat für ihre Ankündigung Iowa gewählt, ihren Heimatstaat, der auch der erste US-Vorwahlstaat ist. Im historischen Herzen ihres Geburtsorts erklärte sie ihren Einstieg ins Rennen ums Weiße Haus. Dass dieser Ort ausgerechnet Waterloo heißt, soll bitteschön kein Omen sein.
Bachmann stellte sich vor das Snowden House, ein viktorianisches Backsteingemäuer mit obligatorischer Holzveranda, wo früher der Women's Club tagte. Sternenbanner wehten. 200 Anhänger waren gekommen, im Anzug, im Sommerhemd, mit Cowboyhut. Sie hockten sich auf Klappstühle hinter die Kandidatin, die ein silbernes Kostüm trug, einer gleißenden Ritterrüstung gleich.
"Die Amerikaner sind sich einig, dass unser Land heute in Gefahr ist und wir dringend handeln müssen, um es zu retten", bebte Bachmann. Sie bedankte sich für Gottes Segen, hob ihre Provinzwurzeln hervor und empfahl sich als Frau des Volkes: "Ich will eine Stimme - eure Stimme - ins Weiße Haus bringen."
Gut 20 Minuten sprach sie, es war eine professionelle, aber auch durch und durch konventionelle Kandidatenrede, mit allen üblichen Ingredienzen: Angstmache, Frömmelei, mal wieder Zeit des Umbruchs. "Amerika steht vor einem entscheidenden Moment", proklamierte Bachmann, "und ich bin überzeugt, dass wir eine kühne Wahl treffen müssen, wenn wir die Verheißung der Zukunft sichern wollen."
Mit dieser "kühnen Wahl" meint sie natürlich sich selbst - ähnlich wie US-Präsident Barack Obama, der sich im Wahlkampf 2008 oft auf die "glühende Dringlichkeit des Jetzt" berief, ein Zitat, das wiederum von Martin Luther King stammte. Die Wahlkampf-Rhetoriker Amerikas fischen alle im selben Teich der Stereotypen.
Das Verblüffende für viele war diesmal aber, dass Bachmann überhaupt eine solch geschliffene Rede hinlegte. Verlacht und verhöhnt, galt sie eher als schlechte Kopie Sarah Palins - eine Unberechenbare, die Dummes sagt und Gefährliches denkt.
Gefährlich mag Michele Bachmann sein, dumm keinesfalls. Während sich das bisherige Republikaner-Feld gegenseitig verhackstückte und Sarah Palin den Vorwahlkampf aussitzt, hat sich Bachmann clever von hinten herangeschlichen - und ist so, auch dank der Vorurteile über sie, über Nacht zur Favoritin geworden.
Denn Bachmann, 55, ist alles andere als die schrille Karikatur, als die sie durch die Medien geistert. Als Karrierefrau und mehrfache Mutter, die beide Rollen mit Verve jongliert, ist sie eine durchaus ernstzunehmende Bedrohung, nicht nur für ihre stocksteifen Parteirivalen - auch, sollte es so weit kommen, für Barack Obama.
Trotzdem konnte sie es auch diesmal nicht lassen: Legendär für ihre Patzer, Versprecher und abstrusen Behauptungen, servierte Bachmann zur Kandidatur gleich noch ein weiteres Bonmot fürs Propaganda-Archiv ihrer Gegner. "John Wayne kam aus Waterloo, Iowa", belehrte sie den freundlich gesinnten TV-Sender Fox News am Rande des Events. "Das ist die Art von Geist, die auch ich habe."
Leider war es nicht John Wayne, der Kino-Westernheld, der aus Waterloo kam - sondern John Wayne Gacy, der Massenmörder und "Killer-Clown", der 1994 hingerichtet wurde.
Aber ihre Fans sehen ihr derlei nach, sie verweisen - zu Recht - darauf, dass Männer, die sich ähnlich verplappern, meist unbehelligt bleiben. Bachmann selbst gibt sich locker - und flaxte, als sie jetzt New Hampshire mit Massachusetts verwechselte: "Das ist das letzte Mal, dass ich mir Präsident Obamas Teleprompter ausleihe!"
Auf Obama drischt sie am meisten ein. Bei der letzten Republikaner-Debatte stahl sie den anderen die Show, vor allem mit ihrem Schwur: "Präsident Obama wird ein Präsident mit einer Amtszeit." Selbst der linke MSNBC-Anchorman Chris Matthews, der sie immer wieder aufs Korn nimmt, rief darob freudig aus: "Sie hat's raus!"
Sie schwimmt auf einer Welle des Hypes. Die Lokalzeitung "Des Moines Register" in Iowa veröffentlichte gerade die erste große Republikaner-Umfrage für den Wahlzyklus 2012: Da landete Bachmann mit 22 Prozent überraschend auf dem zweiten Platz, nur knapp hinter Spendenkönig Mitt Romney (23 Prozent).
Bachman punktete vor allem bei Konservativen und Bessergebildeten, und bei den Sympathiewerten schlug sie alle anderen Aspiranten mit 65 Prozent weit ab - Sarah Palin, als ihre Hauptrivalin gehandelt, kam gerade mal auf 58 Prozent.
Zwar ist es viel zu früh, daraus Rückschlüsse zu ziehen: Bei der gleichen Umfrage vor vier Jahren dümpelte der spätere Caucus-Sieger Mike Huckabee bei vier Prozent - und die Nominierung gewann John McCain, der in Iowa nur 13 Prozent bekommen hatte. Doch schon schaffte es Bachmann, dass von ihrem charmanten Parteigegner Jon Huntsman heute kaum mehr einer spricht - obwohl der seine Kandidatur vorige Woche so telegen vor der Freiheitsstatue inszeniert hatte.
Bachmann - die Iowas nördlichen Nachbarstaat Minnesota im Kongress repräsentiert - stellt sich als einzig wahre Vertreterin der Tea Party dar: "Ich bin eine von ihnen." Sie ist eine fulminante Spendensammlerin, fasziniert die Medien und Massen nicht minder als Sarah Palin und sonnt sich in den Angriffen auf sie.
"Sie hat Feuer im Bauch", lobt Wahlstratege Mark McKinnon, der früher George W. Bush und John McCain beriet. "Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie Iowa gewinnt, und wir wissen, was danach passiert."
Bachmanns Biografie ist wie erfunden für Wahlkampfspots. Geboren im tiefsten Mittleren Westen, von der Mutter großgezogen, Jurastudium, Steueranwältin, fünf Kinder, zeitweise 23 Pflegekinder, Senatorin im Bundesstaat, Kongressabgeordnete.
Die Mantras der Tea Party betet sie mit eiserner Disziplin herunter: keine Steuern, wenig Staat, freier Markt. Bachmann ist sozial- und fiskalkonservativ und fühlt sich von Gott zum Präsidentenamt berufen. In Waterloo erwähnt sie aber auch geschickt, dass sie einst als Demokratin aufwuchs und 1976 ihren allerersten Polit-Job hatte - als Wahlhelferin für Jimmy Carter.
"Aber als ich sah, in welche Richtung Präsident Carter unser Land trieb", erläuterte Bachmann ihren späteren Wandel, "wie seine große, ausgabenfreudige, linke Mehrheit die Regierung aufblähte, unser Ansehen in der Welt schwächte und wie sie unsere Freiheiten verringerten, da wurde ich Republikanerin."
Diese Version unterscheidet sich zwar deutlich von der, die Bachmann früher mal erzählte. Doch die neue Geschichte passt viel besser in den Wahlkampf: Was sie über Carter sagt, sagt sie auch über Obama - und trifft dessen Achillesferse.
Damit denkt sie bereits über die lästigen Vorwahlen ihrer Partei hinaus: Frustrierte Demokraten, folgt mir - werdet Republikaner.
Doch bis dahin muss Bachmann noch viele Hürden überwinden. Zum einen droht immer noch eine Kandidatur Palins, und das Damen-Duell könnte schnell zum Klischee schrumpfen. Palin hat sich an diesem Dienstag in Iowa angesagt, zur Premiere des Dokumentarfilms "The Undefeated" über ihren eigenen Aufstieg.
Zum anderen lauert der texanische Gouverneur Rick Perry auf seine Chance. Mit seinem Charisma, seinen Tea-Party-Credentials und seiner langen Erfahrung in der Exekutive wäre er ein formidabler Gegner für Bachmann.
Am meisten steht sich Bachmann aber selbst im Weg. Ob sie die Abschaffung der Sklaverei den US-Gründervätern zuschreibt, Kohlendioxid als "harmloses Gas" und den Klimawandel als Polit-Verschwörung abtut oder ihre Landsleute in Minnesota zum bewaffneten Widerstand aufruft: Sie ist immer für ein flottes Zitat gut.
Ihr ist es recht: So lange sie unterschätzt wird, kann sie von hinten überholen.
Quelle: Spiegel Online
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