04.01.2006, 10:36 Uhr
Nach dem Einsturz der Eishalle in Bad Reichenhall wird der Ruf laut, in Deutschland eine Art Bau-TÜV einzuführen. Ähnlich wie bei Fahrstühlen, Rolltreppen und Brandschutzeinrichtungen müsste auch die Statik von Gebäuden regelmäßig kontrolliert werden, forderte Reinhard Bergmann, Akademischer Direktor der Fakultät Bauingenieurwesen an der Ruhr-Universität Bochum. Bislang gebe es keine solche Vorschrift.#
"Wir laufen seit langem Sturm"
Die Bundesvereinigung der Prüfingenieure für Bautechnik (BVPI) kritisierte nach dem Unglück, dass regelmäßige Kontrollen fehlen. "Wir laufen seit langem Sturm dagegen", sagte Präsident Hans-Peter Andrä im ZDF. Es sei ein Risiko, dass wiederkehrende Prüfungen nicht vorgeschrieben seien.
"Schnee kann nicht alleinige Ursache gewesen sein"
Auch Christoph Buntenweg, Baustatiker der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, forderte im Fernsehsender 3sat, über regelmäßige Kontrollen nachzudenken. "Wenn die Lasten der Eissporthalle nach gängiger Norm angesetzt wurden, kann der Schnee nicht die alleinige Ursache für den Einsturz gewesen sein."
Bau-TÜV bislang nicht im Hochbau
Eine Sprecherin der Berliner Bundesanstalt für Materialforschung zu Statik-Kontrollen sagte der "Berliner Morgenpost": "Das ist keine schlechte Idee, gerade für Gebäude in öffentlicher Nutzung." Ähnlich äußerte sich der Berliner Prüfingenieur für Baustatik, Horst Franke. Im Fernsehsender N-TV sagte er, Bauwerke wie Brücken würden auch nach ihrer Fertigstellung regelmäßig überprüft. "Im Hochbau gibt es so etwas leider nicht", sagte Franke.
Spekulationen über Baumängel
Obwohl die genauen Ursachen des Unglücks bislang noch im Dunkeln liegen, wird über Baumängel, zu hohe Schneelast und Fehler der Verantwortlichen spekuliert. Berichte, dass Dach der Halle sei undicht gewesen, und die Diskussion über eine geplante Sanierung heizten Gerüchte über Baumängel an. Die Staatsanwaltschaft Traunstein ermittelt mittlerweile wegen fahrlässiger Tötung. Sachverständige seien mit Gutachten beauftragt, sagte der leitende Oberstaatsanwalt Helmut Vordermeier.
Bürgermeister: Dach korrekt überprüft
Der Bad Reichenhaller Oberbürgermeister Wolfgang Heitmeier (Freie Wähler) wies den Vorwurf möglicher Fahrlässigkeit zurück. Das Dach sei wenige Stunden vor dem Einsturz auf die Belastung durch die Schneelast überprüft worden. Die zulässigen Werte seien dabei unterschritten gewesen. Es habe auch keine Anhaltspunkte für Sicherheitsmängel in der Statik gegeben. Nach Angaben eines Sprechers der Traunsteiner Polizei hatte der Stadtrat von Bad Reichenhaller Erneuerungspläne für die Halle, allerdings nur für Toiletten und Rohrleitungen. Von einer Restaurierung des Daches sei keine Rede gewesen, sagte er im ZDF.
Schnee ungewöhnlich schwer
Nach Aussage von Meteorologen war in den Stunden vor dem Unglück ungewöhnlich nasser und schwerer Schnee gefallen, der vermutlich als tonnenschwere Last auf dem Dach der mehr als 30 Jahre alten Halle liegen blieb. Die Temperatur um null Grad habe dazu beigetragen, dass der Wind den Schnee nicht weg wehen konnte, sagte Manfred Spatzierer vom Wetterdienst Meteomedia. "So blieb der Schnee regelrecht kleben."
DIN-Norm schreibt Belastungswerte vor
Nach Angaben von Statik-Experte Reinhard Bergmann regelt in Deutschland eine DIN-Vorschrift, eine wie hohe Last ein Dach aushalten muss. Dabei sei Deutschland in vier verschiedene Schneelastzonen eingeteilt: Bad Reichenhall beispielsweise liege in Schneezone drei. Bei einer Ortshöhe von etwa 500 Metern liege die Belastungsgrenze bei 125 Kilogramm pro Quadratmeter. Die Vorschrift gelte für jedes Gebäude. Insbesondere Sonderbauten, zu denen auch große Sportstätten zählten, müssten von einem Prüfingenieur begutachtet und bei Fertigstellung abgenommen werden. Damit sei jedoch die gesetzliche Pflicht erfüllt - eine weitere Kontrolle liege nur noch im Ermessen des Eigentümers.
Quelle: dpa , AFP
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