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Ungeklärte Flugzeugentführung: Vom Räuber zum Volkshelden

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Vom Räuber zum Volkshelden

03.08.2011, 09:07 Uhr | Von Benjamin Schulz, Spiegel Online

Der Fall Dan Cooper beschäftigt seit 40 Jahren das FBI (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Der Fall Dan Cooper beschäftigt seit 40 Jahren das FBI (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Ein Mann springt mit 200.000 Dollar Lösegeld aus einem Flugzeug und verschwindet spurlos: Seit 40 Jahren beschäftigt Dan Coopers Fall die US-Polizei. Nun gibt es eine neue Spur. Ob sie die Lösung bringt, ist ungewiss - dass sie den Mythos um den Räuber verstärkt, scheint sicher.

Die Geschichte der einzigen ungeklärten Flugzeugentführung in der Geschichte der USA beginnt mit einem kleinen Zettel. Darauf hat Dan Cooper, Passagier in Reihe 18, Sitz C, beim Flug 305 von Portland nach Seattle am 24. November 1971 wenige Worte geschrieben: "Wenn ihr pariert, wird niemand Schaden nehmen. Aber erlaubt euch keine Scherze - sonst jage ich uns alle in die Luft."

Cooper steckt der Stewardess Florence Schaffner, 23, die mit Filzstift und in ordentlichen Großbuchstaben verfasste Botschaft kurz vor der Landung in Seattle zu. Zunächst geht Schaffner von einer Anmache aus und liest die Notiz nicht. "Miss, Sie schauen da besser drauf", sagt Cooper damals laut " New York Times". "Ich habe eine Bombe." Danach soll er seinen Aktenkoffer geöffnet und ihr etwas mit vielen Drähten gezeigt haben, das eine Bombe gewesen sein könnte.

Cooper zwingt die Boeing 727 der Fluggesellschaft Northwest Orient Airlines zur Landung in Seattle. Er lässt drei Dutzend Passagiere für 200.000 Dollar - auszuzahlen in 20-Dollar-Noten - und vier Fallschirme frei. Mit einer Rumpfcrew hebt er wieder ab. "Fliegt Richtung Mexiko!", befiehlt Cooper. Er fordert, das Flugzeug solle nicht höher als 10.000 Fuß (etwa 3050 Meter) steigen und nicht schneller als 200 Knoten fliegen.

Cooper legt sich zwei der Schirme um, packt den zehn Kilo schweren Geldsack. Irgendwo über der Gebirgskette der südlichen Kaskaden im Süden des US-Bundesstaats Washington oder im Norden des Nachbarstaates Oregon zeigt eine Warnleuchte im Cockpit dem Piloten an, dass die Tür am Heck des Flugzeugs geöffnet worden ist. Über die Sprechanlage fragt der Pilot: "Ist da hinten alles okay?" "Nein!", bekommt er als Antwort. Es ist etwa 20.11 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt springt Cooper bei Nacht, Regen und Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 Meilen aus der Maschine.

Suche mit Hundertschaften der Armee blieb ohne Fund

Seither ist Cooper verschwunden. Und seither ist Cooper ein amerikanischer Volksheld. Der Sprung aus dem Flugzeug ist wie ein Sprung aus der Welt. Die wenigen Informationen, die über Cooper bekannt sind, stammen aus dem Flugzeug. Er hatte eine Vorliebe für Bourbon-Whiskey und Zigaretten der Marke Raleigh. Sein Ticket kostete 20 Dollar. Er trug ein weißes Hemd, einen dunklen Anzug, Trenchcoat, eine schwarze Krawatte und Halbschuhe.

Die Ermittler der Bundespolizei FBI wissen nicht, ob Cooper bei seinem Sprung starb. Eine 18-tägige Suchaktion von Hundertschaften der US-Armee in den Bergwäldern blieb ohne Fund.

Die einzigen Hinterlassenschaften Coopers sind die Krawatte und verwitterte Geldscheine. Diese hatte am 13. Februar 1980 ein Junge beim Spazierengehen am Ufer des Columbia Rivers gefunden. Die 5800 Dollar ließen sich eindeutig dem Lösegeld zuordnen, weil die Bundespolizei die 10.000 Geldnoten fotografiert hatte, um die Seriennummern festzuhalten. 2008 präsentierte das FBI Geldscheine und Krawatte in der Hoffnung auf neue Spuren der Öffentlichkeit - ohne Erfolg.

Zwölf Regalmeter Unterlagen, Hinweise von Hellsehern

Deshalb haben die Fahnder bis heute keine Ahnung, wer Cooper ist - oder, angesichts einer neuen Spur, war. Nun setzt das FBI seine Hoffnung auf einen Hinweis , wonach es sich bei Cooper um einen Mann handeln könnte, der sei zehn Jahren tot ist. Der Tipp stammt von einem früheren Polizeibeamten. Dieser kennt einen Zeugen, der vor langer Zeit mit dem Verdächtigen zu tun gehabt haben soll.

Es sei ein "glaubwürdiger" Hinweis, sagte Fred Gutt, Special Agent des FBI in Seattle der "New York Times". Der Name des Verdächtigen sei im Zuge der Ermittlungen bisher nicht aufgetaucht. Nach dem Tod des Mannes sei der Zeuge eher bereit gewesen, einige Geheimnisse auszuplaudern. "Solche Leute suchen keine Aufmerksamkeit", sagt Gutt, "im Gegenteil, die wollen sie vermeiden."

Das FBI hat nun eine Gitarrensaite des toten Mannes auf Fingerabdrücke untersucht - ohne Erfolg. Nun suchen die Fahnder nach weiteren Hinterlassenschaften. Ein Hinweis von jemandem, der jemanden kennt, der mit Cooper irgendetwas zu tun gehabt haben will - die Ratlosigkeit der Fahnder lässt sich an der Dankbarkeit ablesen, mit der sie eine derartige Spur aufnehmen.

Die Unterlagen im Fall Cooper nehmen mehr als zwölf Meter im Regal ein. Das FBI ist mehr als tausend Hinweisen nachgegangen. Manche davon stammten laut "New York Times" von Hellsehern, manche von Leuten, die Angehörigen misstrauten, manche waren Beichten auf dem Sterbebett.

Wohl auch angesichts dieser Erfahrungen bleibt Ermittler Gutt vorsichtig. Vielleicht sei der angebliche Cooper nur jemand, der so ausgesehen habe und dessen Lebensweg zufällig Parallelen aufweise.

"In Cooper-Land muss man extrem vorsichtig vorgehen"

40 Jahre erfolglose Fahndung haben den Fall nur noch faszinierender gemacht. Bereits 1971 sagte ein Ortsansässiger des Gebietes, über dem Cooper abgesprungen war: "Die Leute sind auf seiner Seite. 'Ich hoffe, er hat es geschafft, er verdient es, ich hoffe, er kommt mit jedem Fünf-Cent-Stück davon.' Als ob er eine Figur aus Robin Hood wäre." Aus Dan Cooper wurde D.B. Cooper, weil ein Journalist den Namen missverstand.

Mit den Jahren wuchs der Mythos. Privatleute suchten in Seen mit U-Booten nach Spuren. Über den Fall gibt es Bücher und Lieder. 1981 erschien der Film "The Pursuit of D. B. Cooper". Es gefällt den Leuten, dass es selbst ein möglicherweise Toter noch schafft, das FBI an der Nase herumzuführen.

An kaum einem Ort ist dieses Gefühl stärker als im kleinen Örtchen Ariel im US-Bundesstaat Washington. Es wird vermutet, dass Cooper nach seinem Sprung in der Nähe Ariels gelandet sein könnte. Jährlich findet im "Ariel Store and Tavern" ein Treffen statt, bei dem Cooper als Held gefeiert wird.

So kämpfen Ermittler nicht nur mit einem Fall, der 40 Jahre zurückliegt. Sie kämpfen auch mit Fragen, bei denen Fakt und Fiktion manchmal nur schwer zu trennen sind, weil die Fakten fiktionalisiert werden.

"In Cooper-Land muss man extrem vorsichtig vorgehen", zitiert die "New York Times" den Journalisten Geoffrey Gray, Autor des Buches "Skyjack", das sich mit Cooper beschäftigt. "Der Fall ist so berühmt-berüchtigt und das Mysterium so mächtig, dass Spuren die Tendenz haben, sich zu verselbständigen."


Quelle: Spiegel Online

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