
26.04.2011, 09:47 Uhr | Von Christoph Titz
Frauen und Kinder der Roma fliehen vor Rechtsextremisten in Ungarn (Foto: AFP) (Quelle: AFP)
Offener Rassismus mitten in Europa: In einem ungarischen Dorf terrorisieren rechtsradikale Milizen Angehörige der Roma, Augenzeugen sprechen von einem "Schlachtfeld". Das EU-Land geht nur halbherzig gegen die Extremisten vor - jetzt musste das Rote Kreuz Hunderte Roma in Sicherheit bringen.
Es sind verstörende Szenen aus einem Land mitten in Europa, das noch bis Ende Juni die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union innehat und damit die EU politisch führen soll: Seit Wochen patrouillieren in einem Dorf in Ungarn Rechtsextreme die Straßen entlang und verbreiten in Tarnanzügen Angst und Schrecken unter der Bevölkerung, besonders unter Anhängern der Roma-Minderheit.
Am Donnerstag haben darum örtliche Roma-Vertreter 277 Frauen und Kinder aus dem Dorf Gyöngyöspata in Sicherheit gebracht. Sechs Busse des Roten Kreuzes sorgten für den Transport der Menschen an einen nicht näher genannten Ort. Janos Farkas, Vorsitzender des örtlichen Romarats, sagte am Freitag, es würden Auseinandersetzungen mit der selbsternannten Bürgerwehr befürchtet. Nach der Abfahrt der Busse fuhren in dem Dorf mindestens zehn Polizeifahrzeuge auf.
In dem Dorf liefen Gruppen von Männern in Tarnkleidung in der vergangenen Wochen Patrouille, Farkas sagte, seit "beinahe zwei Monaten ist Gyöngyöspata praktisch ein Schlachtfeld". Selbst nennt sich die Gruppe Vedero, das heißt "Verteidigungsmacht", und sagt, sie trete als Bürgerwehr auf. Für das Osterwochenende hatte die rechtsradikale, paramilitärische Gruppierung zu einem Trainingslager am Ortsrand nach Gyöngyöspata eingeladen. Teilnehmer sollten zu der Wehrübung in Uniformen und mit Gummigeschoss-Waffen erscheinen. Bereits im März hatte eine andere rechtsradikale Gruppierung den 2800-Einwohner-Ort fast drei Wochen lang mit Märschen terrorisiert.
Ungarns Regierung hat mehrfach betont, es nicht zulassen zu wollen, dass das Gewaltmonopol des Staats von derartigen Gruppen übernommen wird. Innenminister Sándor Pintér kündigte am Donnerstag an, dass die Polizei mehr Befugnisse bekommen soll, um die Aktivitäten von extremistischen Bürgerwehren zu verhindern.
Die Rechtsextremen sorgen nicht nur in Gyöngyöspata für Ärger: Selbsternannte Bürgerwehren marschieren seit Wochen durch Ortschaften mit hohem Roma-Anteil, um laut Angaben der im Parlament vertretenen rechtsextremen Partei Jobbik (die Besseren) auf "Zigeunerkriminalität" aufmerksam zu machen. Die Extremisten von Jobbik hatten bei der Parlamentswahl vor einem Jahr 17 Prozent der Stimmen erhalten. Gepunktet hatte die Partei unter anderem mit ihrer Agitation gegen die in Ungarn lebenden Roma.
Wie viele Roma genau in Ungarn leben, ist ungewiss. Offizielle Schätzungen der Regierung von Anfang 2011 geben ihre Zahl mit 600.000 bis 700.000 an, das sind sechs bis sieben Prozent der Bevölkerung. Entgegen gängiger Vorurteile sind die meisten Angehörigen der Minderheit sesshaft, kämpfen allerdings mit hoher Arbeitslosigkeit und sind kaum in die Gesellschaft integriert.
Bislang werden die Behörden den Extremisten nicht Herr: In der Kleinstadt Hajdúhadháza, wo seit längerem eine rechte Bürgerwehr mit dem Namen "Szebb Jövöert" ("Schönere Zukunft") patrouilliert, waren am Samstag fünf Mitglieder der Gruppe wegen "Rowdytums" festgenommen worden. Bereits nach zwei Tagen kamen sie jedoch wieder auf freien Fuß. Der Jobbik-Abgeordnete Gergely Rubi sagte, die Gruppierung werde weiter marschieren, um "die öffentliche Ordnung und Sicherheit zu verbessern", berichtete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".
Der Jobbik-Abgeordnete János Volner sagte, die Gruppe trete "auf Ersuchen der Bevölkerung" auf und habe bereits "zahlreiche Verbrecher auf frischer Tat ertappt und der Polizei übergeben". Dabei seien auch junge Zigeuner festgenommen worden. Dénes Csáfordi, Bürgermeister von Hajdúhadháza, warf der Gruppe dagegen vor, eine Stimmung zu schaffen, in der sich die Kinder der Zigeuner "kaum noch auf die Straße" trauten.
Quelle: Spiegel Online
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