
25.04.2011, 11:01 Uhr | Von Matthias Kremp
Panzer, Flugzeugträger, Mülllaster: Rund um den Globus werden Tausende Tonnen Schrott im Meer versenkt. Sie sollen Küsten schützen, Taucher, Tiere und manchmal sogar Tote locken. Doch manch gut gemeinte Idee wird Jahre später zur Umweltkatastrophe.
Manchmal genügen ein paar verspielte Delfine, um ein jahrelang vorbereitetes Großprojekt auszubremsen. So wie am 13. April, als die australische Marine nördlich von Sydney ihre ausgemusterte Lenkwaffenfregatte HMAS Adelaide versenken wollte. Ausgerechnet als das 30 Jahre alte Schiff zum Grund des Meeres geschickt werden sollte, interessierte sich eine Schule der umtriebigen Meeressäuger brennend für das riesige Metallding vor ihren Schnauzen - und verhinderte so die geplante Sprengung der Adelaide.
Damit hatten die Delfine in wenigen Minuten mehr erreicht als die Umweltschützer, die die Versenkung lange verzögert hatten und die jetzt nicht mehr tun konnten, als sich demonstrativ mit dem Rücken zum Meer aufzustellen. Viele Schaulustige, die extra zu dem Spektakel angereist waren, ließen sich davon nicht stören. Eineinhalb Stunden brauchte die Küstenwache, um die neugierigen Tiere so weit zu vertreiben, dass sie nicht mehr in der als gefährlich bezeichneten, einen Kilometer großen Sperrzone waren. Als die Sprengladungen dann gezündet wurden, gab es allerdings für die Zaungäste wenig zu sehen. Nur 60 Sekunden dauerte es, bis das Schiff unter der Meeresoberfläche versunken war.
Szenen wie diese spielen sich weltweit regelmäßig ab. Immer wieder werden Schiffe, oft ehemalige Kriegsschiffe, im Meer versenkt. Damit, so heißt es üblicherweise, sollen nicht etwa die Kosten des Abwrackens gespart, sondern der Umwelt Gutes getan werden, denn die oft riesigen Stahlbauten können unter Wasser Korallen zum Bau neuer Riffe dienen, Fischen Unterschlupf und Nahrung bieten.
Vor allem aber sollen Schiffswracks und künstliche Riffe Taucher locken, die als Touristen Geld in die Region bringen und sich am Fischreichtum und dem Abenteuer Wracktauchen vergnügen sollen. Teilweise entstehen dabei sogar regelrechte Kunstprojekte, die zwar Taucher anlocken, diese aber mit Warnschildern auffordern, bloß nichts anzufassen.
Manchmal aber gehen solche Projekte auch gründlich in die Hose. In den siebziger Jahren etwa wurden vor der Küste Floridas Millionen alter Autoreifen ins Meer geworfen, um Nährboden für neuen Riffe zu bilden. Geworden ist daraus aber gar nichts, und so werden die gewaltigen Gummiberge jetzt mühsam wieder aus dem Wasser gezogen und an Land entsorgt.
Nicht weit von diesem Desaster entfernt, hat eine US-Firma ihr künstliches Riff dagegen schon kommerzialisiert. Das Bestattungsunternehmen Neptune Society hat vor der Küste von Key Biscayne eine Unterwassergedenkstätte, das Neptune Memorial Reef gebaut. Mit einer Fläche von sechseinhalb Hektar sei es das größte von Menschen gemachte Riff der Welt - und eine perfekte Ruhestätte für Untersee-Fans.
Dass deren Überreste dort wirklich lange Ruhe haben werden, ist kaum anzuzweifeln, denn nach dem Einäschern wird die Asche der Toten mit Zement gemischt in eine Form gegeben und so ins Riff eingebaut. So absurd diese Idee erscheinen mag, sie scheint zu funktionieren: Immerhin 80 Grabstätten sind auf diese Weise schon entstanden, bei denen sich niemand um frische Blumen kümmern muss.
Quelle: Spiegel Online
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