03.02.2011, 20:34 Uhr
Jörg Kachelmann (re) und sein Verteidiger Johann Schwenn vor dem Landgericht in Mannheim (Foto: Reuters)
Der Kachelmann-Prozess polarisiert nicht nur die Öffentlichkeit, sondern zunehmend auch die Besucher im Gerichtssaal. Am 26. Verhandlungstag kam es im Landgericht Mannheim erstmals zu Beschimpfungen und lauten Unmutsäußerungen gegen Gericht und Journalisten.
Als der Vorsitzende Michael Seidling den Antrag des Verteidigers Johann Schwenn auf die Herstellung der Öffentlichkeit teilweise ablehnte, quittierten die Zuschauer die Entscheidung mit Pfui-Rufen.
Zudem geraten auch Journalisten zunehmend ins Visier des Stamm-Publikums. Die Betreiber mehrerer Blogs gehören zu den ständigen Besuchern des Kachelmann-Prozesses in Mannheim. Sie sind von der Unschuld Kachelmanns überzeugt. Anwalt Schwenn erntete schon mehrfach Applaus, wenn er den Gerichtssaal verließ. Die Staatsanwaltschaft, insbesondere Lars-Torben Oltrogge, ist dagegen ihr Buhmann.
Als nun heute ein Journalist die Verhandlungspause nutzte, um Fragen an Oltrogge in Bezug auf den Therapeuten zu stellen, erregte das den Volkszorn. Eigentlich sind Fragen an den Staatsanwalt üblich. Auch Verteidiger Schwenn werden von den anwesenden Journalisten regelmäßig Fragen gestellt. Heute ging Schwenn allerdings dazwischen. Er wolle sich zwar nicht in die Arbeit der Journalisten einmischen, sagte der Hamburger Anwalt. Aber die Frage des Journalisten an den Staatsanwalt sei unsinnig. Man wisse doch im Voraus, wie er die Frage beantworten werde. Heftiger Applaus der Blogger. "Schämen Sie sich", wurde der Medienvertreter angeblafft. Die Szene wiederholte sich, als ein zweiter Journalist dabei "ertappt" wurde, dass er mit Alice Schwarzer sprach.
Die Journalistin und Feministin Schwarzer kann vorerst nicht mehr an dem Prozess gegen den Wettermoderator teilnehmen. Kachelmanns Anwalt beantragte überraschend, Schwarzer als Zeugin zu vernehmen. Bis zur Entscheidung des Landgerichts Mannheim darüber darf Schwarzer, die für die "Bild"-Zeitung über den Promi-Prozess berichtet, als mögliche Verfahrensbeteiligte den Gerichtssaal nicht mehr betreten.
Schwenn möchte Schwarzer zu ihren Kontakten mit dem Therapeuten Seidler befragen. Der Anwalt warf Schwarzer einen "öffentlichen Feldzug" gegen Kachelmann vor. In der Vergangenheit hatte Schwenn bereits mit erfolglosen Anträgen, die Redaktionen von "Focus" und "Bunte" durchsuchen zu lassen, für Wirbel gesorgt.
Hintergrund des juristischen Streits war, dass Schwenn dem Therapeuten und Traumatologen Professor Günter Seidler zunächst mehrere Fragen öffentlich stellen wollte. Seidler ist seit der angeblichen Vergewaltigung der Therapeut von Kachelmanns Ex-Freundin. Das Gericht ließ zunächst nur vier der Fragen in öffentlicher Verhandlung zu, die übrigen sollten hinter geschlossenen Türen gestellt werden. Zum Schutz der Therapiegespräche, lautete die Begründung. Der Streit darüber zog sich bis zum Nachmittag. Das Gericht wies den Antrag von Kachelmanns Anwalt schließlich zurück, da durch die Fragen der persönliche Lebensbereich der Ex-Geliebten berührt werde.
So wollte Schwenn öffentlich einen angeblichen Anruf des Oberlandesgerichts (OLG) Karlsruhe beim Anwalt des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers Thomas Franz erörtern. Der Vorsitzende Richter soll Franz die bevorstehende Freilassung von Jörg Kachelmann aus der Untersuchungshaft angekündigt und ihm gleichzeitig mitgeteilt haben, er fürchte um das Leben der Ex-Freundin und ihres Therapeuten. Der Anwalt habe daraufhin den Therapeuten Professor Seidler angerufen und die Warnung des Richters weitergegeben. Schwenn zieht den Telefonanruf in Zweifel.
Es sei eine abwegige Vorstellung, dass die Kammer, die Kachelmann freigelassen habe, sich dann um die Ex-Geliebte und ihren Therapeuten sorge, sagte Schwenn. Zwar sei Seidler als sachverständiger Zeuge dazu bereits in nichtöffentlicher Sitzung befragt worden. Er wolle aber transparent machen, "zu welchen fantastischen Situationsverkennungen der Zeuge in der Lage ist". Die Öffentlichkeit müsse nachvollziehen können, "mit wem man es zu tun hat".
Schwenn wollte zudem wissen, ob der Traumatherapeut persönlich ein Treffen von Ex-Geliebten Kachelmanns angeregt hatte, um möglicherweise eine psychologische Begutachtung des Moderators zu erreichen.
Die Radiomoderatorin beschuldigt Kachelmann, er habe sie mit einem Messer bedroht und vergewaltigt. Sie kann sich allerdings an entscheidende Details nicht erinnern. Der 52-jährige Schweizer bestreitet die Tat.
Seidler ist der Ansicht, dass die Erinnerungslücken des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers auf eine Traumatisierung zurückzuführen seien. Diese These ist zwischen Anklage und Verteidigung umstritten. Schwenn hatte den Psychotherapeuten bei einer Verhandlung Anfang Dezember als "Scharlatan" bezeichnet und Unterlagen von ihm beschlagnahmen lassen.
Quelle: dpa , dapd
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