24.06.2010, 14:39 Uhr | Von Christian Böhme
Die Entwicklung in der Türkei gibt Anlass zur Sorge – längst gehen Extremisten und Holocaustleugner in Ankara ein und aus. Der Westen muss auf Erdogan zugehen und seine Wertschätzung zeigen, will er die Türkei als Verbündeten nicht verlieren.
Recep Tayyip Erdogan mag es deftig. "Sie werden in ihrem eigenen Blut ertrinken", drohte der türkische Ministerpräsident den kurdischen Terroristen der PKK, als er am Sonntag vor den Särgen von elf ermordeten Soldaten stand. Der jahrzehntelange Konflikt hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Und Ankara findet kein Mittel gegen die Rebellen. Warum gelingt es den Kurden-Kämpfern immer wieder, wie aus dem Nichts zuzuschlagen, obwohl Militär und Geheimdienst alles daran setzen, dies zu verhindern? Die Antwort des muslimischen Regierungschefs ist nicht etwa Selbstkritik: Er sieht vielmehr ominöse Kräfte am Werk, "die die PKK gegen die Türkei benutzen". Und da kommt derzeit nur eine fiese Kraft in Betracht: Israel. Das hat er zwar so nicht gesagt, aber sicherlich gemeint. Kurden und Juden machen gemeinsame Sache – wenn das keine Verschwörungsfantasie ist!
Doch spätestens nach Israels Angriff auf die Gaza-"Friedens"-Flottille erscheint Erdogan alles recht, um Jerusalem zu diskreditieren und den Westen gleich mit. Die arabische Straße und die islamische Welt danken es ihm mit Hurrarufen. Und das stärkt die Rolle der Türkei als immer einflussreicher werdende regionale Großmacht, die ihre Interessen durchsetzen will – auch durch gezielte Provokation und zuweilen ohne Rücksicht auf Verluste.
Denn längst hat sich der seit sieben Jahren regierende Premier von seiner Rolle als Vermittler zwischen Morgen- und Abendland verabschiedet. Der einst "kranke Mann am Bosporus" will zeigen, wie stark er geworden ist. Und dass er auch ohne die vorenthaltene Mitgliedschaft in der Europäischen Union auftrumpfen kann. Dabei vollzieht die Türkei eine strategisch motivierte, politisch-religiöse Kehrtwende: weg vom Westen, hin zur arabischen Welt. Und weg vom säkularen Kemalismus, hin zum islamisierten Gottesstaat.
Diese radikale Rückwärtsrolle muss Europa und die USA zutiefst verstören. Doch das Schweigen ist ohrenbetäubend. Und das, obwohl die türkische Regierung immer häufiger den Schulterschluss mit antiwestlichen, dezidiert antiisraelischen und extremistischen Kräften sucht. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah? Der Terroristenführer aus dem Libanon wird schon bald in Ankara als Staatsgast erwartet. Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad? Den Holocaustleugner und Bombenbauer nennt Erdogan seinen Freund. Die islamistische Hamas? Verbündete und Brüder im Geiste.
All das sollte keinesfalls auf die leichte Schulter genommen werden. Die Türkei ist NATO-Mitglied, mithin Teil eines militärischen Verteidigungssystems, das die Sicherheit der Bündnispartner garantiert. Es wird dringend Zeit, Ankara an seine Verpflichtungen zu erinnern und es zu ermahnen, diese einzuhalten. Ein sicherheitspolitisches Risiko an ihrer südöstlichen Flanke kann sich die NATO nicht leisten.
Klar ist aber auch: Die Reaktion des Westens darf sich nicht allein auf Mosern und Drohen beschränken. In den vergangenen Jahren wurde es mehrfach versäumt, der Türkei zu zeigen, dass man sie als Verbündeten wertschätzt. Es braucht ein angemessenes Angebot, eine realistische Perspektive, die einem wichtigen Partner gerecht wird. Damit Erdogan und seine Führungsmannschaft von ihren gefährlichen Träumen aus Tausendundeiner Nacht Abschied nehmen.
Christian Böhme
Der Journalist arbeitete acht Jahre lang beim Tagesspiegel, unter anderem als Chef vom Dienst und zwischenzeitlich auch als Leiter des Ressorts Politik.. Dann bekam Böhme das Angebot, stellvertretender Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung zu werden und nahm es an. Seitdem hat Böhme dem Blatt, das 2003 aus Geldknappheit nur vierzehntäglich erschien, aus der Krise geholfen. Heute ist er Chefredakteur des Blatts.
Von Christian Böhme
Früh Will i schrieb:
am 24. Juni 2010 um 18:23:35
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(0)
"der kranke Mann am Bospurus"
Noch gibt es auch fortschrittliche Menschen in der Türkei. Die sollte man nicht im Stich lassen.
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