
02.06.2011, 15:16 Uhr | Von Gerald Traufetter
Bald nur noch am Boden? Ein Airbus vom vom Typ A330 (Foto: Reuters) (Quelle: Reuters)
Die Hinterbliebenen der Opfer von Flug AF 447 wollen nicht auf die Untersuchungsergebnisse warten. Sie fordern jetzt von der ermittelnden Richterin Maßnahmen, um eine weitere Katastrophe zu verhindern - notfalls sollten alle Airbus-Maschinen vom Typ A330 und A340 stillgelegt werden.
Warum stürzte vor genau zwei Jahren ein Airbus A330 der Air France in den Atlantik? Zwischen Hinterbliebenen, Hersteller und Fluggesellschaft ist darüber ein erbitterter Streit entbrannt. Waren es überraschte, überforderte Piloten, die in 11.000 Metern Höhe nach dem Vereisen der Geschwindigkeitsanzeigen die Übersicht verloren und falsch reagiert haben? Oder gibt es doch einen technischen Defekt? Einen versteckten Software-Fehler im automatischen Flugsteuerungssystem des Airbus, der mit dem Ausfahren der Höhenflossen jegliche Rettungsversuche der Piloten verhindert hat?
Das jedenfalls behaupten die Anwälte und technischen Experten der Hinterbliebenen aus Deutschland und fordern die ermittelnde Richterin am Pariser Gericht zum Handeln auf. "Wir beantragen, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, die verhindern, dass eine dem Flug AF 447 vergleichbare Katastrophe noch einmal passiert", heißt es in dem Brief, der am Dienstag an die Richterin Sylvie Zimmermann ging und Spiegel Online vorliegt.
Die Anwälte der Hinterbliebenen fordern die Juristin auf, Airbus zu zwingen, "technische Umrüstungen" vorzunehmen, damit "Geschwindigkeitsmesser in der Zukunft sicher nicht mehr vereisen können". Sollte das nicht möglich sein, müssten die Maschinen "mit einer Software des elektronischen Flugsteuerungssystems ausgestattet sein, die einen unmittelbar eintretenden unkontrollierten Flugzustand verhindert", heißt es in dem Schreiben, das von der Kanzlei des Hannoveraner Rechtsanwaltes Ulrich von Jeinsen verfasst wurde.
Notfalls solle die Richterin die vorübergehende Stilllegung der gesamten A330-Flotte sowie des Schwestermodells A340 anordnen. Betroffen wären mehr als tausend Flugzeuge des deutsch-französischen Herstellers.
Jeinsen und der Berliner Luftrechtsprofessor Elmar Giemulla weisen die Richterin darauf hin, dass es "strafrechtliche Konsequenzen" haben könnte, falls den Hinweisen nicht nachgegangen werde und ein weiterer Airbus aus dem gleichen Grund abstürzen sollte.
Der Antrag der deutschen Anwälte stützt sich vor allem auf das Gutachten von Gerhard Hüttig, Professor am Institut für Luft- und Raumfahrttechnik der Technischen Universität Berlin. Er hat vor über einem Jahr in einem Simulator der Air France das Unglück, bei dem 228 Menschen starben, nachgestellt. Während des Simulatorfluges beobachtete er ein sonderbares Verhalten des A330 im Falle, dass die Strömung an den Tragflächen abreißt. Bei diesem Flugzustand, der in der Fachsprache englisch "Stall" genannt wird, hatte sich die Höhenflosse am Leitwerk automatisch ausgefahren.
Damit war es dem ehemaligen Airbus-Piloten, genauso wie anderen anwesenden Piloten, nicht mehr möglich gewesen, die Nase des Flugzeuges nach unten zu drücken und aus dem Stall herauszukommen.
Als vergangenen Freitag der vorläufige Untersuchungsbericht der französischen Flugunfalluntersuchungsbehörde BEA erschien, war Hüttig verblüfft. Darin beschreiben die Ermittler, dass während der letzten dramatischen Minuten von Flug AF 447 die Höhenflosse von drei auf 13 Grad ausfuhr, also auf fast maximalen Ausschlag. "Das Phänomen gleicht sich auf erschreckende Weise", zitiert die aktuelle Ausgabe des Spiegel den Luftfahrttechniker aus Berlin.
Hüttig hatte Airbus, die Europäische Flugsicherheitsagentur EASA und die BEA über seine Erkenntnisse aus dem Simulator zu diesem unerwarteten Verhalten der Flugcomputer unterrichtet. Die EASA hat am 27. Oktober 2010 geantwortet, Hüttigs Theorie sei nach dem "verfügbaren Kenntnisstand" nicht zutreffend. "Wir vermuten, dass das von Ihnen vorgetragene Verhalten in dem bei der Studie verwendeten Flugsimulator zu suchen ist und nicht im Flugzeugmuster A330", so die Antwort der EASA.
Im Lichte der jetzt aus den geborgenen Flugschreibern rekonstruierten Daten habe sich das Gegenteil erwiesen, sagten Hüttig und Jeinsen "Spiegel Online". Airbus habe zudem in Schreiben an die Fluggesellschaften bereits weitgehend unbemerkt auf dieses Sicherheitsrisiko reagiert und gewisse Maßnahmen vorgeschlagen, mit denen sich die riskante Flugsituation bewältigen ließe. Airbus hatte dem Spiegel gegenüber die Theorie Hüttigs zurückgewiesen. Der Ausschlag der Höhenflosse sei mit dem Hochziehen der Flugzeugnase durch den Piloten erklärbar, hieß es aus dem Konzern.
Andere europäische Airlines haben sich bereits die beunruhigenden Flugdaten von AF 447 vorgenommen und analysieren eine mögliche Gefahr für baugleiche Flugzeuge in ihrer Flotte. Endgültige Aufklärung versprechen erst die Analysen der BEA, die Ende Juli veröffentlicht werden sollen. Luftfahrtexperten gehen von heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Ermittlern, dem Hersteller und der Airline darüber aus, wer am Ende verantwortlich sein soll für den Absturz des Flugzeuges, das mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde auf den Atlantik aufschlug.
Unterdessen ging die Bergung der Leichen aus dem in 4000 Metern Tiefe liegenden Wrack weiter. Mit den Flugschreibern wurden vor rund einem Monat Gewebeproben von zwei Leichen entnommen. Nachdem es der Gerichtsmedizin in Paris gelang, die Toten anhand der genetischen Informationen zu identifizieren, hat sich der französische Staat dazu entschlossen, möglichst viele Opfer zu bergen.
Die meisten europäischen Hinterbliebenen hatten dafür plädiert, die Leichen am Grund des Atlantiks zu belassen. Die brasilianischen Angehörigen, die immer noch auf Sterbeurkunden warten, forderten vehement, die Überreste zu bergen.
75 Körper sind mittlerweile geborgen. Damit fehlen aber immer noch rund hundert Leichen.
Quelle: Spiegel Online
e.m.aue schrieb:
am 1. Juni 2011 um 20:24:33
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airbusflotte stoppen
natürlich ist es traurig, wenn angehörige durch einen flugzeugabsturz sterben, aber das kann es nicht sein, dann kann
demnächst jeder das stilllegen von autofirmen und das einklappen der autobahnen fordern, gleise abbauen und züge verschrotten. die angehörigen sollen trauern und mit der abfindung zufrieden sein.
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Saccargia schrieb:
am 1. Juni 2011 um 19:24:07
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A320/340
Selten soviel Schwachsinn, bis auf einen Eintrag, gesehen, wie hier geschrieben wird. Ausfahren der Höhenflosse auf 13 Grad ??
Einstellung des Elevators auf 13 Grad wäre möglich, aber kein "ausfahren". Ansonsten sid mit ausfahren wohl eher die Landeklappen der Tragflächen gemeint. Also sind m.E. die Schreiber des Artikels bar jeder Sachkenntnis. Wenn man ein solches Thema angeht, dann bitte mit dem nötigen Sachverstand.
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Kritiker schrieb:
am 1. Juni 2011 um 18:57:58
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AF447
Die Forderung der Anwälte von Hinterbliebenen die A330 und A340 stillzulegen ist vollkommener Schwachsinn und dient nur dazu Puplicity
und erhöhte Honorare zu erreichen; reine Schaumschlägerei ohne wissenschaftlichen Hintergrund.
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