Mediziner räumt Verabreichung von Psycho-Drogen ein
21.09.2009, 07:35 Uhr
In diesem Haus in Berlin-Hermsdorf fand die Therapiesitzung statt (Foto: dpa)
Der nach der Vergiftung von zwei Menschen festgenommene und inzwischen verhaftete Berliner Arzt hat eingeräumt, den Opfern verschiedene Drogen verabreicht zu haben. Das teilte die Staatsanwaltschaft am Sonntag mit. Der 50 Jahre alte Therapeut habe sich bei der Vernehmung zu der Tat geäußert und zugegeben, den Teilnehmern seiner Gruppensitzung verschiedene Substanzen und Psycho-Drogen gegeben zu haben.
Am Sonntagabend wurde Haftbefehl erlassen. Es bestehe der dringende Tatverdacht der Körperverletzung mit Todesfolge in zwei Fällen sowie der gefährlichen Körperverletzung in sechs Fällen, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Bei dem Mann besteht nach Ansicht des Amtsgerichtes Tiergarten Fluchtgefahr. Die Ermittler gehen aber nicht davon aus, dass der Mann vorsätzlich jemanden töten wollten.
Toxikologische Untersuchung soll Klarheit bringen
Mit den Drogen sollte wohl eine Art Bewusstseinserweiterung erreicht werden. Nach bisherigen Informationen der Polizei erhielten die Männer und Frauen im Alter von 26 bis 59 Jahren von dem Therapeuten verschiedene Drogen und andere Substanzen in unterschiedlicher Mischung und Menge. Welche Drogen genau verwendet wurden, war noch unklar. Das müsse die toxikologische Untersuchung - die Suche nach Giftstoffen und deren chemische Analyse - klären. Es könne aber einige Tage dauern, bis Ergebnisse vorliegen, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Nach Medienberichten waren Amphetamine und Psycho-Drogen wie LSD im Spiel. Heroin war laut den Ermittlern auch dabei, allerdings nur in geringen Mengen.
Therapie mit psychoaktiven Substanzen
Der Arzt, in dessen Praxis zwei Menschen eine tödliche Vergiftung erlitten, bot eine "psycholytische Therapie" an. Das steht auf dem Schild an seiner Praxis im Berliner Stadtteil Hermsdorf. Bei dieser Art von Therapie werden psychoaktive Substanzen verwendet. Dazu zählen auch Rauschgifte wie LSD oder bestimmte Pilze, die in der Medizin verboten sind.
Zweiter Mann starb im Krankenhaus
Bei der Therapiesitzung im Norden der Stadt waren zwölf Menschen vergiftet worden. Ein 59-jähriger Mann starb am Samstagnachmittag. Ein 28-Jähriger starb am Abend im Krankenhaus. Er hatte zuvor im Koma gelegen. Ein weiterer Mann war liegt noch im Koma. Den anderen neun Teilnehmern der Gruppentherapie ging es hingegen relativ gut. Sie sollten von der Polizei als Zeugen befragt werden. An der Sitzung nahm auch die 41-jährige Frau des Therapeuten teil, die die Praxis gemeinsam mit ihrem Mann betreibt.
Mordkommission ermittelt
Nachdem ein Teilnehmer am Samstagnachmittag die Feuerwehr verständigt hatte, wollten sich einige Männer und Frauen vom Notarzt nicht untersuchen lassen. Erst die Polizei beruhigte die Lage soweit, dass Ärzte und Sanitäter arbeiten konnten. Gegen 19.30 Uhr traf die Mordkommission ein und übernahm die Ermittlungen.
"Hilfe bei spirituellen Krisen"
Auf dem Praxisschild vor dem Haus in Hermsdorf ist von Suchttherapie, "tiefenpsychologisch fundierter Einzel- und Gruppentherapie" sowie "Hilfe bei spirituellen Krisen" die Rede. Nach Angaben von Nachbarn war die Familie des Therapeuten zu Jahresanfang in das Haus eingezogen. Hermsdorf ist eine ruhige, eher bürgerliche Gegend im Norden Berlins. Die Nachbarn zeigten sich fassungslos.
Nur drei Psychotherapie-Verfahren zugelassen
Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung warnte vor Heilmethoden, die von den Krankenkassen nicht anerkannt seien. In Deutschland gebe es rund 250 Psychotherapie-Verfahren, sagte der stellvertretende Verbandsvorsitzende Hans-Jochen Weidhaas. "Aber in der vertragsärztlichen Versorgung zugelassen sind davon nur drei: nämlich die Verhaltenstherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die Psychoanalyse." Eine Psycholyse, wie sie der Hermsdorfer Arzt in seiner Praxis angeboten hatte, sei von den Kassen "explizit nicht zugelassen".
Psychologen können Handeln nicht nachvollziehen
Ein derartiger Einsatz von Drogen ist in Deutschland "eindeutig verboten", sagte der Vizepräsident des Berufsverbandes Deutscher Psychologen, Laszlo Pota. "Das fällt unter das Betäubungsmittelgesetz." Was den Therapeuten dazu getrieben habe, die Substanzen zu verabreichen, könnte er nicht nachvollziehen, sagte der Hamburger Diplom-Psychologe und psychologische Psychotherapeut. Nach seiner Einschätzung droht dem Mann der Entzug der Zulassung als Arzt.