26.11.2010, 08:55 Uhr
Ruf nach Rache: Nach dem Beschuss der Insel Yeonpyeong nimmt die Wut der Südkoreaner auf ihr Nachbarland weiter zu (Foto: Reuters)
Der Schock nach Nordkoreas Artillerieangriff auf die Insel Yeonpyeong sitzt tief: Derweil werden in Südkorea die Stimmen nach Vergeltung lauter. Doch eine massive Vergeltungsaktion könnte eine neue Spirale der Eskalation in Gang setzen und letztlich eine kriegerische Auseinandersetzung unumgänglich machen.
Die Diskussion über die richtige Reaktion und den künftigen Umgang mit dem unbequemen Nachbarland wird in Südkorea immer heftiger geführt. Einige Kommentatoren sprechen nach dem Beschuss der Insel Yeonpyeong, bei dem zwei Soldaten und zwei Zivilisten getötet wurden, von einem "kriegerischen Akt".
"Ein Stock ist die einzige Medizin für einen verrückten Hund", meinte die konservative Zeitung "Dong-A Ilbo". "Nordkoreas Provokation hat unsere Vorstellungskraft übertroffen", heißt es bei der Zeitung "Joong Ang Ilbo". "Diese Provokation rechtfertigt jede Vergeltung."
Die Insel Yeonpyeong westlich der koreanischen Halbinsel (Foto: Stepmap)Das Fernsehen zeigte Bilder von zahlreichen Bewohnern, die - sichtlich erleichtert - die Insel im Zuge einer Evakuierungsaktion verlassen konnten. Das Bombardement und das anschließende Feuer hat nach Medienberichten 70 Prozent der Wälder und Felder auf der Insel zerstört. Zwölf Militäreinrichtungen und 18 zivile Gebäude wurden zerstört oder zum Teil beschädigt. Mehr als 500 von rund 1500 Inselbewohnern wurden zunächst zur Küstenstadt Inchon auf dem Festland in Sicherheit gebracht.
Die linksliberale Zeitung "Hankyoreh" rief beide koreanischen Staaten zur Besonnenheit auf. Das Blatt wies dabei auf einen wunden Punkt hin, der eine spürbare Entspannung derzeit in weite Ferne rücken lässt. Die Kommunikation für den Ernstfall zwischen beiden Seiten sei komplett blockiert. "Das ist es, warum dieser Zwischenfall ernster und beunruhigender erscheint."
Der US-Präsident hat sich in der Auseinandersetzung mit Nordkorea klar hinter seinen Verbündeten gestellt. zum Video
Der Zwischenfall hat den Südkoreanern einmal mehr die Kalte-Kriegs-Realität auf ihrer geteilten Halbinsel deutlich vor Augen geführt. Sie wissen, dass sich militärische Zwischenfälle wie der jüngste jederzeit wiederholen können. Sie leben allerdings auch schon seit Jahrzehnten mit der Gefahr eines bewaffneten Konflikts. Seit dem Ende des Korea-Kriegs von 1950 bis 1953 befinden sich beide Länder völkerrechtlich noch im Kriegszustand.
Dabei kam der Angriff nicht wirklich überraschend. Im Streben nach mehr Geltung hatte Pjöngjang wochenlang die Fühler nach Südkorea und in die USA ausgestreckt und zugleich davor gewarnt, dass eine kühle Reaktion ihren Preis haben würde. Mit dem Beschuss der Insel hat ein frustriertes Nordkorea erneut eine deutliche Botschaft an seinen Rivalen im Süden und die ganze Welt gesandt: Dieses Land ist nicht zu ignorieren.
Dem Norden ging es wohl um mehr als die angerichtete Zerstörung: Pjöngjang hat nun die Aufmerksamkeit, die es wollte, um erneute Verhandlungen zu führen, in denen es sein Atomprogramm in die Waagschale für dringend benötigte Hilfslieferungen werfen kann.
Quelle: dapd , dpa
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