30.09.2010, 14:12 Uhr | Von Gudrun Janicke, dpa
Blick auf eine symbolische Mauer mit Kerzen. Teilnehmer errichteten sie vor der Stasi-Zentrale am 15.01.1990 (Foto: dap) (Quelle: dpa)
Die Aufforderung war eindeutig: "Bring Kalk und Mauersteine mit." Bürgerrechtler wollten das Tor zur verhassten Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße am späten Nachmittag des 15. Januar 1990 dicht machen. Am Ende war das Tor offen. Anscheinend wurde der einst mächtige Spitzelapparat überrumpelt.
Bis heute gibt es widersprüchliche Darstellungen zum Ablauf des Tages. Für das NDR-Dokudrama rekonstruierte Autor Matthias Unterburg nun minuziös die Ereignisse. Wichtigste Fragen: War die Stasi Zuschauer? Oder hatte sie den Ablauf geplant? Wer lenkte die Demonstranten von der eigentlichen Machtzentrale ab? Die Filmemacher befragen Zeitzeugen: Bürgerrechtler, hochrangige Stasi-Leute oder den ehemaligen Chef des Bundesnachrichtendienstes, Hans Georg Wieck.
Ulrike Poppe, heute Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte in Brandenburg, sagt: "Es herrschte Angst vor einem möglicherweise blutigen Ende der bislang friedlichen Revolution." Das Wissen um die Bewaffnung der Stasi-Leute habe Anlass zu den schlimmsten Befürchtungen gegeben.
Die Führung des Spitzelapparates mit 90.000 hauptamtlichen und 175.000 inoffiziellen Mitarbeitern wollte indes einer Stürmung zuvorkommen. Das weitläufige Stasi-Gelände mit etlichen Gebäuden sollte geräumt werden. Die Mitarbeiter bekommen früher Feierabend nach dem Motto: "Keiner da". Am Eingang zur Hauptverwaltung Auslandsaufklärung hängt ein selbst gemaltes Pappschild: "Streng geheim". Es soll Eindruck machen und Eindringlinge abhalten, berichtet ein Stasi-Mann.
Erste Bürgerrechtler werden höflich empfangen. Fragen sollen schriftlich gestellt werden, wird ihnen empfohlen, so zeigen es Archivaufnahmen. In der Zwischenzeit sammeln sich Menschen vor dem schweren Metalltor, beginnen mit Mörtel und Steinen eine Mauer hochzuziehen. Doch dann geht das Tor auf: die Massen strömen hinein.
Filmautor Unterburg fragt: Wer öffnete das Tor? Wer ist wer an jenem Abend? Sind die Volkspolizisten wirklich welche oder wurden Stasi-Leute in die Uniformen gesteckt? Sind alle wirklich "normale" Bürger?
Einige Demonstranten beginnen sofort, Einrichtungen zu demolieren. Andere Demonstranten zeigen Dokumente und Papiere in Kameras. Es sind aber eher unwichtige Reiseanträge. Es wird gestaunt über Lebensmittel und Spirituosen, die es sonst in der DDR nicht zu kaufen gab.
Stasi-Offiziere berichten 20 Jahre danach ungeniert vor der Kamera, dass sie zur gleichen Zeit in einer konspirativen Wohnung saßen und von Gewährsmännern detailgetreu über den Ablauf informiert wurden. Stasi-Mitarbeiter sicherten trotz des Trubels persönliches Hab und Gut aus ihren Büros. Einer packte seine Grünpflanzen ein - obwohl nur Meter entfernt tausende Menschen durch die Gänge zogen.
Auch die noch vom obersten Stasi-Chef Erich Mielke angeordnete Vernichtung von Akten lief auf Hochtouren weiter. "Wir sind ein bisschen stolz darauf, das uns das gelungen ist", meint Ex-Stasi-General Werner Großmann sichtlich amüsiert. 15.000 bis 16.000 Säcke mit Papierschnipseln wurden später entdeckt. Etwa 400 bis 500 konnten bis heute rekonstruiert werden.
Von Gudrun Janicke, dpa
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