22.12.2010, 15:57 Uhr | Von Lukas Martin
Unterschiedliche Werte? Deutsche und Migranten sind sich sehr ähnlich, sagt eine Studie (Foto: dpa)
Migranten legen wenig Wert auf Bildung, bevormunden Frauen und sehen sie am liebsten zu Hause am Herd - so schätzen viele Deutsche die meisten Zuwanderer ein. Das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann-Stiftung sagt jetzt das Gegenteil. Warum ist das Bild von diesem Teil der Bevölkerung derart verzerrt?
"Die Deutschen wollen das so sehen, weil es einfacher für sie ist", sagt Dr. Hildir Celik, Leiter des Bonner Instituts für Migrantenforschung. "Beispielsweise sind nur zehn Prozent der Muslime in Deutschland in religiösen Gemeinschaften organisiert. Der Rest ist nicht besonders gläubig. Aber diese zehn Prozent sind sehr konservativ und bestimmen das Bild, das die Deutschen von Migranten haben. Natürlich haben wir Probleme bei der Integration. Aber die Deutschen schieben die Probleme immer auf diesen kleinen Kreis."
Die meisten Migranten hätten längst das traditionelle Rollenverständnis ihrer Eltern abgelegt, sagt der Soziologe. Das bestätigt die Studie: Sieben von zehn Befragten lehnen das Bild einer Mutter ab, die dauerhaft zu Hause ist und die Kinder betreut - genau soviel wie bei den Deutschen. Der Frage, ob Mütter ihre beruflichen Ziele zurückstellen sollen, um mehr Zeit für Familie und Kinder zu haben, stimmt die Hälfte aller Befragten zu - ob mit oder ohne Migrationshintergrund.
In einer anderen Frage denken die Migranten sogar moderner: 41 Prozent der Männer mit Migrationshintergrund sehen Putzen, Kochen und Kindergroßziehen als gemeinsame Aufgabe an. Bei den Befragten ohne Migrationshintergrund betrachten das nur 35 Prozent der Männer so. "Das ist ein beeindruckendes Ergebnis, das die gängigen Vorurteile widerlegt", sagte Varbara von Würzen, die Projektmanagerin der Umfrage bei der Bertelsmann Stiftung.
Ein krasser Unterschied besteht beim beruflichen Ehrgeiz: 90 Prozent der 1001 Befragten mit ausländischen Wurzeln möchten beruflich weiterkommen, hat die Stiftung herausbekommen. Von den 896 Menschen mit deutscher Herkunft sagten das nur 45 Prozent. "Natürlich ist ein Grund dafür, dass die Ausländer erst noch aufsteigen müssen. Aber es geht auch um Anerkennung: Ich bin in einem fremden Land, also muss ich mich beweisen. Im Beruf kann ich mich auf Augenhöhe mit den Deutschen bewegen", sagt Dr. Celik.
Haben die Deutschen auch Angst vor erfolgreichen Ausländern und blenden ihren beruflichen Erfolg deshalb aus? "Ja, das ist bestimmt teilweise so." Es sei für viele Deutsche immer noch ein Problem, unter ausländischen Chefs zu arbeiten, vor allem, wenn sie einen Akzent haben. "Auch die Parteien tragen zur Fehlwahrnehmung der Ausländer bei, viele schüren die Angst, ob bewusst oder unbewusst. Thilo Sarrazin ist da nicht der einzige."
Währenddessen hat eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gezeigt, dass Zuwanderung auch den deutschen Arbeitskräften langfristig steigende Löhne und sinkende Arbeitslosigkeit beschert - wenn auch nur in bescheidenem Umfang. Verlierer sind demnach die bereits in Deutschland lebenden Ausländer - mit fallenden Löhnen und einem höheren Risiko, arbeitslos zu werden. Sie konkurrieren wesentlich stärker mit den neuen Zuwanderern als die Deutschen.
Die Arbeitsmarktforscher simulierten in ihrer Studie, dass 450.000 Erwerbstätige mehr nach Deutschland einwandern als auswandern. Kurzfristig würden die Löhne der einheimischen Bevölkerung dadurch um 0,1 Prozent sinken, die Arbeitslosenquote nähme um 0,1 Prozentpunkte zu. Langfristig würden die Löhne der Deutschen jedoch um 0,1 Prozent steigen, errechnete das Institut. Gleichzeitig sinke die Arbeitslosenquote um 0,06 Punkte.
Quelle: AFP , dpa
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