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Staufen erlebt Katastrophe im Zeitlupentempo: Die Stadt, die sich hebt

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Die Katastrophe im Zeitlupentempo

16.04.2009, 08:37 Uhr | Von Karl-Heinz Zurbonsen, AP

Bedroht durch Hebungen: die pittoreske Altstadt von Staufen samt Rathaus (Foto: ap) Bedroht durch Hebungen: die pittoreske Altstadt von Staufen samt Rathaus (Foto: ap)

Aus Staufen im Breisgau kommen keine guten Nachrichten: Die pittoreske historische Innenstadt hebt sich weiter um monatlich einen Zentimeter. "Das ist eine Katastrophe im Zeitlupentempo", klagt Bürgermeister Michael Benitz.

Foto-SerieStaufen hebt sich

Neue Erdwärmeheizung

Die Suche nach der Ursache der Hebungen, mit der das 7800-Einwohner-Städtchen in der Nähe von Freiburg in den vergangenen Jahren mehrfach bundesweit Schlagzeilen gemacht hatte, blieb zunächst buchstäblich im Boden stecken. Auslöser der Erdbewegungen sollen Bohrungen gewesen sein. Dies hatte die Stadt im September 2007 veranlasst, um im Rathaus eine Erdwärmeheizung zu installieren. Seitdem ist Staufen schon fast 15 Zentimeter gewachsen, sozusagen - in die Höhe.

Stadtverwaltung soll evakuiert werden

Nach Erkenntnissen des extra eingerichteten Arbeitskreises Hebungsrisse wurden die Hebungen sehr wahrscheinlich durch Quellvorgänge in einer Erdschicht, der sogenannten Gips-Keuper-Schicht, als Folge der Erdwärmebohrungen hervorgerufen. Die Schäden an fast 170 Gebäuden sind inzwischen so groß geworden, dass manche bereits abgestützt werden müssen. Besonders betroffen sind ausgerechnet das Rathaus und das Stadtarchiv - zwei Gebäude, die eigentlich von den Erdwärmebohrungen profitieren sollten. Erste Akten wurden sicherheitshalber schon ausgelagert. Jetzt bereitet der Bürgermeister die Evakuierung der gesamten Stadtverwaltung vor.

Gips dehnt sich aus

Keuper ist ein Anhydrit, ein Kalziumsulfat. Kommt es mit Wasser in Kontakt, entsteht Gips. Und der dehnt sich aus. Als die Grundwasserschicht unter dem Keuper angebohrt wurde, schoss das Wasser wie bei einem Geysir durch die Bohrung hoch und kam mit dem Anhydrit in Kontakt. Dadurch kam die chemische Reaktion in Gang. Bis zu 60 Prozent kann das Gestein im Untergrund bei diesem Prozess an Volumen zunehmen.

Schaden vor Touristen verbergen

Anwohner und Gastronomen sind verzweifelt. Letztere geben ihr Bestes, den unheimlichen Anblick vor den Touristen zu verbergen - was schwerfällt, denn vom Gastraum bis zur Toilette zieht sich die Zerstörung. Die betroffenen Häuser jetzt schon zu sanieren erscheint sinnlos, denn es heißt, dass die Anhebung noch weitergehen wird. Um bis zu zwei Meter, befürchtete eine Anwohnerin. Da erscheint die Option, das Haus abzureißen, abzuwarten und neu aufzubauen, noch am sinnvollsten.

"Tektonische Verwerfung"?

Aber möglicherweise gibt es noch einen zweiten Grund für den gespenstischen Vorgang, der die Mauern einer ganzen Stadt bedroht. Um das Phänomen von Staufen aufzuklären, wurde Anfang März unweit des Rathauses erneut ins Erdreich gebohrt - eine Maßnahme, die schnell wieder abgebrochen wurde. Experten stießen dabei nicht auf die erwartete aufgequellte Gips-Keuper-Schicht, sondern auf eine andere geologische Struktur, die allein nicht für die Hebungen verantwortlich sein kann. Die Experten waren nach noch nicht einmal neun Metern auf einen sogenannten Letten-Keuper gestoßen - eine Schicht, die sie erst in einer Tiefe von 120 Metern erwartet hatten. Clemens Ruch vom Landesamt für Geologie in Freiburg vermutet deshalb, dass Staufens Altstadt wohl auf einer "tektonischen Verwerfung" liege.

"Schlechter Sechser im Lotto"

Neben der Suche nach der Ursache für die Erdhebungen hat in Staufen ein heftiger Streit über die Entschädigung der betroffenen Bürger begonnen. Bisher ist völlig offen, wer die Beseitigung der Schäden zahlen muss. Sowohl das Landesamt als auch die Gemeinde Staufen sind davon überzeugt, dass vor der ersten geothermischen Bohrung alle rechtlich und sachlich notwendigen Prüfungen vorgenommen wurden. "Das alles ist wie ein schlechter Sechser im Lotto", klagt Bürgermeister Michael Benitz.

Helfen Land und Bund?

Nach eigener Aussage will das Stadtoberhaupt die Entschädigungsfragen auf höherer politischer Ebene, nämlich vom Land, dem Bund und sogar der EU, beantworten lassen. Bisher sei die Stadt Staufen schon mit Zahlungen in Höhe von 1,1 Millionen Euro für die Durchführung der ersten Erkundungsbohrung und die Einrichtung von Provisorien sowie statische Sicherungsmaßnahmen in Vorleistung gegangen. Die Stadtverwaltung schätzt die bisher entstandenen Schäden auf einen zweistelligen Millionenbetrag.

Das Warten geht weiter

Vor wenigen Tagen wurde eine zweite Erkundungsbohrung hinter dem Rathaus begonnen, die Aufschluss über die Ursache der Erdhebungen im Untergrund bringen soll. Die neue Bohrung ist bereits auf rund 15 Meter vorangetrieben. Derzeit wird sie gegen Wassereinbruch gesichert. Konkrete Ergebnisse werden erst in sechs bis acht Wochen erwartet. Von ihr erhoffen sich die Experten endlich eine Aufklärung der umfangreichen Erdhebungen, die nun seit bereits 14 Monaten unvermindert anhalten.


Von Karl-Heinz Zurbonsen, AP  

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