Burundi: Zwei Albino-Frauen haben Staatsanwalt Gahimbare Zuflucht gefunden (Foto: dpa)Seit Nicodem Gahimbare, Oberstaatsanwalt der ostburundischen Provinz Ruyigi, vor rund zwei Wochen an einen Tatort in der Gemeinde Bweru gerufen wurde, verfolgt ihn der Fall wie ein Alptraum. Das Mordopfer, ein junger Albino, war grausam verstümmelt worden. Die mit Macheten und Gewehren bewaffneten Täter hatten Arme, Beine und Genitalien ihres Opfers abgehackt und mitgenommen, auch Blut wurde im Körper des Opfers nicht mehr gefunden.
"Ein schrecklicher Fall", sagt Gahimbare. "Als Staatsanwalt ist es meine Aufgabe, das Gesetz anzuwenden. Aber ich habe mich auch gefragt, wie kann ich diese Menschen vor denjenigen schützen, die so etwas tun?"
Denn der Fall in Bweru war nicht der erste dieser Art. Eine junge Frau, ebenfalls von der Pigmentstörung Albinismus betroffen, war nur kurz vorher in einem anderen Dorf getötet worden. Die Täter, bei der Tat vermutlich gestört, hatten später versucht, an die bereits beerdigte Leiche zu gelangen. Zudem kursierten Gerüchte, dass sich in Ruyigi wie auch in der Nachbarprovinz Unbekannte in den Dörfern nach dort wohnenden Albinos erkundigt hätten. Viele Albinos leben seitdem in Furcht vor neuen Morden. Sie alle kennen die Geschichten über das Schicksal ihrer Leidensgefährten im benachbarten Tansania. Dort wurden bereits zahlreiche Menschen mit Albinismus ermordet und verstümmelt.
Bis zu 60.000 Dollar für eine Leiche
Dem Blut und den Körperteilen von Albinos werden in Tansania magische Kräfte zugeschrieben. Einige kriminelle Medizinmänner schrecken offensichtlich vor nichts zurück, um an Albino-Körperteile zu kommen. Es heißt, bis zu 60.000 Dollar würden für den Körper eines Albinos bezahlt, sagt Gahimbare, der überzeugt ist, dass auch die Mörder der beiden burundischen Albinos in Tansania viel Geld mit den Leichenteilen verdienen wollten.
Zahl der Albinos unbekannt
Albinismus ist eine Erbkrankheit. Den Betroffenen fehlt das hautfärbende Pigment Melanin, weshalb sie meist eine sehr helle Haut und weiße Haare haben. Häufig haben Albinos auch eine Sehstörung. In Afrika kommt nach Schätzungen der südafrikanischen Albinismus-Vereinigung ein Albino auf 4000 Menschen, andere Schätzungen sprechen von einem Verhältnis eins zu 17.000.
Staatsanwalt hilft als Privatmann
Der Staatsanwalt und sein Team ermitteln auf Hochtouren. Doch er hat noch mehr getan: Sein Haus wurde zur Zuflucht für verängstigte Albinos. Mittlerweile leben 18 von ihnen bei ihm und seiner Familie, viele von ihnen sind Kinder. "Ich habe das als Privatmann getan, nicht als Staatsanwalt", betont Gahimbare. Die Versorgung so vieler Menschen ist ein Problem, und so bat er bei UN-Mitarbeitern und Hilfsorganisationen in der Provinzhauptstadt Ruyigi um Unterstützung.
Angst vor fremden Kopfjägern
"Wir haben Angst, nach Hause zurückzugehen", sagte die 17-jährige Emeline Biamteyisura, die mit ihren beiden jüngeren Brüdern bei Gahimbare Zuflucht gefunden hat. "Hier fühle ich mich sicher. Ich habe Heimweh, aber auch Angst, dass ich getötet werde, wenn ich zu meinen Eltern zurückkehre", stimmt die 15-jährige Claudine Ceyirumeye zu. "Schon viermal sind Fremde gekommen, die mich gesucht haben."
Allgemeine Gleichgültigkeit
Die Hoffnung, dass die Morde an Albinos die Öffentlichkeit aufrütteln würden, hat sich bis jetzt nicht erfüllt. "Es ist schade, aber seit einer Woche bin ich der einzige in der Stadt, der den Albinos hilft", sagt Gahimbare bedauernd über die Gleichgültigkeit der Einwohner.
"Werde im Prozess die Todesstrafe fordern"
Im ersten Mordfall wurden inzwischen drei Tatverdächtige festgenommen. "Ich werde im Prozess die Todesstrafe fordern", erklärt Gahimbare mit fester Stimme. Der Jurist setzt seine Hoffnung auf die Regierung. "Das ist eine nationale Angelegenheit", meint er zu den Albinomorden. Es sei notwendig, im Kampf gegen die skrupellosen Menschenjäger auch mit der tansanischen Regierung oder all jenen zusammenzuarbeiten, die ebenfalls betroffen seien. "Ich habe von Albinos gehört, dass es auch im Kongo Mordfälle geben soll."
Folge der Armut
Von organisierter Kriminalität geht der Staatsanwalt dennoch nicht aus. "Das sind einzelne kriminelle Gruppen, die glauben, dass sie mit Körperteilen von Albinos viel Geld verdienen können", sagt er und seufzt: "Wir leben hier leider in einem sehr armen Land."