Ein Bild der Verwüstung nach dem NATO-Angriff auf Taliban in der Nähe von Kundus in Afghanistan (Foto: AP)
Bei dem tödlichen Luftangriff der NATO auf Taliban in der Nähe der afghanischen Stadt Kundus, bei dem auch zahlreiche Zivilisten ums Leben kamen, haben möglicherweise Kommunikationsprobleme zwischen der Bundeswehr und amerikanischen Soldaten eine Rolle gespielt. Auch von schlechten Videoaufnahmen ist die Rede.
Die Untersuchung der Militäraktion vom Freitag müsse auch der Frage möglicher Sprachbarrieren zwischen den deutschen Kommandeuren in Kundus und den amerikanischen Piloten der eingesetzten Flugzeuge nachgehen, erklärte US-Konteradmiral Gregory Smith, der Sprecher von NATO-Kommandeur Stanley McChrystal. Es sei noch nicht entschieden, welche Nation die Untersuchung leiten soll.
Sogar 125 Todesopfer
Bei dem Luftangriff auf zwei von Aufständischen entführte Tanklastwagen kamen nach neusten Angaben der NATO etwa 125 Menschen ums Leben - mindestens zwei Dutzend waren dabei nach Informationen der "Washington Post" keine Taliban gewesen. Damit ist die Zahl der Opfer deutlich höher als bisher bekannt. Der deutsche Verteidigungsminister Franz Josef Jung sagte jedoch, es gebe keine Informationen, dass andere Personen als Aufständische, also Taliban, getötet wurden.
Nur Schatten zu sehen
Nach der Anforderung von Luftunterstützung durch die Bundeswehr traf nach Angaben der NATO zuerst ein amerikanischer B-1-Bomber ein, dessen Besatzung die beiden entführten Tanklastwagen und Dutzende Personen in deren Umgebung sah. Die B-1 musste wegen Treibstoffmangels zu ihrem Stützpunkt zurückkehren. Etwa 20 Minuten später trafen zwei US-Kampfflugzeuge des Typs F-15E ein, deren Besatzung Videoaufnahmen zum deutschen Stützpunkt funkte. Etwa eine halbe Stunde nach der Ankunft der beiden F-15-Maschinen wurden dann Bomben auf die Tanklastzüge geworfen. Die Nachtaufnahmen seien von geringer Qualität gewesen, sagte Smith. "Man kann nur Schatten sehen."
Jung kritisiert Kritiker
CDU-Minister Jung hat internationale Kritik an der Bundeswehr wegen des Luftangriffs derweil erneut zurückgewiesen. Der "Bild am Sonntag" sagte er: "Überhaupt kein Verständnis habe ich für jene Stimmen, die ohne Kenntnis der Sachlage und der Hintergründe bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt Kritik an dem militärischen Vorgehen üben. Dies wird nicht den schwierigen Situationen gerecht, in denen unsere Soldaten im Einsatz für die Stabilität in Afghanistan und damit im Interesse unserer Sicherheit in Deutschland Leib und Leben riskieren."
Frankreich: "Großer Fehler"
Die internationale Kritik an der Bundeswehr kam auch von Partnern in der Europäischen Union. Die EU sprach von einer "Tragödie". Der schwedische Außenminister Carl Bildt sagte für die EU-Ratspräsidentschaft zu dem Bombenangriff: "Wir gewinnen diesen Krieg nicht, indem wir töten." Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner sprach von einem "großen Fehler": "Wir müssen mit ihnen zusammenarbeiten statt sie zu bombardieren. Sie müssen die Sache genau untersuchen." Auf die Frage, wessen Fehler der Angriff sei, sagte er: "Ich weiß nicht, ich bin kein Richter." Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn kritisierte: "Ich verstehe nicht, dass Bomben so einfach und so schnell abgeworfen werden können."
US-General versucht zu beruhigen
Der oberste NATO-Kommandeur in Afghanistan, US-General McChrystal, bemüht sich derweil um Schadensbegrenzung. Er besuchte den Ort des Angriffs auf die gekaperten Tanklaster nahe Kundus und sprach mit Dorfbewohnern. McChrystal erklärte dabei nach Angaben der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung": "Für mich ist es klar, dass es einige zivile Opfer gab." Vor seinem Besuch in dem Unruhedistrikt Char Darah, wohin die Taliban die gekaperten Tanklaster gebracht hatten, hatte sich ISAF-Kommandeur McChrystal über das afghanische Fernsehen an die Bevölkerung gewandt. Er versicherte dabei den Afghanen, dass die NATO alles unternehme, um die Bevölkerung bei Militäreinsätzen zu schonen.