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Gerichte nehmen immer öfter Kinder aus Familien
18.07.2008, 17:23 Uhr
Am Freitag wurden zwei Mädchen in einer verwahrlosten Wohnung gefunden. Ihren Eltern soll das Sorgerecht entzogen werden. (Quelle: dpa)Immer mehr Eltern wird das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen. Von 2006 auf 2007 stieg die Zahl der Sorgerechtsentzüge um 12,5 Prozent, im Vergleich zu 2005 betrug der Anstieg sogar knapp 23 Prozent. Das berichtete das Statistische Bundesamt am Freitag.
Allein im vergangenen Jahr haben die Familiengerichte in Deutschland in rund 10.800 Fällen den vollständigen oder teilweisen Entzug der elterlichen Sorge angeordnet. Die Jugendämter hatten die Gerichte 12.800 Mal um diesen Schritt gebeten.
BremenGericht stellt Eilantrag auf Sorgerechtsentzug
Tod der kleinen Lea-SophieEltern wegen Mordes verurteilt
Der Fall KevinZiehvater muss in Haft und zum Entzug
Medienberichte sind hauptverantwortlich
Der Grund für die gehäuften Fälle ist für die Experten klar: die zahllosen Medienberichte über Kindesmisshandlungen. "Immer, wenn ein krasser Fall in der Zeitung stand, schnellen danach die Hinweise aus der Bevölkerung in die Höhe", sagt eine Jugendamtsmitarbeiterin aus Hessen.
Sensibilisierung führt auch zu Angst
Experten nehmen die Zahlen mit gemischten Gefühlen auf. "Es ist gut, dass es eine Sensibilisierung bei der Bevölkerung gibt, aber diese Stimmung erzeugt auch große Unsicherheit," sagt Thomas Meysen, fachlicher Leiter des Deutschen Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht. Mitarbeiter des Jugendamts verlangen heute viel schneller, dass das Sorgerecht entzogen wird - nicht selten, weil sie um ihre eigene Haut fürchten. "Aber Angst ist generell kein guter Ratgeber", sagt Meysen.
Fall Lea-Sophie wurde zum Politikum
In den vergangenen Jahren hatte eine ganze Reihe schwerer Kindesmisshandlungen für Aufsehen gesorgt. Erst in dieser Woche waren die Eltern der verhungerten Lea-Sophie aus Schwerin zu Haftstrafen von jeweils elf Jahren und neun Monaten verurteilt worden. Das fünfjährige Mädchen war im November 2007 nach wochenlanger Vernachlässigung verhungert und verdurstet. Danach wurde der Bürgermeister von Schwerin abgewählt.
Jugendämter werden stärker belastet
Dass die Bevölkerung aufmerksamer geworden ist, begrüßt Meysen grundsätzlich: "Jetzt muss die Situation qualifiziert genutzt werden." Das Problem für die Jugendämter und Gerichte: Immer mehr Fälle werden gemeldet, doch es gibt nicht mehr Mitarbeiter oder viel zu wenig zusätzliche Stellen.
Bremen nach Tod Kevins an der Spitze
Mehr als verdoppelt hat sich die Zahl der Sorgerechtsentzüge in Bremen: Von 56 Fällen im Jahr 2006 auf 126 Fälle im Jahr 2007. Im Herbst 2006 hatte die Polizei dort den zweijährige Kevin tot im Kühlschrank seines Ziehvaters entdeckt. Nach Bremen folgen Niedersachsen mit einer Zunahme von 31 Prozent und Thüringen mit 30 Prozent. Dagegen sank die Zahl der Sorgerechtsentzüge in Schleswig-Holstein um 18, in Berlin um 15 und in Sachsen-Anhalt um 14 Prozent.
Jugendamt schreitet öfter ein
Auch die Zahl der sogenannten Inobhutnahmen nimmt zu. Wie das Statistische Bundesamt am vergangenen Dienstag berichtet hatte, nahmen die Jugendämter 2007 jeden Tag durchschnittlich 77 Kinder und Jugendliche in ihre Obhut. Insgesamt leisteten die Ämter für 28.200 Kinder und Jugendliche schnelle Hilfe in bedrohlichen Situationen. Das waren 8,4 Prozent mehr als 2006.
Gerichte sollen schneller eingreifen
Die Zahlen des Jahres 2008 könnten die bisherigen sogar noch übertreffen. Familienministerin Ursula von der Leyen hatte im Dezember 2007 angekündigt, dass misshandelten und vernachlässigten Kindern in Zukunft noch schneller geholfen werden soll. „Wir werden dafür sorgen, dass die Familiengerichte künftig schneller eingreifen können“, hatte die CDU-Politikerin angekündigt. Erst am Mittwoch hatte das Familiengericht in Bremen einen Eilantrag auf Sorgerechtsentzug gestellt. Das Jugendamt hatte am Freitag zwei Mädchen aus einer völlig verdreckten Kellerwohnung geholt und in Obhut genommen.
Kontrolle ist nicht alles
Meysen sieht von der Politik gute Anregungen geschaffen. Doch er ist nicht ganz zufrieden damit, wie Politiker Lösungen anbieten. Für ihn wird der Ruf nach immer mehr Kontrollen zu stark in den Vordergrund gestellt. "Allein mehr Hausbesuche sind nicht die Lösung, denn damit schlägt man die Eltern in die Flucht," sagte er. Seine Forderung: "Eine Balance finden zwischen verbindlichem Kontakt mit den Eltern und Kontrolle."