21.03.2011, 21:24 Uhr
Die Betreiber des Kernkraftwerks Fukushima I sollen schon vor der Katastrophe geschlampt haben (Fotos: AP/ dpa)
Schon vor dem verheerenden Erdbeben in Japan hat die Betreiberfirma des Atomkraftwerks Fukushima I geschlampt. Die japanische Atomsicherheitsbehörde NISA warf Tepco einige Tage vor der Katastrophe vom 11. März Mängel bei der Inspektion vor. Das hatte die japanische Nachrichtenagentur Kyodo schon Ende Februar berichtet. Tepco selbst veröffentlichte den Bericht über die Mängel am Katastrophentag auch auf seiner Internetseite. Nachdem über zwei Reaktoren Rauch aufgestiegen war, wurden Arbeiter aus dem AKW evakuiert. Nach Informationen der Internationalen Atomenergiebehörde soll auch außerhalb der Evakuierungszone um Fukushima hohe Radioaktivität gemessen worden sein.
Im Atomkraftwerk Fukushima I seien insgesamt 33 Geräte und Maschinen nicht ordnungsgemäß überprüft worden, schrieb die Nachrichtenagentur Kyodo. Darunter hätten sich Notstromgeneratoren, Pumpen und andere Teile des Kühlsystems befunden, die dann vom Tsunami beschädigt wurden und deren Ausfall zu den massiven Problemen in dem Kraftwerk führte. Ähnliche Mängel habe es auch in zwei weiteren Anlagen gegeben: Betroffen seien außerdem das Atomkraftwerk Fukushima II und das Kraftwerk Kashiwazaki-Kariwa an der Westküste Japans.
Insgesamt seien in allen drei Anlagen mehr als 400 Geräte und Maschinen nicht wie vorgeschrieben inspiziert worden, hieß es Ende Februar in einem Bericht von Tepco an die Aufsichtsbehörde. Die meisten Mängel wurden laut Kyodo im Kraftwerk Kashiwazaki-Kariwa in der Präfektur Niigata festgestellt. Unter den schlecht gewarteten Geräten befanden sich danach auch ein Dieselgenerator zur Notstromversorgung. Die NISA hatte Tepco wegen der Mängel verwarnt. Die Behörde gab dem Betreiber bis Juni Zeit, um Verbesserungen einzuleiten.
Wie Tepco dazu mitteilte, hätten aber keine Sicherheitsrisiken bestanden. Bei dem schweren Erdbeben und dem Tsunami war die Lage in Fukushima I eskaliert, nachdem die Notstromversorgung ausgefallen war.
Nach Angaben der japanischen Atombehörde sind die Reaktorblöcke 2, 5 und 6 wieder an das Stromnetz angeschlossen. zum Video
Als Grund für die Mängel bei der Überprüfung nannte Tepco unter anderem Versäumnisse der Verantwortlichen. Außerdem sei die Inspektionsliste sehr umfangreich. In einer Anlage müssten einige zehntausend Maschinen und Geräte überprüft werden. Das solle in Zukunft systematischer erfolgen, zitierte Kyodo den Betreiber. Tepco musste sich auch schon früher gegen Vorwürfe verteidigen. So räumte die Firma ein, Berichte über Schäden jahrelang gefälscht zu haben.
Derweil kommen Neuigkeiten über das Katastrophen-Kraftwerk Fukushima nur spärlich an. Am Montag wurde das Atomkraftwerk teilweise evakuiert. Die Arbeiter, die sich in der Nähe des Reaktors 3 befunden hätten, seien am Nachmittag (Ortszeit) vorerst in Sicherheit gebracht worden, weil am Mittag Rauch aus dem Reaktor aufgestiegen sei, teilte der Betreiber Tepco mit. In den Brennelementen dieses Reaktors befindet sich hochgefährliches Plutonium. Später qualmte es auch über Block 2.
Bei dem weißen Qualm über dem havarierten Block 2 handelt es sich aber wahrscheinlich um Dampf und nicht um Rauch. Das meldete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo. Der Dampf komme vermutlich auch nicht aus dem Abklingbecken. Die genaue Ursache war weiter unklar. Der Reaktor 2 ist seit Sonntag wieder an das Stromnetz angeschlossen. Ob die Wasserpumpen funktionieren, ist unklar.
Grauer Rauch wurde den Angaben zufolge zunächst kurz vor 16 Uhr Ortszeit über dem Abklingbecken an der Südostseite von Block 3 sichtbar, verzog sich aber bis zum frühen Abend wieder. Auch hier ist die Ursache noch unklar.
Die japanische Küstenwache hat dieses Video der beiden Riesenwellen veröffentlicht. Die Besatzung des Schiffs kam mit dem Schrecken davon. zum Video
In beiden Blöcken gibt es unter anderem Probleme mit der Kühlung der ausgebrannten Brennstäbe. Die Atomsicherheitsbehörde erklärte, sie gehe nicht davon aus, dass der Rauch im Zusammenhang mit dem Abklingbecken stehe. Eine Explosion hatte sich vor dem Aufsteigen des Rauches offenbar nicht ereignet.
Am Wochenende und in der Nacht zu Montag hatten Helfer in die sogenannten Abklingbecken beider Blöcke Wasser gesprüht. Damit sollen die dort lagernden benutzten Brennstäbe gekühlt werden.
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Die radioaktive Belastung auf dem Gelände habe sich aber "kaum erhöht", sagte Regierungssprecher Yukio Edano im staatlichen Fernsehen NHK. Derzeit versuchten Experten, den Grund für die Rauchentwicklung in Reaktor 3 herauszufinden: "Der Rauch muss nicht zwingend von dem Abklingbecken ausgehen, in dem Reaktor sind noch weitere brennbare Materialien", sagte Edano.
Die in Block 3 verwendeten Brennelemente sind besonders gefährlich, weil es sich dabei um Plutonium-Uran-Mischoxide (MOX) handelt. Plutonium ist ein hochgiftiger Stoff. Obwohl der Block bis Sonntag früh 13 Stunden lang unter dem Beschuss von Wasserwerfern stand, war der Druck gestiegen. Das Kühlsystem in Block 3 ist seit dem Erdbeben und Tsunami ausgefallen, die innere Reaktorhülle soll nach Regierungsangaben aber noch intakt sein.
Ständig aktuell: Das wetter.info-Video zeigt, wie sich radioaktive Partikel - sofern vorhanden - über den Wind verteilen könnten. zum Video
Jetzt soll eine Betonpumpe aus Deutschland die Atomreaktoren im japanischen Fukushima kühlen. Der 58 Meter hohe, gelenkige Arm der Pumpe kann die beschädigten Wände des Atomkraftwerks überragen und riesige Mengen Wasser direkt in den Gefahrenherd leiten, wie der Technische Geschäftsführer der Firma Putzmeister, Gerald Karch, erklärte. Im Unterschied zum Strahl aus den Feuerwehrschläuchen und Löschkanonen werde der Wasserfall aus der Pumpe nicht vom Wind zerstäubt.
Die Pumpe wird per Fernbedienung gesteuert und ist für den Katastropheneinsatz am Wochenende mit einer Kamera ausgerüstet worden. Mitarbeiter des Reaktorbetreibers Tepco wurden in Tokio in die Bedienung der Pumpe eingewiesen, wie Karch erklärte. Die Betonpumpe sei eigentlich für einen Kunden in einem anderen Land bestimmt gewesen, aber rasch nach Japan umdirigiert worden: "Es hat grad' gepasst", sagte Karch.
Ständig aktuell: Das wetter.info-Video zeigt die mögliche Entwicklung der Temperaturen im japanischen Krisengebiet. zum Video
Der Einsatz weiterer Betonpumpen mit 63 und 70 Metern Reichweite sei in der Diskussion. "Wir würden das hinbringen, wenn es erfolgreich ist", sagte der Geschäftsführer. Wer den Einsatz bezahlt, sagte er nicht. "Unser Mann vor Ort regelt das später. Wichtig ist, dass die Maschine dort ist", sagte Karch.
Nach den Erfolgen vom Wochenende, als der Anschluss von vier der sechs Reaktorblöcke ans Stromnetz gelang und auch die Temperaturen in den mit Wasserwerfern gekühlten Reaktorblöcken stabilisiert wurden, stieg in Block 3 der Druck wieder derart, dass Techniker einen Druckablass in Erwägung zogen.
Dabei hatte es in den ersten Tagen der Atomkrise Explosionen von radioaktivem Gas gegeben. "Selbst wenn bestimmte Dinge glatt gehen, wird es auch Rückschläge geben", sagte Edano am Montag. "Im Augenblick sind wir nicht so optimistisch, dass es einen Durchbruch gibt."
Die US-Atomsicherheitsbehörde NRC stimmt währenddessen optimistischere Töne in Bezug auf die Lage im Katastrophen-Kraftwerk an und befindet die Stahlbetonhüllen der Reaktoren 1, 2 und 3 als intakt. Der verantwortliche NRC-Direktor Bill Borchardt erklärte, zwar gebe es in den drei Anlagen Schäden an den Reaktorkernen, die sogenannten Containments seien aber nicht gebrochen. Die Situation stehe offenbar kurz vor der Stabilisierung. Die NRC steht in Tokio in engem Austausch mit der japanischen Regierung und Vertretern der Industrie. In den letzten Tagen sah NRC die Situation aber eher kritisch.
Seit dem verheerenden Erdbeben und dem Tsunami kämpfen die Betreiber des AKW mit massiven Problemen. Mehreren Reaktoren droht ein Super-GAU. zum Video
Die Strahlungswerte in Fukushima sind nach Informationen der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA auch außerhalb der Evakuierungszone hoch. Nach Messwerten von Sonntag, auf die sich die IAEA beruft, lagen die Werte außerhalb der 20-Kilometer-Zone teils erheblich über der natürlichen Strahlung. "Da muss man sich etwas überlegen", sagte ein hochrangiger IAEA-Beamter auf die Frage, ob eine Erweiterung der Evakuierungszone notwendig sei.
Am Sonntag wurde nach IAEA-Informationen beispielsweise 58 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt eine Strahlung von 5,7 Mikrosievert pro Stunde gemessen. Der von der IAEA empfohlene Strahlengrenzwert für einen normalen Erwachsenen liegt bei 1 Millisievert (1000 Mikrosievert) pro Jahr. Demnach könnten sich die Menschen, die 58 Kilometer von den Reaktoren entfernt leben, rund sieben Tage dort aufhalten, ohne langfristig gesundheitliche Schäden wie Krebs zu riskieren.
Die radioaktive Verseuchung im Umkreis des AKW wird derweil nach Einschätzung der französischen Atomaufsichtsbehörde (ASN) jahrzehntelang andauern. Aus dem beschädigten Kraftwerk entwichen nun "in bedeutendem Maß" radioaktive Stoffe, und der radioaktive Niederschlag dauere an, stellte die Behörde fest. "Man muss sich deshalb darauf einstellen, dass Japan mit den Folgen dieses Niederschlags auf seinem Boden dauerhaft umgehen muss", sagte ASN-Leiter André-Claude Lacoste. Das Problem werde "Jahrzehnte und Aberjahrzehnte" bestehen bleiben.
Es sei gut denkbar, dass die Verseuchung über das geräumte Gebiet von 20 Kilometern um das Atomkraftwerk hinausgehe, sagte ASN-Fachmann Jean-Luc Godet. In Anbetracht der Wetterlage sei es "wahrscheinlich", dass ein Gebiet in einem Umkreis von bis zu hundert Kilometern verseucht worden sei.
Die Zahl der Toten und Vermissten nach dem Beben und der Tsunami-Welle lag offiziellen Angaben zufolge bei mehr als 21.500. Die Polizei bestätigte 8649 Todesopfer. Die Weltbank schätzte die Höhe der Schäden infolge der Naturkatastrophen auf umgerechnet rund 165 Milliarden Euro.
Zehn Tage nach Erdbeben und Tsunami harren noch 350.000 Menschen in Notunterkünften aus. Zehntausende verbrachten eine weitere Nacht in bitterer Kälte und Regen. "Wie lange wird das bloß noch andauern", sagte ein alter Mann dem japanischen TV-Sender NHK. Er verbrachte die Nacht zum Montag mit seiner Frau im Auto. "Was ich mir wünsche, ist eine Behelfsbehausung. Und ein Bad." Zwar treffen allmählich Hilfsgüter ein und die Reparaturarbeiten unter anderem an den Gas- und Wasserleitungen sind im Gange, doch vielerorts mangelt es an Heizöl und Öfen.
Anhaltender starker Regen erschwerte am Montag die Rettungsarbeiten und schürte Ängste vor radioaktivem Niederschlag. "Wir können bei diesem Regen nicht mit Helikoptern fliegen", sagte ein Vertreter der Präfektur Miyagi, die am stärksten von dem verheerenden Erdbeben und dem anschließenden Tsunami getroffen worden war. Die in den Küstengebieten geplanten Bergungsarbeiten würden daher verschoben. Wegen des Wetters sagte auch Regierungschef Naoto Kan kurzfristig seinen Besuch in der Region ab. Er wollte ursprünglich per Hubschrauber zunächst in die Stadt Ishinomaki in Miyagi reisen. Danach wollte er nahe der Anlage Fukushima I Einsatzkräfte treffen, die seit Tagen versuchen, eine nukleare Katastrophe zu verhindern.
Der japanischen Bevölkerung bereiteten derweil verstrahlte Lebensmittel und verseuchtes Trinkwasser zusätzliche Probleme: In vier Provinzen verbot die Regierung wegen erhöhter Strahlenbelastung den Verkauf und Export von Milch, Spinat und dem japanischen Blattgemüse Kakina. Ein Sprecher der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagte jedoch, dass Lebensmittel, die kurzzeitig Radioaktivität ausgesetzt gewesen seien, auf kurze Sicht keine Gefahr für die Gesundheit darstellten.
Spuren von Strahlung wurden am Sonntag und Montag im Leitungswasser von neun Präfekturen festgestellt, wie die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf Regierungsangaben berichtete. Die Grenzwerte der Kommission für atomare Sicherheit seien aber bei allen Proben unterschritten worden.
Bei einer anderen Untersuchung wurden in einem Dorf allerdings deutlich erhöhte Werte festgestellt. In dem Dorf Iitatemura, rund 40 Kilometer von der havarierten Atomanlage entfernt, wurde zudem ein Grad an radioaktivem Jod im Trinkwasser gemessen, der dreimal so hoch wie der von der Regierung festgesetzte Grenzwert war. Es gebe "keine direkten Auswirkungen auf die Gesundheit, wenn das Wasser zeitweise getrunken wird", erklärte ein Sprecher des japanischen Gesundheitsministeriums. "Trotzdem raten wir als Vorsichtsmaßnahme den Dorfbewohnern dazu, das Wasser nicht zu trinken." Medienberichten zufolge sollen die Einwohner nun mit Wasserflaschen versorgt werden.
Bei Hitachi, 100 Kilometer südlich des Kraftwerks, wies Spinat einen Jod-131-Wert von 54.000 Becquerel und einen Cäsium-Wert von 1931 Becquerel je Kilogramm auf. Die Grenzwerte liegen in Japan bei 2000 Becquerel für Jod und bei 500 Becquerel für Cäsium. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt allerdings einen generellen Grenzwert von nur 100 Becquerel pro Kilo. Auch bei Milch aus der Umgebung von Fukushima wurde eine überhöhte Strahlenbelastung festgestellt. In der Präfektur Tokio und in weiteren Regionen wurde eine geringe Belastung des Trinkwassers mit radioaktivem Jod festgestellt.
Und auch das Meer vor dem Kernkraftwerk Fukushima weist eine radioaktive Belastung auf, die massiv gestiegen ist. Im Wasser rund 100 Meter von der Atomanlage entfernt lagen nach Angaben des Betreibers Tepco die Werte für radioaktives Jod 127 Mal über dem Normalwert. Für radioaktives Cäsium war der Wert 25 Mal so hoch wie sonst üblich.
Der Strahlenbiologe Edmund Lengfelder äußerte die Befürchtung, dass viele der in Fukushima seit Tagen arbeitenden Techniker einen akuten Strahlentod sterben könnten. "Zuerst wird es den Menschen übel und schwindlig", sagte er der "Frankfurter Rundschau". Dann würden "lebenswichtige Funktionen" zusammenbrechen. Lengfelder warnte zudem vor einer Verstrahlung im Pazifik.
Unterdessen befürchtet ein Experte, dass die Entsorgung der Reaktoren von Fukushima I bis zu zehn Jahre dauern könnte. Das berichtete die Zeitung "Asahi Shimbun" in ihrem Facebook-Profil und berief sich auf einen Informanten des AKW-Betreibers Tepco. Wegen radioaktiver Strahlung sei es sehr wahrscheinlich, dass die beschädigten Brennelemente in den Reaktordruckbehältern der Blöcke 1,2 und 3 nicht abmontiert werden könnten, sagte der Informant der Zeitung. Die Blöcke 5 und 6 hätten dagegen keinen großen Schaden davongetragen. Theoretisch könnten sie deswegen wieder in Betrieb genommen werden. "Mit Blick auf die Gefühle der Anwohner wäre es allerdings schwierig, den Betrieb wieder aufzunehmen. Die Entsorgung aller sechs Reaktoren ist daher unvermeidlich", wird der Tepco-Mitarbeiter zitiert.
Quelle: dapd , dpa , AFP
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