Startseite Jetzt online bestellen und 10% Rabatt sichern

Sie sind hier: Home > Nachrichten > Panorama > Kriminalität >

Schweinfurt: Beamter erschießt Bruder eines Freundes

...

"Ich habe getötet"

10.02.2009, 11:12 Uhr | Von Jörg Diehl, Spiegel Online

Michael Muche erschoss den Bruder seines Freundes (Foto: Imago)Michael Muche erschoss den Bruder seines Freundes (Foto: Imago)

30 Jahre lang musste Polizist Michael Muche nicht auf einen Menschen schießen. Doch dann bedroht ihn eines Nachts ein Betrunkener mit einer Pistole - und Muche drückt ab. Als der Mann stirbt, stellt sich heraus: Er war der Bruder eines Freundes. Eine Geschichte über Schuld, Verzweiflung und das Trauma des Tötens.

"Der Vorfall", wie Michael Muche die Nacht nennt, in der er einen Menschen tötete, begann mit heiseren Worten am Telefon. 110. Polizeinotruf. "Ja, hallo", flehte eine junge Frau, "mein Freund tickert aus. Ich bräucht Hilfe." Sie nannte ihren Namen, eine Adresse im Schweinfurter Norden, dann legte sie auf. Das Gespräch hatte auf die Sekunde genau eine Minute gedauert. Es war der 1. März 2004. Die Uhr in der Leitstelle zeigte 22.54 Uhr.

Mehr aktuelle Nachrichten

"Ich mache den Schreibkram"

Im Streifenwagen der Polizeihauptmeister Michael "Mike" Muche und Gustav G.* knackte das Funkgerät: Einsatz. Häusliche Gewalt in der Friedhofstraße. Mit Blaulicht glitten die Beamten durch die einsamen Straßen der Kleinstadt. Montagabend, es schneite in dicken Flocken. Wir kriegen das in den Griff, dachten die beiden. Passt schon. "Ich mach den Schreibkram", sagte Mike.

Kein Protokoll sondern ein Buch

Jahre später schreibt der Polizist Muche tatsächlich, monatelang hackt er auf seinen Laptop ein. Doch es entsteht kein Protokoll, wie er vor dem verhängnisvollen Einsatz im März 2004 noch gedacht hat, sondern ein schonungsloses, bewegendes, 196-seitiges Taschenbuch im Selbstverlag, auf dessen Titel eine Pistole prangt und der Schriftzug: "Ich habe getötet."

Öffentliches Bekenntnis kostet Kraft und Mut

Der heute 51-jährige Muche gehört zu den wenigen Polizisten, die den Mut und die Kraft gefunden haben, sich öffentlich zu bekennen: Ja, ich habe einen Menschen erschossen. Ich habe das ultimative Tabu unserer Gemeinschaft gebrochen, weil ich nicht anders konnte, weil ich musste, weil "der andere" mich dazu gezwungen hat. Und fast wäre ich daran zerbrochen.

"Polizei. Machen Sie bitte auf!"

Die Friedhofstraße Nummer 21 ist ein Altbau in einer ruhigen Gegend - oft hatten Muche und seine Kollegen hier nicht zu tun. Doch in dieser kalten Märznacht mussten die Polizisten Treppen fressen, fünf, sechs, sieben, bis ganz nach oben in die Dachgeschosswohnung. Warum wohnen "diese Leute nie im Erdgeschoss? Immer dasselbe", schimpfte Muche. Keine Klingel, das Haus ist dunkel und totenstill. Sie klopften. Eine Stimme wisperte: "Wer ist denn da?" - "Polizei. Machen Sie bitte auf!

Es ging alles ganz schnell

Langsam, wie Muche sich zu erinnern meint, schwang die Tür auf. Eine blasse, junge Frau stand ihnen gegenüber, ein Golden Retriever an ihrer Seite, die Wohnung lag in schummrigem Licht. "Moment, ich sperr den Hund ins Bad." Im Wohnzimmer hockte ein massiger Mann im Schneidersitz auf dem Fußboden, Ziegenbart, kahler Schädel. "Was war denn los?", fragten die Uniformierten. Keine Antwort. Unvermittelt zog Jörg S.*, 35, stattdessen eine Pistole unter seinem Bein hervor und richtete sie auf die Polizisten. Silbern, glänzend, riesengroß war die Waffe, ihre Mündung schien alles zu verschlingen. Der Tod in Händen eines Betrunkenen. "Ach, du Scheiße", dachte Muche. Jetzt ging alles ganz schnell, eine Minute noch, vielleicht anderthalb.

"Knarre weg!"


Die Beamten rissen ihre Dienstwaffen vom Typ Heckler & Koch P7 aus den Holstern und sprangen in Deckung. "Knarre weg! Knarre weg", brüllte Muche den Mann an. Keine Reaktion. Jörg S. stand auf und ging langsam auf die beiden zu, die Pistole im Anschlag. "Knarre weg!" S. zeigte keine Regung. Er zielte.

Fünfmal drückte der Polizist ab

Muche hastete aus der Wohnung, Panik, Todesangst, Hirnkrampf - und rannte sofort wieder zurück. "Gustav ist noch drin." Ein Schuss peitschte durch den Raum, "laut wie ein Donnerschlag", Muches Partner schlug zu Boden. "Scheiße, scheiße, scheiße!" Mike drückte ab, fünfmal, und schließlich, ganz langsam, die Pistole noch immer auf den Polizisten gerichtet, sackte Jörg S. zusammen. Es war vorbei.

"Alles muss schwarz sein"

Michael Muche ist ein mittelgroßer, mittelschwerer Mann mit grauem Schnurrbart und grauen Haaren. Er trägt eine schwarze Hose, einen schwarzen Pullover, schwarze Lederstiefel, "alles muss schwarz sein", und starrt in seinen Kaffee mit Milch und viel Zucker. Äußerlich ungerührt erzählt er seine Geschichte, doch die stahlblauen Augen füllen sich langsam mit Tränen.

Inzwischen ist Muche ein kranker Mann

Seit vier Jahren schläft Michael Muche nicht mehr richtig, und wenn doch, träumt er von Menschen ohne Hände, von Gewalt, Kampf und der Mündung einer Pistole. Er, der Sunnyboy, der Macher, der das Leben im Griff zu haben glaubte, keine Angst kannte und Probleme, die er nicht lösen konnte, "einfach abhakte", wie er sagt, ist inzwischen ein kranker Mann: Posttraumatische Belastungsstörung lautet die Diagnose. Der Freistaat hat Polizeihauptmeister Michael Muche nach 33 Dienstjahren deshalb frühpensioniert.

Der Bruder eines Freundes

Wenige Tage nach "dem Vorfall" musste Muche von seinem Vorgesetzten erfahren, dass er den Bruder eines Freundes erschossen hatte. Er war ihm nie zuvor begegnet. Schlimmer noch: Es stellte sich heraus, dass Jörg S. nur eine Schreckschusswaffe auf die Polizisten gerichtet hatte. Den Schuss, den Muche hörte, gab sein Kollege G. ab - und fiel danach in eine Art Schockstarre.

"Suicide by cop"

Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt kamen in ihren Ermittlungen gleichwohl dem Ergebnis, dass Jörg S. sterben wollte und den tödlichen Zwischenfall deshalb provoziert hatte. Der 35-Jährige, der zum Zeitpunkt des Unglücks stark angetrunken war, zwang demnach seine Freundin, die Polizei zu rufen, um in einer vermeintlichen Notwehrsituation erschossen zu werden. "Suicide by cop" nennen das US-Polizeipsychologen.

Einfach war es nicht

Er habe sich vor dem Unglück gedanklich oft mit der Frage beschäftigt, "was tue ich, wenn mich einer mit einer Pistole bedroht?", sagt Muche. "Jeder Polizist tut das." Und er sei sich immer sicher gewesen: "Dann blase ich den halt weg." Doch so einfach war das nicht.

Panikattacken lassen sich nicht niederringen

Der Polizeiarzt riet Muche, möglichst schnell in einen Streifenwagen zu steigen. "Wie beim Reiten. Wer vom Pferd gefallen ist, muss sofort wieder aufsteigen." Eine idiotische Idee. Zwei Wochen nach den tödlichen Schüssen war Muche zurück auf der Straße, Polizeiinspektion Schweinfurt-Stadt, Dienstgruppe B - alles wie früher, nur die Panikattacken waren neu. Muche wollte sie niederringen wie sonst die Betrunkenen, die Randalierer und Schläger. Es ging nicht.

Beinahe hätte er einen Unschuldigen erschossen

Die Beamten wurden zu einem Familienstreit gerufen, Muche war wieder der erste an der Tür, kalte Angst im Nacken und einen unerfahrenen Kollegen an der Seite. Er zog die Waffe, zitterte und brüllte sein Gegenüber an: "Nimm die Hände aus den Taschen!" Doch der Afghane verstand ihn nicht. "Wenn er in diesem Moment eine hastige Bewegung gemacht hätte, hätte ich ihn erschossen. Einen Unschuldigen", sagt Muche. "Da war mir klar: Ich kann nicht mehr."

Du sollst nicht töten

Der Freund und Helfer, der Problemlöser, Macho und Frauenheld brauchte nun professionelle Hilfe. Denn die gesellschaftlichen Normen, nach denen unsere Psyche arbeitet, kennen keine Notwehr, keine mildernden Umstände, sie sagen bloß: Du sollst nicht töten. Punkt, aus, basta. Mancher entkommt den Schuldgefühlen nicht, auch wenn er keine Schuld hat.

Muche versucht, sich zu versöhnen

Muche machte Therapien, besuchte Psychologen, sprach in Gruppen oder alleine über sein Trauma. Auch davon handelt das aufwühlende Buch. Der fast 50-Jährige räumte sein Leben auf, er versuchte, private Fehler wieder gutzumachen, sich zu versöhnen und auszusprechen. Nicht zuletzt mit den Angehörigen von Jörg S.

"Die Freundschaft hat sich erledigt"

Stundenlang redete und weinte er mit dem Bruder des Getöteten. "Er hat mir nie Vorwürfe gemacht", sagt Muche, und ab und an sähen sie sich auch noch. "Aber die Freundschaft hat sich erledigt. Das geht nicht mehr." S. Mutter, der er einen langen Brief geschrieben habe, könne ihm wohl nicht verzeihen. "Ich muss das akzeptieren", so Muche. Glück, so meint der Mann, der getötet hat, werde er in seinem Leben ohnehin nicht mehr empfinden. Allenfalls Zufriedenheit. "Und das wäre schon viel."



Von Jörg Diehl, Spiegel Online  

Inhalt versenden Versenden
Leserbrief An die Redaktion
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus.
Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Diese Mail an
mailing-ifrarr
Artikel versenden
Empfänger
Absender
Name
Name
E-Mail
E-Mail
Nachricht
 

"Schweinfurt: Beamter erschießt Bruder eines Freundes" verlinken

Verlinken Sie uns, wenn Ihnen der Artikel "Schweinfurt: Beamter erschießt Bruder eines Freundes" gefallen hat.

 
schließen

Kommentare (0)

zum Forum

Thema: "Schweinfurt: Beamter erschießt Bruder eines Freundes"

Seite:

Kommentar schreiben

Name
Betreff
Kommentar: (Maximal 500 Zeichen)

Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Haken

Vielen Dank. Ihr Kommentar wurde versendet!

Kommentar schreiben



Zu diesem Artikel/Thema können keine weiteren Kommentare mehr abgegeben werden.

Kommentar melden

Sie sind der Meinung, dass dieser Kommentar anstößige Inhalte enthält.

 

Haken

Vielen Dank! Ihr Hinweis wurde von der Redaktion entgegengenommen.
mailing-ifrarr

Shopping

Einkaufswelt
14,95 €-Gutschein sichern
Gutschein-Aktion bei KLiNGEL.de

Damenmode in den schönsten Sommerfarben - online bestellen und sparen. bei KLiNGEL.de

Einkaufswelt
Exklusiver Herren-Sale
Exklusiver Daniel Hechter-SALE

Höchste Qualität zum sagenhaft günstigen Preis: Hemden, Jacken u.v.m. von Daniel Hechter. mehr

Einkaufswelt
Passform-Mode für Damen
Premium-Mode mit perfekter Passform - von RAPHAELA by BRAX

Modische Multitalente für Business und Freizeit - für Frauen mit jedem Figur-Typ. zum XXL-Special

Einkaufswelt
Perfekte Hosen für Damen
Die neuen Trends von AtelierGS

Entdecken Sie jetzt die modischen Hosen der Saison – in exzellenter Passform! von AtelierGS


Downloads & Shops

Minus 29%: CutOut PRO
CutOut PRO (Quelle: Softwareload)

Der Meister für feinste Freistellungen und präzise Montagen. mehr

Historische Traktoren
Agrar Simulator: Historische Landmaschinen (Quelle: Koch Media)

Landmaschinen der 50er bis 70er Jahre fahren. Spiel jetzt kaufen

Badeurlaub in Kroatien ab 572,- €/P.
Last Minute bei t-online.de Reisen (Quelle: t-online.de)

1 Woche im 4-Sterne- Hotel mit AI und Flug.


Aus anderen Bereichen

'Wir sollten jetzt nicht nach Ausreden suchen'
Die deutsche Abwehr wirkt beim Testspiel in der Schweiz meist sehr konfus. (Quelle: imago)

Kein deutscher Abwehr- spieler überzeugt. mehr

Grandprix: mutiger Auf- tritt von Anke Engelke
Anke Engelke verkündet Aserbaidschan beim Eurovision Song Contest: "Europa beobachtet Dich". (Quelle: dpa)

"Aserbaidschan, Europa beobachtet Dich". mehr


Anzeigen

Anzeige
Anzeige
Einkaufswelt
Die neuen Kurzarmhemden
Die neuen Kurzarmhemden von Esprit

Lässige Frühjahrshemden im zeitlosen Karo-Muster. mehr

Augenblicke
Fotos des Tages
Eine Frau versucht bei den "Redneck Games" in Dublin, einen Schweinefuß mit dem Mund zu fischen. (Quelle: dpa\Erik S. Lesser)

Tierischer Tauchgang. mehr

Aus dem All
Satellitenbild der Woche
Der größte Fluss der USA - der Mississippi - fließt auf diesem eingefärbten Satellitenbild in den Golf von Mexiko. Die Vegetation ist pink dargestellt, die Ablagerungen im Wasser hellblau und grün. Das Mississippi-Delta ist wegen seiner Form auch als "Vogelfuß"-Delta bekannt. Durch Öl- und Gasausbeutung und den steigenden Wasserpegel geht jede halbe Stunde ein Fußballfeld-großes Stück Land verloren. (Quelle: USGS/ESA)

Wie Außerirdische die Erde sehen würden. zur Foto-Serie

Special
Die neuen Kriege
US-Soldaten beim Einsatz in Afghanistan (Quelle: Reuters)

Moderne Kriegsführung und moderne Waffen. mehr

Quiz
Rätseln Sie sich schlau!
(Montage: t-online.de)

Quiz bei t-online.de: Testen Sie Ihr Wissen. zur Quiz-Seite

Glücksspiel
Die aktuellen Lottozahlen
(Foto: dpa)

Lotto 6 aus 49, Spiel 77, Super6 und Eurojackpot. zu den Lottozahlen

Anzeige

Zur breiten Ansicht
© Deutsche Telekom AG 2012

Anzeige