Die Schweinegrippe dringt weiter vor: drei Deutsche tot
02.11.2009, 10:54 Uhr
Der Schweinegrippe-Virus greift weiter um sich (Foto: Reuters)Die Schweinegrippe hat eine neue Dimension erreicht: Erstmals starb in Deutschland ein Mensch an den Folgen der Infektion, der keinerlei Vorerkrankungen hatte. Die 48-jährige Frau erlag der Krankheit im Universitätsklinikum Bonn. Im Saarland starb ein fünfjähriger Junge an den Folgen der Schweinegrippe. Ein 16-jähriger Patient aus dem schwäbischen Günzburg ist nach einem Bericht der "Augsburger Allgemeinen" im Augsburger Zentralklinikum ebenfalls an H1N1 gestorben.
In der Ukraine wurden nach einer Reihe von Todesfällen landesweit die Schulen geschlossen und größere Veranstaltungen verboten. In Italien starben innerhalb von nur 24 Stunden vier Menschen an der Grippe, darunter erneut auch ein Arzt, wie italienische Medien berichteten.
Fünfjähriger litt an chronischen Krankheiten
Das im Saarland gestorbene Kind habe durch einen Unfall vor zwei Jahren an schweren chronischen Krankheiten gelitten, teilte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Saarbrücken mit. Der Junge sei seit zwei Tagen in einer Kinderklinik in Neunkirchen behandelt worden und litt neben der Schweinegrippe an einer bakteriellen Lungenentzündung.
Frau hatte keine bekannten Vorerkrankungen
"Die 48-Jährige aus dem Rhein-Sieg-Kreis hatte keine bekannten Vorerkrankungen, die den schweren Krankheitsverlauf erklären würden", hieß es. "Wo sie sich angesteckt hat, ist unklar." Die Patientin sei vor einigen Tagen in das Universitätsklinikum verlegt worden. "Dort musste sie an der künstlichen Lunge angeschlossen werden".
Jugendlicher starb in Augsburg
Wie ein Klinik-Sprecher der "Augsburger Allgemeinen" bestätigt habe, erlag der Jugendliche ebenfalls am Freitag dem Virus. In dem Klinikum war am Abend auf Nachfrage keine Auskunft mehr zu erhalten. Nach Informationen des Blattes war der Jugendliche schwerbehindert. Zuletzt war am 23. Oktober der dritte Todesfall im Bundesgebiet durch die neue Grippe bekanntgeworden: Ein 65 Jahre alter Mann starb in der Universitätsklinik Mannheim.
Virologe: Bedenken gegen Impfung werden verschwinden
Der Virologe Michael Pfleiderer rechnet damit, dass die Impfmüdigkeit der Deutschen bei der Schweinegrippe bald verschwinden wird. "Ich weiß, dass die Stimmung über Nacht umschlägt, sobald wie jetzt in den USA die Zahl der Schwerkranken steigt und die Krankenhausbetten knapp werden", sagte der Impfstoff-Experte vom Paul-Ehrlich-Institut der "Wirtschaftswoche". Es gebe keinen Grund für Vorbehalte: Die kritisierten Wirkungsverstärker seien erprobt und in herkömmlichen Grippe-Impfstoffen millionenfach gespritzt worden. Gegenwärtig werde "unglaublicher Blödsinn als Wahrheit" verkauft.
Gesundheitsminister Rösler lässt sich zweimal impfen
Gesundheitsministers Philipp Rösler (FDP) hält die normale Herbstgrippe derzeit noch für gefährlicher als die Schweinegrippe. Er werde sich erst einmal gegen die normale Grippe impfen lassen, sagte Rösler der "Bild am Sonntag". "Die ist momentan noch gefährlicher." Danach lasse er sich gegen die Schweinegrippe impfen. Den Bürgern empfahl er, sich mit ihrem Arzt zu besprechen.
Rund 250 Schweinegrippe-Tote in Europa
In Europa starben nach Zahlen des EU-Seuchenkontrollzentrums ECDC bislang rund 250 Menschen an der Schweinegrippe, mehr als die Hälfte davon in Großbritannien. Weltweit wurden rund 6000 Todesfälle gemeldet, davon allein 1000 in den USA.
Drastische Maßnahmen in der Ukraine
Die Regierungschefin der Ukraine, Julia Timoschenko, habe am Freitag zunächst drei Wochen Zwangsferien für alle Bildungseinrichtungen des Landes angeordnet, meldete die Agentur Interfax aus Kiew. In dieser Zeit seien Veranstaltungen mit größeren Menschenmengen, einschließlich Konzerten oder Kino, verboten. In der Ukraine starben bisher nach offiziellen Angaben 33 Menschen an der neuen Grippe. Landesweit seien 81.000 Menschen an dem Virus erkrankt, darunter mehr als 33.000 Kinder, teilte das Gesundheitsministerium in Kiew mit. Tausende Menschen lägen in den Krankenhäusern.
Panikkäufe in Apotheken
Im besonders betroffenen Westen des Landes kam es Medien zufolge zu Panikkäufen in Apotheken. Die Regierung drohte, im Fall von Preiserhöhungen für Medikamente den Apotheken die Lizenzen zu entziehen. Die ukrainische Armee stelle Ärzte, Sanitäter und Reservisten ab, um die massenhaft unter Grippe leidenden Menschen zu betreuen. "Die Situation droht völlig außer Kontrolle zu geraten", sagte der Chef des Sicherheitsausschusses im Parlament, Anatoli Grizenko. Die Krankheit breite sich mit "rasender Schnelligkeit" aus.
Insgesamt elf Schweinegrippe-Tote in Italien
In Italien stieg die Zahl der Schweinegrippe-Toten auf elf. "Zusammen mit Spanien sind wir jetzt das Land mit den meisten Ansteckungen in Europa", sagte Vize-Gesundheitsminister Ferruccio Fazio. Gesundheitsexperten rechnen damit, dass die Epidemie in Italien Ende November ihren Höhepunkt erreicht. Die Lage sei jedoch "unter Kontrolle", betonte Fazio.