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"Die Welle hat schon jetzt begonnen"

vom Mon Nov 02 10:56:36 CET 2009 | aktualisiert am Mon Nov 02 17:19:19 CET 2009

Impfung gegen die Schweinegrippe in Sachsen-Anhalt - laut Robert-Koch-Institut könnten die schweren Krankheitsverläufe ohne Impfung zunehmen (Foto: dpa)Impfung gegen die Schweinegrippe in Sachsen-Anhalt - laut Robert-Koch-Institut könnten die schweren Krankheitsverläufe ohne Impfung zunehmen (Foto: dpa)Die Schweinegrippe breitet sich in Deutschland immer schneller aus. Die Zahl der Neuinfektionen habe sich vergangene Woche von 1860 auf 3075 gesteigert, sagte der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Jörg Hacker, am Montag in Berlin. "Die Welle, die wir für den Herbst erwartet haben, hat begonnen", sagte er. Neue Todesfälle und schwerere Krankheitsverläufe seien für die Zukunft nicht auszuschließen.

Insgesamt seien 29.907 Fälle der Schweinegrippe in Deutschland gezählt worden. 90 Prozent der Infizierten hätten sich im Inland angesteckt. Die meisten Neuinfizierten pro 100.000 Einwohner leben in Bayern und Mecklenburg-Vorpommern.

Tod einer 48-Jährigen als Warnung

Hacker wertete es als "Warnsignal", dass in Deutschland eine vierfache 48 Jahre alte Mutter ohne Vorerkrankungen an Schweinegrippe gestorben ist. Die übrigen fünf Gestorbenen hatten chronische Leiden. Mit den spürbar steigenden Krankheitszahlen habe die Schweinegrippe wieder das Niveau der ersten kleinen Welle im Juli und August erreicht. Der Unterschied sei aber, dass die Oktober-Erkrankungen nicht durch Urlaubsreisen eingeschleppt wurden, sondern die Patienten sich in Deutschland ansteckt hätten. Die Zunahme der Fälle werde wahrscheinlich noch eine Weile anhalten.

Dunkelziffer kann höher liegen

Insgesamt sind für Deutschland fast 30.000 Schweinegrippe-Fälle registriert. In der Realität dürften es weitaus mehr sein, da nicht jeder Kranke zum Arzt geht. Hacker spricht von einer "partiellen Untererfassung". In Europa sind bisher 317 Schweinegrippe-Tote gemeldet, die meisten in Großbritannien. Die normale saisonale Grippewelle, an der jedes Jahr durchschnittlich 8000 bis 11.000 Menschen sterben, hat dagegen laut Hacker noch nicht begonnen.

Welle zieht von Süden heran

Der Leiter des Instituts für Virologie der Universitätsklinik Bonn, Christian Drosten, geht davon aus, dass die Welle von Süden aus in einem Zeitraum von fünf bis sechs Wochen über Deutschland hinwegziehen werde. Drosten rief dringend dazu auf, sich gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen. "Bei der Erkrankung handelt es sich um eine schwerwiegende allgemeine Virusinfektion, die erheblich stärkere Nebenwirkungen zeitigt als sich irgendjemand vom schlimmsten Impfstoff vorstellen kann."

Schnelltests oft nicht zuverlässig

Genaue Angaben zur Erkrankungszahl gibt es auch laut Drosten nicht. Nicht jeder Patient werde auf Schweinegrippe getestet, da das im Gesundheitssystem so nicht zu bezahlen wäre. Die verfügbaren Schnelltests zeigten das neue Virus zudem sehr schlecht an.

Risikogruppen sollen sich auf jeden Fall impfen lassen

Bei der Frage, wer sich unbedingt gegen Schweinegrippe impfen lassen soll, schließt Hacker sich den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission an: medizinisches Personal, Schlüsselpersonal der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, chronisch Kranke und Schwangere nach einer individuellen Beratung. Und die normale Bevölkerung? "Es gibt keine Impfpflicht. Jeder muss selbst wissen, wie er sich zu der Impfung verhält", sagte Hacker.

Impfen und Händewaschen

Die möglichen Nebenwirkungen wie Reaktionen an der Einstichstelle oder kurzzeitiges Fieber seien bekannt. Um die Grippewelle einzudämmen, sei es aber günstig, wenn sich viele Menschen impfen ließen. Hacker selbst geht mit gutem Beispiel voran. Er lässt sich gegen die saisonale Grippe und die Schweinegrippe pieksen. Jeder kann sich und andere zudem einfach schützen: Häufig die Hände waschen, und nicht in die Hand sondern in die Armbeuge husten oder niesen.

Vorwurf der Panikmache entkräftet

Hacker hält die Diskussion um die Schweinegrippe nicht für Panikmache. "Man muss die Todesfälle sehen", betonte er. Die enge Verbindung zwischen Pharmaindustrie und Impfkommission sieht er nicht als kritikwürdig an. Impfstoffe müssten produziert werden. Ohne eine "Interaktion" mit Wissenschaftlern, die das Virus bewerten, sei das nicht möglich. "Die Verbindungen zu Unternehmen werden transparent gemacht", betonte der RKI-Präsident. Beim Anschein von Befangenheit würden Mitglieder der Kommission bei Besprechungen den Raum verlassen.

Bisher keine Virus-Mutation

Trotz der steigenden Erkrankungszahlen hat Hacker aber auch gute Nachrichten: Das Virus-Erbgut hat sich nach wie vor nicht verändert. In Deutschland hätten 400 Tests auch keine Virus-Varianten entdeckt, die gegen das Mittel Tamiflu resistent sind.

Ukraine braucht dringend Hilfe

Der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko bat angesichts der schweren Schweinegrippe-Epidemie in seinem Land die internationale Gemeinschaft um Hilfe. Die Krankheit werde zu einer Bedrohung der nationalen Sicherheit, schrieb der Staatschef an die EU sowie benachbarte Länder. Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO begannen heute damit, den Hilfsbedarf zu ermitteln. Die Grippe hat nach Regierungsangaben bislang fast 70 Menschen getötet, 255.000 Menschen seien erkrankt. In Italien ist die Zahl der Schweinegrippetoten auf 14 gestiegen, acht davon starben in Neapel.

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