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Schrei eines Schülers: Traumatische Erinnerungen an Odenwaldschule

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Schrei eines Schülers: Traumatische Erinnerungen an Odenwaldschule

21.09.2011, 08:12 Uhr | Von Wilfried Mommert, dpa

Das Goethe-Haus auf dem Gelände der Odenwaldschule im hessischen Heppenheim, Ortsteil Ober-Hambach (Quelle: dpa)

Das Goethe-Haus auf dem Gelände der Odenwaldschule im hessischen Heppenheim, Ortsteil Ober-Hambach (Quelle: dpa)

"Wie druckt man einen langen, markerschütternden Schrei?" Ein ehemaliger, sexuell missbrauchter Schüler der Odenwaldschule hat eine Antwort auf diese selbst gestellte Frage versucht und jetzt unter dem Pseudonym Jürgen Dehmers seine Erinnerungen an seine Jahre im hessischen Landschulinternat veröffentlicht: "Wie laut soll ich denn noch schreien? Die Odenwaldschule und der sexueller Missbrauch"

Das Buch ist auch eine Anklage gegen Politik und Medien, die zu lange geschwiegen haben, um ein "Flaggschiff der deutschen Reformpädagogik" nicht zu beschädigen. Als einzige Ausnahme wird die "Frankfurter Rundschau" genannt, die bereits 1999 ohne großes Echo über die Zustände an der Schule berichtete.

"Irdisches Paradies für Pädokriminelle"

Dehmers beschreibt jene "Schule auf dem Zauberberg" in Ober-Hambach als "irdisches Paradies für Pädokriminelle" mit freiem Zugang zu Alkohol und anderen Drogen ("wir kifften und wir soffen").

Der Autor nimmt vor allem den 2010 gestorbenen, langjährigen Schulleiter Gerold Becker ins Visier, den "Übervater", den der junge Schüler zunächst noch anhimmelte. Das Buch ist mit viel Wut im Bauch geschrieben, vor allem gegen das "System Becker", das sich Kinder gefügig gemacht und gleichzeitig dafür gesorgt habe, dass andere wegsahen oder schwiegen - Pädagogen und Schüler.

Das Buch tut auch weh beim Lesen, so sehr, dass sich der Leser manchmal in den Gedanken flüchtet, dass der Autor vielleicht übertreibt und überzeichnet. "Vielleicht ein bisschen dick aufgetragen?" fragt Dehmers selbst einmal rhetorisch. "Soll jeder selbst urteilen" - was allerdings für Außenstehende etwas schwer sein dürfte. Auch manche Wortwahl befremdet.

Dabei verschweigt der Autor nicht seine eigenen Probleme, schwierige Familienverhältnisse sowie schwere psychische und physische Leiden in Folge der traumatischen Erlebnisse in der Odenwaldschule. ("Dass ich nachts davon aufgewacht bin, als Dreizehnjähriger, dass Becker mir am Schwanz lutscht") - es folgen die Anonymen Alkoholiker und die psychiatrische Klinik.

Dehmers: Wohl der Schule vor dem Wohl der Kinder

Andere missbrauchte Schüler seien daran zugrunde gegangen, betont Dehmers. Die Verantwortlichen in der Schulleitung dagegen seien über lange Jahre vor allem um den Ruf ihrer Schule besorgt gewesen, anstatt frühzeitig Konsequenzen zu ziehen und weitere Übergriffe zu verhindern. Die ersten Vorwürfe waren bereits im Jahr 1999 bekannt geworden.

"Über ein Jahrzehnt lang schreiendes Schweigen", notiert der Autor. "Die stellten eiskalt das Wohl der Schule vor das Wohl der Kinder", nach dem Motto "die freie Republik Odenwaldschule regelt alles selbst". Für Dehmers und andere wurde das Postulat der Reformpädagogik früherer Jahre vom "pädagogischen Eros" mit unheilvollem Inhalt gefüllt.

Nun hat der Autor mit tatkräftiger Recherchehilfe von Altschülern seine traumatischen Erlebnisse noch einmal in Erinnerung gerufen. Ihm gelang schließlich die Vernetzung vieler Betroffener. Sein Buch liest sich manchmal wie ein böser Krimi oder Horror-Roman, dann wieder wie ein minutiöses Protokoll bis hin zum detaillierten SMS- und E-Mail-Wechsel, Zeugen werden aufgerufen, Sitzungsberichte wiedergegeben.

"Keiner hat wissen wollen"

Eine seiner bitteren Bilanzen lautet: "Keiner hat was gewusst. Keiner hat was gesehen. Keiner hat was gehört." Und: "Keiner hat wissen wollen." Das Buchmanuskript mit den Erinnerungen ist nach seinen Angaben von etwa 20 Verlagen geprüft und abgelehnt worden. Rowohlt griff schließlich zu.

Die Odenwaldschule, auf die Generationen von Kindern bundesrepublikanischer Eliten geschickt wurden, rühmte sich immer ihres "besonderen familiären Verhältnisses" zwischen Schülern und Lehrern. "Ein etwas weniger besonderes Verhältnis zu unseren Lehrern" - die selbstverständlich alle geduzt wurden - "wäre für uns sicherlich förderlicher gewesen. Vielleicht würde dann der eine oder andere noch leben", schreibt Dehmers.

Der Autor zieht ein einfach klingendes Resümee: "Mütter und Väter müssen davon ausgehen können, dass ihr Kind in einer pädagogischen Institution nicht das Opfer von Straftaten wird."


Quelle: dpa

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Kommentare (29)

zum Forum

Thema: "Schrei eines Schülers: Traumatische Erinnerungen an Odenwaldschule"

Inge schrieb: am 21. September 2011 um 15:12:50
(9) (2) Verbrechen
Was mich stört ist,dass jetzt alles erst rauskommt,warum nicht vor 5 oder 6 Jahre und warum alle geschwiegen haben,irgend was stimmt doch nicht.

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Thomas W. schrieb: am 21. September 2011 um 14:00:05
(3) (9) Kirche = Polizei?
Weshalb wird die Kirche mit diesen Vorwürfen in Verbindung gebracht. Ist es nicht Aufgabe der Polizei solche Verbrechen
aufzuklären? Also.... wer hat hier versagt? Der Papst hat damit so viel zu tun, wie der Mehlbauer mit der Bäckereiverkäuferin. Lasst unseren Papst in Ruhe!!!!
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Tommy schrieb: am 21. September 2011 um 13:21:47
(17) (6) Verbrecher
Es wird langsam Zeit, dass für solche Verbrechen die Todesspritze eingeführt wird. Kinder werden die Leiden ein ganzes Leben nicht vergessen.

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