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Scharfe Kritik an "Zweiklassenmedizin" bei H1N1-Impfung

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Scharfe Kritik an "Zweiklassenmedizin" bei H1N1-Impfung

07.11.2009, 16:05 Uhr

Die Impfungen gegen die Schweinegrippe sollen Ende Oktober starten (Foto: AP) Die Impfungen gegen die Schweinegrippe sollen Ende Oktober starten (Foto: AP)

Die Bundesregierung und hohe Bundesbeamte sollen mit einem anderen Mittel gegen Schweinegrippe geimpft werden als der Rest der Bevölkerung, was scharfe Kritik auslöste. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnte vor einer "Zweiklassenmedizin". Das für die Zulassung von Arzneimitteln zuständige Paul-Ehrlich-Institut hob hervor, dass alle zugelassenen Impfstoffe wirksam und verträglich seien. Auch Innenminister Wolfgang Schäuble wies die Kritik zurück.

Die Bundesländer werden von heute an mit dem Schweinegrippen-Impfstoff beliefert. Bis Mittwoch sollen alle Länder mit Serum versorgt sein. Am kommenden Montag sollen dann die Impfungen beginnen. Das Serum für die Bundesbeamten, der Impfstoff Celvapan des Herstellers Baxter, enthält keine Wirkverstärker - so genannte Adjuvanzien - und gilt deshalb allgemein als verträglicher.

Keine Zusatzstoffe

"Wir haben 200.000 Dosen des nicht-adjuvantierten Impfstoffes Celvapan der Firma Baxter gekauft", sagte der Sprecher des Bundesinnenministeriums, Christoph Hübner, dem Magazin "Spiegel". Celvapan enthält eine höhere Konzentration der deaktivierten Grippe-Viren, so dass sich Zusatzstoffe erübrigen.

"Alle Impfstoffe wirksam und verträglich"

Der für die Massenimpfung der Bevölkerung vorgesehene Impfstoff Pandemrix des Herstellers GlaxoSmithKline (GSK) enthält dagegen verstärkende Zusätze. Aufgrund dieser Wirkstoffe werden pro Impfung weniger deaktivierte Grippe-Viren gebraucht, es können also größere Mengen Impfstoff hergestellt werden. "Alle drei bisher zugelassenen Impfstoffe sind wirksam und verträglich, es gibt keinerlei gefährliche Nebenwirkungen", betonte eine Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI).

Lauterbach: "Vorgehen dumm und verheerend"

Lauterbach sagte der "Bild am Sonntag" zu der Sonderbehandlung für Bundespolitiker: "Dieser Vorgang ist äußerst unglücklich. So entsteht der Eindruck einer Zweiklassenmedizin bei der Impfung." Im "Münchner Merkur" nannte er das Vorgehen des Bundesinnenministeriums "dumm und verheerend". "Wie will man das Vertrauen der Bürger gewinnen, wenn der Bund für die Regierung einen anderen Impfstoff bestellt als für die Bevölkerung?", fragte der SPD-Politiker.

Schäuble: "Ich weiß gar nicht, ob ich mich jemals impfen lassen werde"

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble will die Kritik an der unterschiedlichen Versorgung von Regierung und Bevölkerung mit Schweinegrippeimpfstoffen nicht gelten lassen. Aus welchen Gründen der eine Impfstoff so und der andere so bestellt worden sei, entziehe sich seiner Kenntnis, sagte Schäuble im Bayerischen Rundfunk. "Aber die Darstellung, dass hier eine Privilegierung von politischen Verantwortungsträgern vorgesehen sei, das ist nun wirklich jenseits jeder Realität. Ich weiß gar nicht, ob ich mich jemals impfen lassen werde."

Merkel und Schmidt lassen sich mit Pandemrix impfen

Laut einem Bericht der "Bild" setzt Kanzlerin Angela Merkel trotz des für die Bundesregierung bestellten Impfstoffes auf ihren Hausarzt, von dem sie - wie jeder Bürger - den Massen-Impfstoff Pandemrix bekommen soll. Genauso hält es laut "Bild" Gesundheitsministerin Ulla Schmidt: "Ich lasse mich mit dem Impfstoff impfen, mit dem auch die Bevölkerung geimpft wird. Der ist genauso wie die anderen zugelassen, sicher und wirksam."

Ärzte warnen

Offene Rebellion herrscht laut "Spiegel" unter Allgemeinmedizinern und Kinderärzten. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Michael Kochen, rät den Hausärzten von der Impfung ab. "Das Schadensrisiko überwiegt den Nutzen", sagte der Göttinger Professor. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, warf der Bundesregierung "wissenschaftliche Falschaussagen" vor. Wie bei Schwangeren so gelte auch für Kinder unter drei Jahren: "Der Impfstoff ist an ihnen noch überhaupt nicht getestet, deshalb ist das Risiko einfach zu groß, ihn jetzt bedenkenlos einzusetzen."

Kurzfristig anderer Impfstoff für Schwangere

Weil Pandemrix nicht an Schwangeren getestet wurde, muss laut "Spiegel" für sie kurzfristig Impfstoff ohne Wirkverstärker besorgt werden. Der zuständige Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Klaus Theo Schröder, sagte dem Magazin, derzeit liefen "Gespräche mit Herstellern sowie den Gesundheitsministerien in Frankreich und den USA mit dem Ziel, für Schwangere auch nicht-adjuvantierten Impfstoff zu beschaffen."



Quelle: dpa , AFP , dapd

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