Fritz G. bekannte sich vor Gericht zum Dschihad (Foto: dpa)
Im DüsseldorferTerrorismus-Prozess gegen die Sauerland-Gruppe haben die Angeklagten mit ihren angekündigten Geständnissen begonnen. Als Erster brach der mutmaßliche Rädelsführer Fritz G. sein Schweigen. Detailliert schilderte G. die Anschlagsvorbereitungen. Einen Seitenhieb auf die Ermittler konnte er sich dabei nicht verkneifen. Die Gruppe habe schon früh gewusst, dass sie überwacht wurde.
"Die Observation war so auffällig, dass man das nicht übersehen konnte", sagte G. Zuerst sei der ebenfalls Angeklagte Attila S. auf die Überwacher aufmerksam geworden.
Reifen an Observationsfahrzeug zerstochen
Auch er selbst habe entdeckt, dass er beobachtet wurde, und darauf den Mitangeklagten Attila S. beauftragt, einem der auffälligen Autos den Reifen zu zerstechen. Der Verfassungsschutz sei dann mit seinen rund zehn Fahrzeugen abgezogen. "Die Straße war plötzlich leer", so G. Im Januar hatte ein Sondereinsatzkommando seine Wohnung gestürmt, aber nichts gefunden, berichtete er weiter. Nach seiner kurzzeitigen Festnahme sei er vorsichtig geworden - habe dann aber beschlossen weiterzumachen: "Ich hatte einen Eid geleistet, dass ich die Operation durchführe", sagte er.
Im Sauerland sicher gefühlt
Obwohl sie wussten, dass sie den Argwohn von Geheimdiensten und Polizei geweckt hatten, hätten sie sich im Sauerland sicher gefühlt und gedacht, dass sie für ihre Verfolger abgetaucht und unsichtbar seien. Dass bei der Routinekontrolle einer Polizeistreife die Polizisten per Funk zurückgepfiffen wurden, hätten sie sogar noch mitbekommen, aber nicht für möglich gehalten, dass dahinter das Bundeskriminalamt steckte.
Zum Leiter der Operation bestimmt
Zuvor hatte G. in aller Ausführlichkeit den Weg der Gruppe über ein Terrorcamp in Pakistan bis zu den in einem Haus im Sauerland durchgeführten Anschlagsvorbereitungen geschildert. Der Führung der Islamischen Dschihad-Union habe er in Pakistan die Treue geschworen und sei darauf zum "Leiter der Operation in Deutschland" bestimmt worden, sagte G.
Anschlag als "allerletzte Warnung"
Geplant waren seiner Aussage zufolge Anschläge auf US-Einrichtungen wie Konsulate sowie auch auf die usbekische Botschaft, wo nach Angaben von G. lediglich Sachschaden entstehen sollte. Darüber hinaus seien die Anschläge als "allerletzte Warnung" an Deutschland gedacht gewesen, seine Truppen aus Afghanistan abzuziehen, sagte der Angeklagte.
"Größeren Schaden" in Europa anrichten
Er und Adem Y. hätten sich während ihrer Ausbildung in einem Terrorcamp in Pakistan zu Anschlägen in Deutschland entschlossen. "Ich war ziemlich schnell von der Idee überzeugt", sagte Fritz G. vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf. "Wir waren uns einig, dass es unsere Pflicht sei, diese Möglichkeit zu nutzen." Der 29-Jährige sagte als erster Angeklagter umfassend aus. Ursprünglich seien sie in das Lager im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet gefahren, um sich in der Region am Dschihad zu beteiligen, betonte G..
Rückkehr nach Europa nahe gelegt
"Es war unsere Absicht, dort zu kämpfen." Doch sei es dort weit schwieriger, einen Anschlag zu begehen, bei dem Amerikaner zu Schaden kämen: "Dahinter stecken viel Aufwand und Opfer auf der eigenen Seite." Daher sei ihnen von einem der Anführer die Rückkehr nach Europa nahe gelegt worden: "Mit weniger Aufwand könnten wir einen viel größeren Schaden erreichen." Man habe ihn aber nicht überreden müssen, räumte G. ein: "Er hat mich keiner Gehirnwäsche unterzogen."
Unterstützung angeboten
Zwar seien Adem Y. und er nicht sicher gewesen, ob sie zu den Anschlägen in der Lage seien: "Wir haben uns aufgrund unserer Fähigkeiten eigentlich nicht als geeignet gesehen." In dem Lager sei ihnen jedoch Unterstützung versprochen worden - man habe ihnen gesagt: "Wir können euch alles beibringen, was nötig ist."
Terrorausbildung dauerte drei Monate
Fritz G. hatte zunächst seine erste Begegnung mit Adem Y. geschildert, den er zusammen mit dem Mitangeklagten Atilla S. 2005 in Mekka traf. Er schilderte danach ohne jedes Zögern oder Stocken die komplizierte Anreise zu dem Lager im Jahr 2006. Demnach flogen er und Y. mit einem Weggefährten über die Türkei in den Iran, ließen sich nach Pakistan einschleusen und kamen nach einer mehrtägigen Reise mit Bussen und Autos schließlich in dem Lager an. Dort lernten sie alles Nötige für den bewaffneten Kampf: "Alles in allem dauerte die Ausbildung drei Monate."
Umgang mit Waffen erlernt
Begonnen habe man mit Waffenunterricht, sagte Fritz G. Der Ausbilder habe "einfache Übungen" mit der Kalaschnikow gezeigt, etwa das Zusammenbauen und die Handhabung, "ohne zu schießen". Danach erhielten die Männer Sicherheitsunterricht, bei dem es unter anderem um sichere Kommunikation und die Tarnung ging. Schon dabei habe er den Eindruck gehabt, dass einige Inhalte sich speziell für Terror-Anschläge eigneten, sagte G. Auch Sprengstoff- und Elektronikunterricht hätten er und Y. erhalten.
"Karten ungezinkt auf den Tisch gelegt"
Der Vorsitzende Richter Ottmar Breidling hatte am Morgen noch einmal den Umfang der Geständnisse aller vier Angeklagten gelobt: "So etwas habe ich in meiner richterlichen Zeit noch nicht erlebt." Man habe den Eindruck, "dass die Karten ungezinkt auf den Tisch gelegt worden sind". Er betonte erneut, dass sich solche Geständnisse auch auf das Strafmaß auswirken werden. Die Angeklagten hatten im Juni überraschend Geständnisse angekündigt und wurden seitdem in ihren Haftanstalten ausführlich von BKA-Beamten vernommen.