18.01.2011, 13:11 Uhr | Von Yascha Mounk
Deutschland schafft sich ab? Wohl eher der Stil von Thilo Sarrazin, findet Autor Yascha Mounk (Foto: dpa)
Über Thilo Sarrazins Thesen ist mittlerweile wirklich alles gesagt worden, was man über 400 Seiten Statistik eben so sagen kann. Ich werde mich also davor hüten, die Diskussion mit meinen eigenen inhaltlichen Steckenpferden künstlich am Leben zu halten.
Wer unbedingt meine Meinung zu Sarrazin wissen will, dem möge ein Wort reichen: dagegen. Es ist also vielleicht normal, dass es mich überrascht, wenn eine Million Deutsche sein Buch kaufen. Nur: Am Inhalt liegt das nicht.
Ich bin nicht deshalb überrascht weil ich, wie Sarrazin mir das vielleicht unterstellen würde, ein Gutmensch bin. Der Inhalt seines Buches schreckt mich nicht besonders. Viel schockierender finde ich den Stil – dieses dröge Bürokratendeutsch, das sich über Hunderte dröger Seiten hinweg hinter drögen Statistiken versteckt.
Bevor ich das Buch aufschlug, glaubte ich naiv, was ich überall darüber las. Ich befürchtete also, dass mich hier ein gefährlicher Scharfmacher erwartet, der mit reißerischen Formulierungen ein simples, verführerisches Argument aufzieht. Weit gefehlt!
Es würde mich überraschen, wenn auch nur ein Zehntel derer, die das Buch gekauft haben, es auch gelesen hat. Noch mehr überraschen würde es mich allerdings, wenn auch nur ein Zehntel derer, die das Buch gelesen haben, den Inhalt klar zusammenfassen könnte. Eine klare Weltsicht entwickelt Sarrazin nämlich gar nicht.
Das erste Problem: Statt sein Argument klar aufs Papier zu bringen, deutet er es durch die Blume an. Nur dass das Wort "Blume“ hier verblümt ist, denn bei Sarrazin blühen nur die Statistiken - und die dummen Muslime.
Das zweite Problem: Es ist unglaublich schwer, zu verstehen, wie Sarrazins verschiedene Argumentationsstränge zusammengehören. Seine neun Kapitel bauen kaum aufeinander auf. Ein Leser, der sie sich in zufälliger Reihenfolge einverleibt, würde auch nicht weniger schlau aus ihnen.
Das Dreisteste ist aber Sarrazins unentwegte stilistische Selbstbeweihräucherung. Mit Vorliebe zitiert er das schlimmste, verklauselste Deutsch – und brüstet sich dann damit, im Vergleich ein klein bisschen klarer zu formulieren. Sarrazin ist stolz, ein Deutscher zu sein. Viel stolzer ist dieser Einäugige aber darüber, sich im Reich der von ihm herbeizitierten Blinden als würdiger König wähnen zu dürfen.
Über Josef Goebbels sagte Sarrazin mal: "Der Mann war sehr gut mit Worten.“ Sarrazin hat also, zumindest was seine rhetorischen Fähigkeiten betrifft, ein wenig Bewunderung für den Herrn Propagandaminister. Echte Gutmenschen mögen das schockierend finden. Ich nicht. Im Gegenteil. Spätestens auf Seite 50 kam ich nicht drum herum, zu denken: "Wenn der Sarrazin denn wenigstens ein bisschen was von Goebbels gelernt hätte!“
Es geht auch anders. In England und den USA ist gerade ein wunderbar galliges kleines Büchlein von Theodore Dalrymple erschienen: "The New Vichy Syndrome - Why European Intellectuals Surrender to Barbarism“. Wir sind hier immer noch beim selben Thema. Europäische Bildungsbürger sind für Dalrymple die Helden. Bei den Barbaren dagegen handelt es sich auch bei ihm um bildungsferne Schichten und Muslime.
Mit Dalrymple stimme ich genauso wenig überein wie mit Sarrazin. Vielleicht sogar noch weniger. Eine kohärente Weltsicht jedenfalls hat auch er nicht anzubieten. Aber welche Freude es mir bereitet hat, nach Sarrazin Darlymple lesen zu dürfen! Es war mir, als dürfte ich nach zehn Stunden Musikantenstadl endlich die Beatles hören
Dalrymple begründet seine Thesen mit Verve, Humor und kauziger Menschenliebe. Auch er hält den Islam zwar für eine ernste Gefahr für Europa. Aber er berichtet mit Einfühlungsvermögen und menschlicher Wärme von den vielen Begegnungen, die er als Arzt mit pakistanischen Einwanderern hatte. Sein Buch ist um drei Viertel kürzer als Sarrazins. Aber über die Welt – vom europäischen Schuldkomplex über die englische Literatur bis hin zu den Ambitionen junger muslimischer Frauen – lernt man bei ihm unvergleichlich mehr.
Sowohl Sarrazin als auch Dalrymple fühlen sich berufen, unser schönes, altes Europa zu retten, bevor es sich selbst abschafft. Aber nur Dalrymple vermag dem Leser zu vermitteln, warum dieses Europa überhaupt rettenswert ist.
Nein, über Sarrazin lohnt es sich nicht mehr zu reden. Eine große Bitte habe ich aber an alle deutschen Möchtegernprovokateure mit Schriftstellerambition. Provoziert bloß! Sagt, was ihr wollt. So gern ihr auch so tut, als würde euch jemand zensieren, und so viele Bücher ihr mit dieser Behauptung auch verkauft, ihr habt das freie Wort. Versprochen!
Aber bitte, bitte rührt mich dabei nicht, wie der Sarrazin, zu Tränen der Langeweile. Versprochen?
Yascha Mounk, ein gebürtiger Münchner, ist mittlerweile in New York und der Toskana zu Hause. Er studierte in Cambridge Geschichte, heuerte dann an den Münchner Kammerspielen als Regieassistent an, und büffelte schließlich in Paris sowie New York politische Philosophie. Heute ist er Doktorand in Harvard und Herausgeber des von ihm mitbegründeten Magazins „The Utopian”. Ausserdem schreibt er als freischaffender Journalist für europäische und amerikanische Publikationen wie die „International Herald Tribune“, den „Boston Globe“, „Dissent“ und „Unità“.
Von Yascha Mounk
rbnic schrieb:
am 18. Januar 2011 um 21:30:03
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Buchkritik???
Über diese Buchkritik kann ich nur den Kopf schütteln. Lieber Yascha Mounk, aus jeder Zeile, die Sie schreiben, springt mir
ihre Voreingenommenheit entgegen. Mit der Thematik an sich haben Sie sich überhaupt nicht auseinandergesetzt, ihre Ablehnung stand von vorne herein schon fest. Ich habe das Buch gelesen, kann Ihren Kommentar in keiner Weise nachvollziehen. Mein ehemaliger Deutschlehrer würde sagen: Thema verfehlt, setzen, 6!
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Eva schrieb:
am 18. Januar 2011 um 20:37:42
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Mal wieder...
Wer sich heutzutage in der Presse bekannt machen will, hetzt am besten mal wieder gegen Sarrazin. Das wird sofort gerne
abgedruckt. Zum Glück gibt es aber sofort wieder Prügel...
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Hotte schrieb:
am 18. Januar 2011 um 20:27:15
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Yascha Mounk
Nein Danke für seine Interpretation.Er sollte mal über die Anforderungen an ein Sachbuch nachdenken. Leider scheint ihn das zu
überfordern. Er hätte seinem Niveau entsprechend doch besser nur Publikationen in den USA und nicht in Deutschland geschrieben. Es ist und kann eben nicht für jeden verständlich sein, ein Sachbuch geistig zu erfassen.
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