
21.07.2011, 14:01 Uhr | Aus Lipezk berichtet Benjamin Bidder
Auch gymnastische Übungen gehören zum Programm der Zeltlager der Kreml-treuen Jugendorganisation Naschi (Foto: AFP) (Quelle: AFP)
Gleich nachdem die Sonne über dem Zeltplatz nahe der südrussischen Stadt Lipezk, 400 Kilometer südöstlich von Moskau, aufgegangen ist, ziehen in Zweierreihen junge Männer und Frauen durch das Zeltlager der "Allrussischen Volksfront".
Die jungen Männer tragen T-Shirts mit dem Konterfei von Premierminister Wladimir Putin, die jungen Frauen Aufkleber mit dem Bekenntnis "Ich bin bereit zu gebären". Vorneweg marschiert ein Einpeitscher mit Megafon. Mal ruft er "Russland, Russland", dann wieder "Wir sind glücklich". Putins treue Garde übt hier den Ernstfall: demonstrieren für die Stabilität im Lande.
Der Ex-Präsident und heutige Premierminister soll, dem Willen der Mädels nach, 2012 wieder für das Amt kandidieren. zum Video
Überall versammelt Russlands Führung in den Sommermonaten Putin treu ergebene Jugendliche. 20.000 sind es allein am malerischen Seliger See, nordwestlich von Moskau. In Lipezk sind es 1700 Jungkader von der "Allrussischen Volksfront", einem Wahlverein, der Putin den Machterhalt sichern soll.
Gebietet er auch nach den Parlamentswahlen im Dezember über zwei Drittel der Stimmen im Parlament, könnte er jeden unliebsamen Konkurrenten auf dem Posten des Präsidenten des Amtes entheben lassen, per Impeachment. Seine Parteischöpfung "Einiges Russland" aber wird im Volk immer unbeliebter, und im Internet machen Blogger Stimmung gegen die "Partei der Diebe und Gauner".
Laut Umfragen der Stiftung für gesellschaftliche Meinung ist die Zustimmung der Bürger für die Staatspartei seit Mai 2009 um 13 auf 43 Prozent gesunken, zu wenig für deren absoluten Machtanspruch.
"Für 'Einiges Russland' ist die 'Volksfront' eine Art Airbag", erklärt Alexej Muchin, Direktor des Moskauer Zentrums für politische Information. Bei den vergangenen Regionalwahlen hat Putins Popularität allein nicht mehr gereicht, um ein gutes Abschneiden der Partei zu garantieren. "Jetzt soll die 'Volksfront' die Illusion einer breiten Volksbewegung schaffen", sagt Muchin.
"Hast auch du dich schon zur Front gemeldet?"
150 von 600 Kandidatenplätzen auf der Wahlliste von "Einiges Russland" hat Putin den Mitgliedern der "Volksfront" versprochen. Rund 500 Organisationen, Verbände und Großunternehmen haben sich der "Volksfront" bereits angeschlossen: die staatliche Post etwa mit 400.000 Mitarbeitern, eine Million Eisenbahner und rund 1,4 Millionen Mitglieder der "Union der Pensionäre". Immer neue Erfolgsmeldungen treffen von der "Front" ein: Laut der angesehenen Moskauer Tageszeitung "Kommersant" begehren in der Teilrepublik Baschkortostan im Ural mehrere Schulen die Aufnahme und in der zentralrussischen Stadt Wladimir die Bewohner eines ganzen Straßenzugs. Weil sich auf der Web-Seite der Organisation aber jedermann registrieren kann, ohne dass seine Angaben geprüft werden, nimmt Russland inzwischen leicht amüsiert zur Kenntnis, dass auch eine gewisse "Michelle Obama" sowie "Puh der Bär" die Reihen der Frontkämpfer verstärken.
Denis steht zwischen Reihen olivgrüner Zelte in Lipezk. Der breitschultrige 19-Jährige ist zwölf Stunden mit dem Auto aus der Kaukasus-Republik Adygea angereist. Denis gehört wie die meisten hier zur Generation der heute 18- bis 23-Jährigen, die kaum noch Erinnerungen an die neunziger Jahre haben, an Präsident Boris Jelzin und seine demokratischen Experimente, an Wirtschaftskrise und Chaos. Sie sind aufgewachsen während der Präsidentschaft von Putin. Nun wünschen sie sich, er möge bei den Präsidentschaftswahlen im kommenden März wieder zurückkehren in den Kreml. "Früher waren Banditen die Respektspersonen in den Hinterhöfen unserer Häuser", sagt Denis. "Heute ist Wladimir Putin unser Vorbild."
Im Zeltlager von Lipezk ziehen Aktivisten vorbei, unter Putins Kopf prangt auf ihren T-Shirts die Frage: "Hast auch du dich schon zur Front gemeldet?" Seine Anhänger bereiten sich hier auf die Wahlen vor, von denen der Premier selbst sagt, sie würden so schmutzig werden, dass er sich danach "waschen müsse", sowohl "im hygienischen als auch im politischen Sinne".
Den Gegner in den Dreck ziehen
Wladislaw Artjomow, ein Kader der Putin-Jugend "Junge Garde", steht in einem weißen Versammlungszelt und unterweist junge Aktivisten in der Kunst der "Konterpropaganda". Es geht darum, wie man das Ansehen der eigenen Fraktion mehren und - mehr noch - den Gegner in den Dreck ziehen kann. "Rechtfertigt euch nie, zieht die Argumente eurer Gegner besser ins Absurde", ruft er. "Wenn die Kommunisten marschieren, dann werft doch mal Geldscheine in die Menge. Was werden das für Fotos sein, wenn die Kommunisten auf dem Boden nach Geld suchen", schlägt Artjomow vor.
Für die Dauer des Zeltlagers müssen die 1700 Teilnehmer mit blauen Chemietoiletten-Häuschen und eingeschränkten Duschzeiten vorlieb nehmen. Dafür gibt es zwischen den Zelten flächendeckend drahtloses Internet. Am Abend spielt die russische Popband "Uma Thurman" auf der riesigen Bühne. Außerdem donnern Kampfjets vom Typ Su-27 mehrfach über das Lager. Wohl um den "Kampfgeist der jungen Frontkämpfer zu stützen", lästert die liberale Moskauer Tageszeitung "Wedomosti" - und enthüllt, dass der Gouverneur von Lipezk zehn Millionen Rubel, umgerechnet 250.000 Euro, aus dem Staatssäckel für das Polit-Camp springen ließ. Dabei ist eine solche Parteinahme der Verwaltung für eine politische Kraft auch in Russland untersagt, im Prinzip zumindest.
Wladislaw Artjomow doziert weiter im weißen Vortragszelt. "Super, wenn ihr Zugang zu administrativen Ressourcen habt", sagt er. Wenn der politische Gegner vor Ort eine Veranstaltung plane, dann "meldet doch gleich nebenan ein Konzert an", um die Konkurrenten zu stören.
In Lipezk enden die politischen Planspiele mit einer Wahlsimulation. Sechs Parteien ringen um die Gunst der Wähler im Lager, fast so viele, wie tatsächlich in Russland registriert sind. Auch der Wahlkampf verläuft recht realitätsnah. "Es ist unfassbar", stöhnt einer der Teilnehmer. "Schon jetzt laufen hier Leute herum und versuchen, Stimmen aufzukaufen."
Quelle: AFP
Werner schrieb:
am 21. Juli 2011 um 20:28:50
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Putin
Was heist in Rusland sind alle korupt,was ist denn hier in Deutschland.???
Für unsere Politiker ist es doch wohl ein größeres
Schlaraffenland.Hier stecken sie sich doch alle auf Kosten der Steuerzahler die Taschen voll.
Also erst überlegen und dann etwas von sich geben.
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Herm schrieb:
am 21. Juli 2011 um 20:27:25
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Wie
hier der schlimmste kapitalistische Staat neben China teilweise in den Himmel gehoben wird, ist geradezu erschreckend.Putins Macht ist so
gross, dass sogar einige Oligarchen ihn fürchten. Einen hat er schon ins Lager gebracht. Kritische Journalisten werden umgebracht. Macht weiter eure Augen zu. Amerika kann von diesen beiden Staaten ne Menge lernen.
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Werner schrieb:
am 21. Juli 2011 um 20:22:17
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Putin
Es ist schon schlimm solchen Blödsinn zu hören,Wir könnten in Deutschland froh sein wenn wir solch einen Politiker hätten.
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