01.12.2011, 13:39 Uhr
Kaum Medikamente, kein Geld, zu wenig Aufklärung: Im Kampf gegen das tödliche HI-Virus gilt Russland als Entwicklungsland. Dabei ist die Infektionsrate eine der höchsten der Welt.
"Die Regierung tut nichts", schimpft Alexander Sawizki. Der kräftige Mann ist selbst betroffen - schon seit zwölf Jahren lebt der 37-Jährige mit der Infektion. Wie so viele HIV-Patienten in Russland hat sich der einst Drogenabhängige mit einer verseuchten Nadel infiziert.
Nun will er helfen. Für die private Gesamtrussische Vereinigung HIV-infizierter Menschen reist er quer durch das Riesenreich, erklärt, gibt Ratschläge, schult Therapeuten. "Vor allem auf dem Land haben die Leute keine Ahnung, wie sie damit umgehen sollen", sagt Sawizki.
Der Aktivist sitzt in einem Moskauer Café und rührt in seinem doppelten Espresso. Er ist - auch angesichts der Tabuisierung - einer der wenigen, die selbst die Initiative ergreifen. Klar und sachlich schildert er die Lage der Betroffenen, seine rechte Hand ist immer in Bewegung, tiefe Furchen ziehen sich durch sein Gesicht. Wie gehen denn die meisten Infizierten mit ihrer Situation um? Sawizki schnipst sich an den Hals, die Geste kennt in Russland jeder. "Sie saufen", heißt das. Gerade in ländlichen Gegenden, fernab von moderneren Krankenhäusern, gibt es wenig Hoffnung.
Zwar hat jeder HIV-Patient laut Gesetz das Recht auf kostenlose Medikamente. Doch bei Zehntausenden Infizierten komme keine Hilfe an, sagt Sawizki. Protestaktionen werden von der Polizei aufgelöst - wie vor einem Jahr: Damals nahmen Sicherheitskräfte am Weltaidstag mehrere HIV-Infizierte fest, die vor dem Regierungssitz in Moskau gegen die Unterversorgung mit Medikamenten und Tabuisierung der Krankheit demonstriert hatten. Auch in diesem Jahr sind am 1. Dezember wieder Proteste geplant.
HIV wird von der Gesellschaft geächtet. Wer HIV-positiv sei, habe kaum Hoffnung auf eine Arbeitsstelle, erzählt Wadim Pokrowski vom Föderalen Anti-Aids-Zentrum. Die Infektion ist in dem russisch-orthodox geprägten Land nach wie vor ein Tabu. "Aufklärung über Safer Sex wird von den offiziellen Instanzen nicht gerne gesehen", erklärt Pokrowski. "Die Nutzung von Kondomen widerspricht den Maßnahmen der Regierung zur Geburtenerhöhung. Stattdessen propagieren Politiker lieber traditionelle religiöse Werte wie 'Kein Sex vor der Ehe'."
Den Behörden scheint das Problem bewusst, Regierungschef Wladimir Putin fordert mittlerweile eine langfristige Strategie im Kampf gegen Aids. Betroffen sind vor allem junge Leute, rund 70 Prozent der Inifizierten sind jünger als 30 Jahre. Leistungsträger drohen wegzubrechen - eine Katastrophe angesichts der immensen demografischen Probleme.
Doch in Aktion tritt die Regierung nicht - und schönt stattdessen noch die erschreckenden Zahlen: Aktivisten gehen davon aus, dass heute eine Million der 141 Millionen Einwohnern in Russland mit HIV infiziert sind. Von ähnlichen Zahlen geht UNAIDS, das HIV/Aids-Programm der Vereinten Nationen, aus. Nach offiziellen Angaben waren Anfang November jedoch mit rund 630.000 nur halb so viele HIV-Infizierte registriert.
Täglich stecken sich zudem etwa 150 Menschen mit dem Virus an, vermutet das Föderale Anti-Aids-Zentrum. "Was die Geschwindigkeit angeht, mit der sich HIV bei uns ausbreitet, so sieht es inzwischen schlechter aus als in Afrika", warnte Pokrowski schon vor einem Jahr.
2011 sei die Zahl der HIV-Infizierten in Russland zudem im Vergleich zum Vorjahr um fast zehn Prozent gestiegen, bilanziert Pokrowski. In den ersten zehn Monaten des Jahres seien mehr als 48.000 Neuinfektionen gemeldet worden. "Meine Prognose ist, dass sich die Zahl der HIV-Infizierten in den kommenden fünf Jahren auf zwei bis drei Millionen erhöht", sagte Pokrowski. Besonders betroffen seien die 25- bis 35-Jährigen. Jeder 50. Mann in dieser Altersgruppe trage das tödliche Virus in sich.
Auch in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken breitet sich das Virus rasant aus. Einen unrühmlichen Rekord hält die Ukraine: In keinem anderen Land Europas ist nach Angaben von UNAIDS die Neuinfektionsrate so hoch wie im Austragungsland der Fußball-Europameisterschaft 2012. Die Hafenstadt Odessa gilt als Aids-Hauptstadt Europas. Von etwa einer Million Einwohnern tragen Schätzungen zufolge 150.000 Menschen das Virus in sich. In der offiziellen Statistik tauchen lediglich 11.000 Infizierte auf.
Größtes Problem ist der Geldmangel. Vor zwei Jahren ist Russland aus dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria ausgestiegen, mit dem die Vereinten Nationen weltweit Anti-Aids-Projekte unterstützen. Nun kommt das meiste Geld für den Kampf gegen Aids vom Staat, doch es reicht bei weitem nicht. Bis Ende 2011 könnten lediglich bis zu 100.000 Menschen antivirale Präparate erhalten, sagt Wadim Pokrowski. Zugleich fordert er: "Die Ausgaben für Informationskampagnen zu HIV und Aids müssen deutlich erhöht werden." Alexander Sawizki hingegen erwartet keine Hilfe mehr von der Regierung. "Sie haben gesagt: Wir kümmern uns selbst darum. Aber das ist nicht wahr."
Quelle: dpa
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