02.02.2011, 07:48 Uhr | Nicole Scharfschwerdt und Marc Kalpidis, dpa
Für den ehemaligen DDR-Häftling Roland Jahn ist die Berufung als Chef der Stasi-Unterlagenbehörde eine späte Genugtuung (Foto: dpa) (Quelle: dpa)
Davon hätte Roland Jahn zu Zeiten des Widerstands wohl nie zu träumen gewagt: Knapp 30 Jahre nach seiner Ausbürgerung aus der DDR ist der frühere Bürgerrechtler an die Spitze der Behörde gewählt worden, die das Unrecht des SED-Regimes aufarbeiten soll. Euphorisch sprach Jahn nach seiner Wahl zum neuen Beauftragten für die Stasi-Unterlagen von einer "persönlichen Genugtuung".
Jahn, der zurzeit noch als Journalist beim RBB arbeitet, sieht sich selbst als Anwalt der Opfer. Nur zu gut kann er sich in die hineinversetzen, die von der Stasi bespitzelt und unterdrückt wurden. "Die Stasi hat mich von der Uni geschmissen, ins Gefängnis geworfen und mit Gewalt außer Landes gebracht", schilderte er das Unrecht, das ihm ganz persönlich geschehen ist.
"Ich wurde nicht als Staatsfeind geboren", betonte Jahn im vergangenen Jahr in einer Rede in Jena anlässlich der Einweihung eines Denkmals. Auch er sei zunächst ein Rädchen gewesen, "das sich drehte im Mechanismus der Diktatur". Geändert hat sich dies 1977, als er nach Protesten gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann von der Uni geworfen wurde. Jahn hatte Wirtschaftswissenschaften studieren wollen. Doch die DDR-Oberen bereiteten dem ein vorzeitiges Ende.
1981 starb sein Freund Matthias Domaschk in der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Gera. "Seit diesem Ereignis machte ich keine faulen Kompromisse mehr", schilderte er die Zäsur in seinem Leben. Nur wenig später wurde er selbst festgenommen und in Untersuchungshaft genommen. Als Vorwand diente eine polnische Flagge mit dem Schriftzug der verbotenen polnischen Gewerkschaft Solidarnosc, die Jahn schon wochenlang an seinem Fahrrad hängen hatte.
Nach vorzeitiger Entlassung und erneuten regimekritischen Aktionen wurde er 1983 ausgebürgert und in den Westen abgeschoben. "Mit einem Polizeiauto brachten sie mich an den Grenzübergang Probstzella. Noch in der Nacht wurde ich gewaltsam in einen Zug geworfen und in den Westen Deutschlands gefahren", berichtete Jahn in seiner Rede in Jena.
Dass nun ausgerechnet er zum neuen Chef der Stasi-Unterlagenbehörde gewählt wurde, wertete Jahn als "Signal gegen das Vergessen". "Je besser wir begreifen, wie die Diktatur in der DDR funktioniert hat, desto besser können wir Demokratie heute gestalten", sagte er nach seiner Wahl im Bundestag. Nachdenklich wies er darauf hin, dass ihn am meisten beschäftige, "wie eine Diktatur so lange existieren, wie dieses System der Angst funktionieren und wie hochintelligente Menschen sich so anpassen konnten". Sein Anspruch: Die Aufarbeitung aller DDR-Biografien, auch die der Täter.
Auf den 57-Jährigen wartet viel Arbeit. Mehr als die Hälfte der Stasi-Akten sind nach Worten des Direktors der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, bis heute nicht vernünftig erschlossen. 16.000 Säcke mit von der Stasi zerrissenen Dokumenten warten demnach immer noch darauf, zusammengesetzt zu werden. Jahn bleiben hierfür rund acht Jahre. Nach dem Willen der schwarz-gelben Koalition sollen die Akten 2019 ins Bundesarchiv überführt werden.
Je länger aber die friedliche Revolution von 1989 zurückliegt, desto schwieriger wird die Rekonstruktion der Ereignisse, und desto schwieriger wird auch der Kampf gegen das Vergessen.
Auf die Unterstützung der Bundestagsabgeordneten kann Jahn bauen. Die Parlamentarier wählten ihn am Freitag mit 92,7 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen. Selbst die Linkspartei, deren Verhältnis zu den bisherigen Chefs der Stasi-Unterlagenbehörde Marianne Birthler und Joachim Gauck immer als angespannt galt, unterstützte ihn teilweise. Zwar handelte es sich um eine geheime Wahl, die Zahl der Gegenstimmen und Enthaltungen war mit 42 jedoch deutlich geringer als die Zahl der Abgeordneten der Linken, die im Bundestag 76 Parlamentarier stellen.
Nach seiner Wahl nahm Jahn die Linke sogleich in die Pflicht. "Die Linkspartei ist, weil sie die Nachfolgepartei der SED ist, besonders herausgefordert, an der Aufklärung der Diktatur mitzuarbeiten. Sie kann die Karten am besten auf den Tisch legen." An ihm soll es nicht liegen, versicherte er. "Ich bin ein Teamplayer."
Quelle: dpa
totaler schrieb:
am 28. Januar 2011 um 18:37:56
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jahn
es wird zeit, dass in deutschland generell ordnung geschaffen wird!
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Matze schrieb:
am 28. Januar 2011 um 17:33:04
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DDR-Regime
Die Arbeit dieser Behörde ist sehr wichtig und gut. Doch eines finde ich weniger befürwortenswert, nämlich, dass ehemalige
Dissidenten des Regimes der Behörde vorsitzen. Das hat einen Beigeschmack von grundsätzlicher Befangenheit und Rachegelüste und wirft einen Schatten auf die Sachlichkeit. Ich sage nicht, dass es so ist, aber es könnte so aussehen. Man überlässt einem Opfer ja auch nicht die Rolle des Richters. Eine unabhängige Person, die nicht betroffen war, wäre meiner Meinung nach besser.
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Andreas schrieb:
am 28. Januar 2011 um 17:01:29
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Stasi-Behöre
Ich hoffe, daß mit der Wahl die Chancen eröffnet werden, daß diese Behörde endlich ihre Aufgaben vernünftig erfüllt.
Bislang war ihre Arbeit mehr durch vordergründige Propagandakampagnen, selektive Behandlung von Forschungsanträgen und der Bevorzugung einiger ausgewählter "Leitmedien" mit "Sensationsthemen" geprägt, die gerade in die plitische Landschaftspflege paßten. Auch die Dienste mischten da krätig mit. Mit kontinuierlicher DDR-Geschichtsaufarbeitung hatte das alles wenig zu tun.
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