29.11.2010, 09:20 Uhr
Schwerbewaffnete Spezialeinsatzkräfte rücken in der Favela Vila Cruzeiro vor (Foto: AP) (Quelle: AP)
In der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro geht die Polizei weiter mit einem massiven Aufgebot gegen Drogenbanden vor. Mit gepanzerten Fahrzeugen und Luftunterstützung liefern sich die Einsatzkräfte in den Elendsvierteln der Stadt eine erbitterte Schlacht mit den ebenfalls bis an die Zähne bewaffneten Kriminellen. Seit Sonntag wurden rund 30 Personen getötet.
Bei den meisten Opfern soll es sich um Bandenmitglieder handeln. 192 Personen seien verhaftet worden, sagte Polizeisprecher Henrique de Lima Castro Seraiva. Bei Durchsuchungen am Freitagmorgen seien über 80 Motorräder und eine Leiche sichergestellt worden, hieß es weiter.
Die Razzien sind Teil der Bemühungen der Regierung, die Gewalt in der Stadt in den Griff zu bekommen und Rio de Janeiro mit Blick auf die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 sicherer zu machen.
Das Organisationskomitee für die Olympischen Spiele 2016 stellte sich hinter das Vorgehen der brasilianischen Behörden. "Wir erklären öffentlich unsere volle Unterstützung für die ausgeführte Politik der öffentlichen Sicherheit", sagte OK-Chef Carlos Nuzman. Rio könne allen Sportfans versichern, dass die Spiele in sechs Jahren in einer "Atmosphäre der totalen Sicherheit" stattfinden.
Am Freitag gingen die Polizisten in den seit Jahrzehnten von kriminellen Banden beherrschten Stadtteilen im Norden und Westen der Millionenmetropole gegen Kriminelle vor. Während Polizisten ein Haus nach dem anderen durchsuchten, riegelten Soldaten die Viertel ab.
Der Einsatz der Streitkräfte war von Präsident Luiz Inacio Lula da Silva genehmigt worden. Am Rande eines Gipfels der Vereinigung der südamerikanischen Nationen sagte er, "alles was wir für Rio tun können, werden wir tun. Es ist inakzeptabel, dass 99 Prozent der wohlgesinnten, hart arbeitenden Menschen, die in Frieden leben wollen, von gewalttätigen Banden beeinträchtigt werden."
Unter Gewehrfeuer stürmt die Polizei ein Armenviertel in der brasilianischen Hauptstadt. zum Video
Die Banden reagierten mit Barrikaden auf größeren Straßen auf die Razzien. Mehr als 95 Autos und Busse seien angezündet worden, hieß es. Viele Geschäfte blieben geschlossen und für rund 12.000 Schüler fiel der Unterricht aus. Zahlreiche Bewohner der umkämpften Viertel konnten nach der Arbeit nicht in ihre Häuser zurückkehren.
"Ich habe furchtbare Angst", sagte die Besitzerin eines Spielzeugladens nahe der beiden Elendsviertel Vila Cruzeiro und Morro do Alemao . "Mein Laden hat geöffnet, weil ich die Miete und Rechnungen zahlen muss, aber vielleicht mache ich in zehn Minuten wieder zu." Eine 69 Jahre alte Fußgängerin sagte, die Drogendealer hätten sich in die Hügel der Großstadt zurückgezogen. "Wenn geschossen wird, ist die Polizei aber genauso gefährlich wie die Banditen."
Der regionale Abgeordnete Marcelo Freixo kritisierte das Vorgehen der Polizei als wirkungslos. "Die Polizei kann in Vila Cruzeiro einmarschieren und weitere hundert Menschen töten, das wird das Problem in Rio de Janeiro nicht lösen", sagte der Politiker. Die Behörden gingen lediglich gegen die Kriminellen in den Straßen vor, gegen die Hintermänner hingegen nicht.
"Wir haben diesen Krieg nicht angefangen", sagte dagegen Polizeisprecher Lima Castro. "Wir wurden provoziert. Aber wir werden siegreich sein." An den Razzien in den vergangenen Tagen seien 17.500 Polizisten beteiligt gewesen.
"Wir nehmen den Kriminellen, was ihnen vorher noch nie genommen worden ist - ihr Territorium, ihren sicheren Hafen", sagte der Direktor für öffentliche Sicherheit des Staates Rio de Janeiro, Jose Beltrame. "Es ist wichtig, sie zu verhaften, aber noch wichtiger ist es, ihr Territorium einzunehmen. Gelingt uns das nicht, können wir keine Fortschritte erzielen."
Quelle: dapd , AFP
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