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Republikaner-Debatte in South Carolina: Wenn das Publikum zum Mob wird

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Wenn das Publikum zum Mob wird

17.01.2012, 16:00 Uhr | Von Marc Pitzke, New York

Kurz vor der Vorwahl in South Carolina muss sich der bislang führende Präsidentschaftskandidat von seinen Parteifreunden harrsche Kritik an seiner Person gefallen lassen.

South Carolina ist seinem reaktionären Ruf gerecht geworden: Kurz vor der entscheidenden US-Vorwahl trafen sich dort die Republikaner-Kandidaten zur Debatte. Die geriet zum Feuerwerk der Vorurteile, Lügen und Hasstiraden - vor allem wegen des Saalpublikums.

South Carolina hat eine militante Geschichte. Es war der erste US-Südstaat, der 1860 aus der Union austrat, um sich die Sklaverei zu bewahren. Ein Jahr später fielen in Fort Sumter die ersten Schüsse des Bürgerkriegs. Und obwohl der Süden diesen Krieg verlor, ist das bei vielen bis heute nicht angekommen: Vor dem Landeskapitol in Columbia weht weiter eine gigantische Konföderiertenflagge - das Banner der untergegangenen Sklavenstaaten.

Dieser kurze und zugegeben grobschlächtige Ausflug in die Geschichte South Carolinas mag mit erklären, was sich am Montagabend in Myrtle Beach abspielt, einem ansonsten hübschen Badeort. Im Kongresszentrum hat der Kabelsender Fox News zu einer weiteren TV-Debatte geladen.

Profilieren sollen sich dabei die verbliebenen fünf Kandidaten der Republikaner, nur wenige Tage vor der nächsten, wohl entscheidenden US-Vorwahl am Samstag. Vieren der fünf geht es darum, Mitt Romney vom Spitzenreitersockel zu stoßen und sich als christlich-konservative Alternative zu empfehlen. Dem fünften geht es darum, auf dem Sockel stehen zu bleiben.

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Kein Wunder also, dass dies keine gepflegte Debatte wird, wie man sie im Vorwahlkampf bisher schon 20-mal erlebt hat. Sondern ein Feuerwerk der Vorurteile, Angriffe, Lügen, Hasstiraden - mit rassistischen Untertönen.

Dabei sind es nicht mal die Kandidaten selbst, die dieser Debatte einen solch unflätigen Anstrich geben. Auch wenn die sich munter abstrampeln und platt aufeinander und vor allem natürlich auf Romney eindreschen. Nein: Zum ersten Mal wohl in der Geschichte der US-Debatten ist es das Saalpublikum, das die Stimmung fast unerträglich aufheizt.

Grölen, brüllen, johlen

Sonst gilt da ja höfliche Zurückhaltung. Doch diesmal lässt Fox News die Zuschauer von der Leine, offenbar um der Live-Show einen ganz besonderen Kick zu geben. Die Strategie geht nach hinten los: Das Publikum wird zum TV-Mob - und offenbart seine hässliche Seite.

Sie grölen, brüllen, johlen. Sie lassen keine Gelegenheit aus, ihren Zu- oder Widerspruch kundzutun, gerne zu den umstrittensten Vorschlägen (Ausländer raus, Kinder zur Arbeit zwingen, alle Staatsfeinde töten). Sie pfeifen die Kandidaten aus, wenn sie nicht rechtslastig genug poltern. Sie jubeln, wenn sie parieren. Sie machen die Moderatoren zur Schnecke. Und Newt Gingrich, der ihrer Sezessions- und Kriegslust am eifrigsten nach dem Munde redet, ehren sie mit Standing Ovations.

"Das war die heftigste Debatte von allen", seufzt der Fox-News-Analyst Juan Williams anschließend. Als einziger Schwarzer unter den Moderatoren - und, den TV-Kameraschwenks nach zu urteilen, in der ganzen Halle - muss der sich am allerlautesten ausbuhen lassen.

"Ich weiß nicht richtig, was ich über diesen Abend sagen soll, außer, dass ich mich jetzt duschen will", kommentiert selbst der konservative Kolumnist Andrew Sullivan, ein alter Debattenveteran. "Selten hat mich die Atmosphäre einer Debatte derart abgestoßen."

Die Pöbelnatur des Abends ist schon an der Kulisse vorauszuahnen: Die Kandidaten stehen in einer riesigen Arena auf der Bühne, wie die Teilnehmer einer schrillen Castingshow: Romney, Gingrich, Rick Santorum, Rick Perry und Ron Paul. Die Moderatoren - angeführt von Fox-News-Einpeitscher Brett Baier - thronen vor ihnen wie Juroren. Das Publikum harrt dahinter.

Schon in seiner ersten Frage fordert Baier die Herren auf, "reinen Tisch zu machen". Sprich: Sich anzugreifen - oder zu schweigen.

Gingrich, Perry, Paul und Santorum beißen denn auch sofort an und kritisieren erneut Romneys Wirken als Private-Equity-Fürst - das Argument du jour gegen den einstigen Kapitalinvestor, das ihm auch im Herbstwahlkampf sicher noch zu schaffen machen wird. Romney verteidigt sich lahm, indem er das freie Unternehmertum preist und die Hände in den Taschen ballt - ein Zeichen dafür, dass er sich unwohl fühlt.

"Ich liebe legale Einwanderung"

Es ist ein seltenes Schauspiel: Konservative im Kampf gegen die Marktwirtschaft? Perry - selbst ein Millionär, wohlgemerkt - fordert Romney sogar auf, seine komplette Steuererklärung zu veröffentlichen, "damit die Leute sehen, wie du dein Geld verdienst". Romney winkt ab: Ja, vielleicht im April, mal sehen, steht sowieso nichts drin. Sein starres Lächeln ist längst verschwunden.

So weit, so amüsant. Doch dann wird es hässlich. Juan Williams fragt Perry nach seiner Haltung zu neuen Gesetzen in etlichen US-Staaten, darunter Texas und South Carolina, wonach alle Wähler künftig einen Ausweis vorweisen müssen. Diese Maßnahme erschwert Armen und Minderheiten die Wahl, und das US-Justizministerium will dagegen angehen.

Eine berechtigte Frage, vor allem an jenem Montag, an dem die USA den Martin Luther King Day feiern, den Geburtstag des legendären schwarzen Bürgerrechtlers. Doch in South Carolina missfällt dem Publikum Williams' Ton. Lautes Murren ist hörbar, und Perry erntet den frenetischsten Jubel mit seiner - historisch pikanten - Antwort: "South Carolina steht im Krieg mit der Zentralregierung."

Von da an hat nicht nur Juan Williams im Saal ausgespielt - sondern wohl auch jede andere Minderheit. Als Williams zum Beispiel erwähnt, dass Mitt Romneys Vater in Mexiko geboren wurde, buhen die Zuschauer lauthals. Romney versucht, die Sache noch zu retten, indem er steif schwört: "Ich liebe legale Einwanderung!"

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Debattenzuschauer in diesem US-Vorwahlkampf mit deplatzierten Buhs hervortun. Bei früheren Zusammentreffen pöbelten sie gegen schwule Soldaten und unversicherte Todkranke ("Lasst ihn doch sterben!"). Doch selten ist der Animus so offen hervorgetreten wie hier, als er sich gegen einen schwarzen, kritischen Moderator ballt - sowie gegen Arme, Schwache und Rechtlose.

Taliban mit al-Qaida verwechselt

Unverzagt versucht Williams, Gingrich weiter in die Zange zu nehmen, etwa wegen seiner kaum verhohlenen Forderung nach Wiedereinführung der Kinderarbeit. Der Saal, der Kinderarbeit offenbar begrüßt, schreit ihn da fast nieder und johlt, als Gingrich Williams mit herablassendem Zeigefinger zurechtweist.

Beglückt trampeln sie dagegen, als Santorum eine seiner Lieblingsparolen abgibt - seine drei Verhaltensregeln, um Armut zu verhindern: "Arbeiten; die Schule abschließen; heiraten, bevor du Kinder kriegst." Solche Plattheiten - angelehnt an eine falsch zitierte Studie der Brookings Institution - kommen gut an im Land der Christenkrieger. Ebenso Pauls Schwüre, den Steuersatz auf "null Prozent" zu senken und für freien Waffenbesitz zu kämpfen. Als Paul jedoch eine behutsame Außenpolitik einklagt, buhen sie wieder und feuern dafür Romney an, der statt auf Verhandlungen mit den Taliban auf eine andere Methode setzt: "Wir finden sie, wo sie sind, und wir töten sie."

Und so wird es immer schlimmer. Perry fabuliert, die Türkei werde von islamischen Terroristen regiert (Jubel). Er verwechselt die Taliban mit al-Qaida (Jubel) und den Irak mit Afghanistan (Jubel). Er verwehrt sich dagegen, die mutmaßliche Taliban-Leichenschändung durch US-Marineinfanteristen zu kritisieren (Jubel) - die Männer hätten doch nur "einen Fehler gemacht" (Jubel). Ach ja: Und er will die Immobilienkrise lösen, indem er verschuldete Hauseigentümer sich selbst überlässt (Jubel).

"Tolle Debatte", strahlt Baier am Ende und bedankt sich bei dem "phantastischen Publikum". Den Quoten hat das auch sicher gedient - dem politischen Diskurs aber wohl weniger. Stattdessen ist South Carolina erneut seinem Ruf gerecht geworden. Wie der aalglatte Romney sich auf diesem Schlachtfeld halten wird, bleibt offen.

Als alles vorbei ist, knallen draußen vor der Halle Feuerwerkskörper. Darauf findet der Wahlstratege Frank Luntz, der als Beobachter dabei ist, eine treffende Bemerkung: "Klingt wie Fort Sumter." Der Krieg hat begonnen.


Quelle: Spiegel Online

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Kommentare (28)

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Thema: "Republikaner-Debatte in South Carolina: Wenn das Publikum zum Mob wird"

Andreas schrieb: am 17. Januar 2012 um 20:24:02
(68) (4) Wahlkampf
an diesem Wahlkampf zeigt sich mal wieder, wie wenig gebildet die meisten Amerikaner sind. Nur Ungebildete lassen sich verführen.
Spannend wäre, wenn Alkaida in South Carolina mal etwas anstellt. Ich habe es mal erlebt, wie ein LKW-fahrer (weiß) ein Fahrzeug mit einer Familie mit Schwarzen von der Straße gedrängt hat. Wir waren die einzigen die angehalten haben um zu helfen. Diese Amerikaner sind einfach nur peinlich, ich bin froh, dass ich auch ganz andere kennengelernt habe.
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Sylvia schrieb: am 17. Januar 2012 um 20:19:18
(30) (80) Wenn bei uns Rot-GRÜN an
die Macht kommen wird es schlimmer für uns als die Republikaner in den USA.Was geht uns das an ? Die
Hasskommentare sind völlig überflüssig.Kümmert Euch um die Gefahren in unserer Demokratie und die Ökodiktatur.
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Michi schrieb: am 17. Januar 2012 um 19:50:33
(81) (6) Rep.-Debatte
Wenn bei den Wahlen tatsächlich ein Republikaner an die Macht kommt, dann können wir die USA wohl endgültig abschreiben. Die
Republikaner tun so, als seien die perfekten Christen aber kennen vermutlich nicht einmal die Bedeutung des Wortes Nächstenliebe und von dem Gebot "Du sollst nicht töten" haben diese Leute sicherlich auch nichts gehört. Das Land steht vor dem Abgrund, die Frage ist nur noch, ob man springt und es beendet, oder ob man sich, wenn auch beschwerlich, von der Schlucht e
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