10,5 bis 11 Prozent der Bevölkerung leben in Deutschland unterhalb der Armutsgrenze (Quelle: imago)In Deutschland haben Einkommensunterschiede und relative Armut zwischen den Jahren 2000 und 2005 stark zugenommen. Laut einer aktuellen Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) lebten 10,5 bis 11 Prozent der Gesamtbevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Damit liegt Deutschland leicht über dem Durchschnitt der OECD-Staaten.
Laut der am Dienstag veröffentlichten Studie "Mehr Ungleichheit trotz Wachstum?" haben Einkommensunterschiede und der Anteil armer Menschen auch schneller zugenommen als in den meisten anderen untersuchten Ländern.
Alleinerziehende und Kinder sind überdurchschnittlich, Rentner dagegen unterdurchschnittlich von Armut betroffen. In Bezug auf die Armutsrisiken spiele Erwerbslosigkeit eine große Rolle. Deutschland weise im OECD-Vergleich die höchste Rate an Haushalten ohne erwerbstätige Person auf.
Median als Berechnungsgrundlage
Als von Armut bedroht gelten nach OECD-Definition Menschen mit weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens im jeweiligen Land. Dabei wird nicht der Mittelwert aller Einkommen herangezogen, sondern der deutlich niedriger liegende Median, der die gesamte Bevölkerung genau in der Mitte in zwei gleich große Gruppen teilt.
Überdurchschnittliches Risiko bei Haushalten ohne Einkommen
Im Durchschnitt liegt das Armutsrisiko in Haushalten, in denen keine Person arbeitet, bei etwa 30 Prozent. Bei einem Einkommen im Haushalt senke es sich auf 12 bis 13 Prozent und bei mehreren auf 3 Prozent. In Deutschland dagegen sei die "Einkommensarmutsrate der Haushalte ohne Erwerbseinkommen bei 40 Prozent", sagte Michael Förster, einer der Hauptautoren der Studie. Bei einem Einkommen sinke es auf 7 bis 8 Prozent, bei mehreren auf 1 Prozent.
Mehrere Ursachen
Die OECD macht mehrere Entwicklungen für die Zunahme von Einkommensungleichheit und Armut in Deutschland verantwortlich. Seit Mitte der 90er Jahre hätten sich die Löhne und Gehälter drastisch auseinander bewegt. Außerdem trage die Arbeitslosigkeit mehr als in den meisten anderenLändern zur ungleichen Einkommensverteilung bei: Zwischen 1995 und 2005 sei der Anteil der Menschen, die in Haushalten ohne jedes Erwerbseinkommen leben, auf 19,4 Prozent gestiegen - der höchste Wert innerhalb der OECD.
Veränderungen der Haushaltstruktur
Schließlich haben Veränderungen bei der Haushaltsstruktur zu mehr Ungleichheit in Deutschland geführt. In den vergangenen Jahren habe sich die Zahl der Single-Haushalte und Alleinerziehenden deutlich erhöht - und kleinere Haushalte benötigten ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als größere, um denselben Lebensstandard zu erreichen.
Vorläufiges Ende des Trends erwartet
Förster erwartet für Deutschland allerdings ein vorläufiges Ende des Trends zu mehr Ungleichheit. "Im Jahr 2007 erwarten wir einen Rückgang der Unterschiede bei Einkommen und Armut", so Förster. Grund dafür sei vor allem die verbesserte Lage am Arbeitsmarkt.
Konjunktureller Aufschwung verbessert Lage
Diese Einschätzung wird auch vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bestätigt. Angeregt durch den konjunkturellen Aufschwung habe sich die Lage wieder verbessert, sagte Markus Grabka vom DIW: "Was in absoluten Zahlen bedeutet, dass 1,2 Millionen Menschen in Deutschland aufgrund der verbesserten Arbeitsmarktsituation nicht mehr von Armut betroffen sind."
Ungünstige Aussichten für 2009
Allerdings stelle sich die konjunkturelle Entwicklung seit Mitte 2008 wieder deutlich negativer dar. Die Arbeitsmarktstrukturen hätten sich in den vergangenen zehn Jahren mit mehr Leih- und Zeitarbeit sowie geringfügiger Beschäftigung stark verändert. Diese Beschäftigten "werden jetzt im Rahmen des konjunkturellen Abschwungs relativ schnell aus dem Arbeitsmarkt hinauskatapultiert werden. Was unserer Einschätzung nach das Ausmaß an Einkommensarmut für das Jahr 2009 wieder steigen lässt", sagte Grabka.