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Reichtagsbrand 1933: Signal für den offenen Terror gegen politische Gegner

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Flammendes Signal für den offenen Terror

21.02.2008, 14:05 Uhr | Von Jürgen Grünhagen, dpa

Am 27. Februar 1933 brennt der Reichstag in Berlin (Quelle: dpa) Am 27. Februar 1933 brennt der Reichstag in Berlin (Quelle: dpa)Am Abend des 27. Februar 1933 taucht ein gewaltiges Feuer den Himmel über Berlin in tiefes Rot: Der Reichstag steht in Flammen. Noch während des Brandes vor 75 Jahren wird der niederländische Anarchist Marinus van der Lubbe festgenommen. Bei der Vernehmung gibt der 24-Jährige zu, das Feuer allein gelegt zu haben: um ein Signal zum Kampf gegen Hitler zu setzen, der knapp einen Monat zuvor die Macht in Deutschland übernommen hatte. Trotz der schnellen Verhaftung brodelt die Gerüchteküche: Haben nicht vielleicht doch die Nationalsozialisten selbst das Symbol der Demokratie in Brand gesetzt, das sie verächtlich "Quasselbude" nennen?

Special
Angehörige van der LubbesKein Anspruch auf Entschädigung

"Kein Erbarmen mehr"

Hitler, Hermann Göring und Joseph Goebbels treffen wenige Minuten nach dem Alarm am Brandort ein. Für Göring stehen die Drahtzieher fest: "Das ist der Beginn des kommunistischen Aufstandes!" Hitler tobt: "Es gibt jetzt kein Erbarmen; wer sich uns in den Weg stellt, wird niedergemacht ... Jeder kommunistische Funktionär wird erschossen, wo er angetroffen wird."

ChronologieWie die Nazis die Macht übernahmen
1938Kriegsvorbereitung und Terror gegen Juden

Todesstrafe rückwirkend

Noch in der Nacht werden die Mitglieder der KPD-Reichstagsfraktion festgenommen. Einen Tag nach dem Brand verabschiedet das Reichskabinett eine Notverordnung, die "zur Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte" alle Grundrechte außer Kraft setzt. Für Brandstiftung wird die Todesstrafe eingeführt - rückwirkend.

War er wirklich der alleinige Täter? Marinus van der Lubbe wird im Dezember 1933 zum Tode verurteilt und im Januar 1934 geköpft (Quelle: dpa) War er wirklich der alleinige Täter? Marinus van der Lubbe wird im Dezember 1933 zum Tode verurteilt und im Januar 1934 geköpft (Quelle: dpa)

Dreimonatiger Prozess

Auf ein zumindest scheinbar rechtsstaatliches Verfahren können die Nazis aber noch nicht verzichten. Am 21. September 1933 beginnt vor dem Leipziger Reichsgericht der Prozess gegen van der Lubbe, den KPD-Fraktionschef Ernst Torgler, den bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitroff sowie zwei seiner Landsleute. Am 23. Dezember wird van der Lubbe zum Tode verurteilt. Die anderen Angeklagten werden freigesprochen.

Drei Theorien

Nach dem Krieg begann in der Öffentlichkeit ein heftiger Streit über den oder die wahren Täter. Bis heute - 75 Jahre nach dem Brand - existieren zu den Hintergründen drei Theorien:

  1. Van der Lubbe legte das Feuer tatsächlich allein. Die Nazis nutzten die Gelegenheit, um zu offenem Terror gegen alle potenziellen Gegner überzugehen und ihre gerade gewonnene Macht zu festigen.

  2. Anzeichen für einen kommunistischen Aufstand gab es nach Überzeugung von Historikern nie. Die Nazis glaubten aber dennoch daran und schalteten deshalb zunächst die Anhänger der KPD und schließlich alle potenziellen Gegner aus.

  3. Die Nazis selbst legten den Brand, um einen Vorwand für den folgenden Terror zu haben und besonders die bis zur Machtübernahme der Nazis starke KPD vor der noch anstehenden Wahl am 5. März zu schwächen.

Wechselnde Thesen

Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte zunächst die Überzeugung vor, die Nationalsozialisten hätten das Feuer gelegt. Ende der 50er Jahre gewann die These neue Nahrung, van der Lubbe habe allein das riesige Gebäude angezündet. Der Amateurhistoriker Fritz Tobias vertrat, unterstützt vom Experten Hans Mommsen, die Überzeugung, der Niederländer habe allein gehandelt. Dagegen wandte sich ein sogenanntes Internationales Komitee zur wissenschaftlichen Erforschung der Ursachen und Folgen des Zweiten Weltkriegs. Es präsentierte Anfang der 70er Jahre Dokumente, mit denen die Verantwortung der Nazis belegt werden sollte, an denen es aber auch Zweifel gibt.

Gewichtige Meinungen

Wohl der Großteil der Historiker neigt eher der These von der Täterschaft van der Lubbes zu. Heinrich August Winkler äußert in seinem Buch "Der Weg in die Katastrophe" die Überzeugung, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit habe van der Lubbe das Feuer gelegt. Auch sein Kollege Hans-Ulrich Wehler, wie Winkler ein führender Historiker in Deutschland, geht von van der Lubbe als alleinigem Täter aus.

Zweifel dauern an

Dennoch sind die Zweifel bis in die jüngste Zeit Zweifel nicht ausgeräumt. So schrieben Alexander Bahar und Wilfried Kugel, dass SA-Leute durch einen Geheimgang vom Palais des Reichstagspräsidenten Göring aus in den Plenarsaal gelangt seien. Dort hätten sie das Feuer vorbereitet, das van der Lubbe - von einem Nazi-Agenten bestärkt - später legte. Der Publizist Otto Köhler schrieb 2005, die Liste mit den Namen der zu Verhaftenden sei schon sechs Stunden vor dem Brand an die Polizei verschickt worden.

Urteil nach 74 Jahren aufgehoben

Van der Lubbe wird am 10. Januar 1934 geköpft. Auf den Tag 74 Jahre später teilt die Bundesanwaltschaft im Januar 2008 mit, "dass das Urteil gegen den im Reichstagsbrandprozess verurteilten Marinus van der Lubbe aufgehoben ist".


Von Jürgen Grünhagen, dpa  

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