22.11.2011, 11:44 Uhr
Beziehung zwischen toter Polizistin und Nazi-Trio? Zwischen den mutmaßlichen rechten Terroristen und der in Heilbronn getöteten Polizistin gab es möglicherweise eine persönliche Verbindung.
Neue Details über den rätselhaften Tod von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt: Die beiden Mitglieder des Zwickauer Neonazi-Trios waren tot in einem von der Polizei umstellten, brennenden Wohnmobil gefunden worden - jetzt haben Experten die letzten Minuten der beiden Rechtsterroristen rekonstruiert.
Mundlos hat nach Ermittlungen seinem Komplizen Böhnhardt am 4. November in dem Wohnmobil in Eisenach die Pistole an den Kopf gesetzt und abgedrückt. Dann legte er Feuer und erschoss sich anschließend selbst. Dies belege die Tatsache, dass bei der Obduktion nur in der Lunge von Mundlos Rußpartikel gefunden wurden, sagte der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke. Die beiden Neonazis hatten sich nach einem Banküberfall in dem Wohnmobil versteckt und waren von der Polizei eingekreist.
Zuvor hatt Ziercke mit der Aussage überrascht, dass es eine engere Verbindung zwischen der in Heilbronn ermordeten Polizistin und dem Zwickauer Neonazi-Trio gibt. Bei dem Mord habe es sich möglicherweise um eine Beziehungstat gehandelt, sagte er. Auch Sicherheitskreise sprechen davon, dass es sich um einen gezielten Mord gehandelt haben könnte.
Die aus Thüringen stammende Polizistin Michèle Kiesewetter war am 25. April 2007 in Heilbronn auf einer Festwiese mit einem Kopfschuss getötet worden. Ihr damals 24 Jahre alter Streifen-Kollege wurde schwer verletzt und lag mehrere Wochen im Koma. Der Grünen-Innenpolitiker Wolfgang Wieland bestätigte den Verdacht auf einen Bezug zwischen Opfer und Tätern: "Das kann auch über Verwandte gelaufen sein, das kann auch eine Racheaktion zur Bestrafung von Verwandten dieser Polizistin gewesen sein."
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Die Geschichte hinter den Vermutungen der Ermittler: Nach Zierckes Darstellung wollte Kiesewetters Familie in Thüringen eine Gaststätte mieten, doch sei stattdessen ein Mann zum Zuge gekommen, gegen den nun als Beschuldigter in der Neonazi-Mordserie ermittelt werde. Das Lokal sei ein Treff für Rechtsextremisten gewesen. Kiesewetter selbst habe zwischen 2001 und 2003 gegenüber gewohnt, sagte Ziercke. Auch sei 2007 ein Koch eingestellt worden, der denselben Geburtsnamen wie Beate Zschäpe trägt. Die genauen Zusammenhänge seien noch unklar und müssten ermittelt werden.
Es existiert aber noch eine andere Version der Geschichte: Wie t-online.de aus dem Thüringer Umfeld von Kiesewetter und dem Neonazi-Trio erfahren hat, besaß der Stiefvater der Polizistin ein Lokal, in dem die rechte Szene wiederholt Veranstaltungen abgehalten hat. Laut Nachrichtenagentur dapd wurde schließlich eines dieser Treffen verboten. Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" hatte der Stiefvater sogar persönlichen Kontakt zu Uwe Mundlos: Mundlos soll ihn wegen einer dort geplanten Veranstaltung angesprochen haben. Zu dieser Veranstaltung kam es aber offenbar nie.
Die Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) um Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos wird für die Mordserie an neun Geschäftsleuten türkischer und griechischer Abstammung zwischen 2000 und 2006 und die Ermordung Michèle Kiesewetters 2007 verantwortlich gemacht.
Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) teilte nach einer Sitzung des Bundestags-Innenausschusses mit: "Wir haben circa ein Dutzend Verdächtigte und Beschuldigte. (...) Es gibt immer neue Hinweise und Erkenntnisse." Die Ermittlungen liefen sehr intensiv. Damit hat sich die Theorie erledigt, dass das Mörder-Trio eine isolierte Gruppe gewesen ist. "Dieser Sumpf muss ausgetrocknet werden", sagte Friedrich. Der Ausschussvorsitzende Wolfgang Bosbach (CDU) erklärte: "Weit über 300 Kriminalisten rekonstruieren jetzt 13 Jahre Tag für Tag." Konkret beschuldigt werden fünf Personen, davon gelte eine als Täterin, vier weitere als Unterstützer, sagte Wieland.
Währenddessen erwägt die Bundesregierung eine Entschädigung von rund 10.000 Euro für die einzelnen Familienangehörigen der Neonazi-Mordopfer. In der Vergangenheit hätten sich Härteleistungen für Opfer extremistischer Überfälle und terroristischer Straftaten in dieser Größenordnung bewegt, sagte ein Sprecher von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP). Das Geld solle aus einem entsprechenden Fonds kommen, der im laufenden Jahr mit einer Million Euro aus Mitteln des Justizministeriums gefüllt sei.
"Zur Zeit wird vom Justizministerium der direkte Kontakt mit den Angehörigen gesucht", erläuterte der Sprecher. "Selbstverständlich ist klar, dass hier eine materielle Leistung auf gar keinen Fall das Leid aufheben kann." Doch solle es um ein Zeichen der Solidarität gehen.
Quelle: t-online.de , dpa , dapd
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