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Rassismus: Pfarrersfamilie flüchtet aus Rudolstadt

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Pfarrersfamilie flüchtet aus Rudolstadt

06.04.2008, 11:16 Uhr

Aus Rudolstadt und Erkelenz berichtet Philipp Wittrock

Das pittorekse Städtchen in Thüringen gerät zum ersten mal in die Schlagzeilen (Quelle: imago) Das pittorekse Städtchen in Thüringen gerät zum ersten mal in die Schlagzeilen (Quelle: imago)Es ist eine Chronologie des täglichen Terrors: Irgendwann im vergangenen Jahr hat Miriam Neuschäfer angefangen, alles aufzuschreiben. "Um es zu verarbeiten und für die Kinder", sagt sie, "damit die später verstehen, was alles passiert ist." Die zierliche junge Frau sitzt am rustikalen Küchentisch und blättert den gelben Schnellhefter durch. Immer wieder schüttelt sie den Kopf mit den dunklen, kurzen Haaren. Zehn Seiten sind es, voll beschrieben mit schwarzem Stift. In der Schublade liegen noch viel mehr, 50 insgesamt vielleicht, schätzt sie.

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Die Familie flüchtet vor den Anfeindungen

Erst in ausformulierten Sätzen, bald nur noch stichpunktartig hat Miriam Neuschäfer notiert, warum ihre Familie nach fast acht Jahren das thüringische Rudolstadt verlassen hat und zurückgekehrt ist in den Westen, in den äußersten Westen der Republik, nach Erkelenz im Rheinland. Sie hat den Rassismus nicht mehr ausgehalten, die ständigen Anfeindungen ganz normaler Bürger, das Gefühl, verhasst zu sein im eigenen Land. "Es war eine Flucht", sagt Miriam Neuschäfer. "Und sie war lebensnotwendig."

Sie hatten keine Scheu vor dem Osten

Miriam Neuschäfer hat eine indische Mutter, ihre Haut ist dunkel, wie auch die ihrer fünf Kinder. Die 32-Jährige ist am Niederrhein aufgewachsen, hat Theologie studiert, spricht akzentfrei deutsch. Ihr Mann Reiner Andreas Neuschäfer, 40, ist Pfarrer. Im Jahr 2000 bekam er die Stelle des Schulbeauftragten für Südthüringen angeboten. Der Job war attraktiv, die junge Familie hatte keine Scheu vor dem Osten.

Die Familie hofft auf Anschluß

Mit damals zwei kleinen Kindern gingen sie nach Rudolstadt, die einstige fürstliche Residenz 50 Kilometer von der Landeshauptstadt Erfurt entfernt, in einem schönen Tal gelegen, dort, wo sich die Saale in einem Bogen von Süden nach Osten schlängelt. Eine überschaubare Kleinstadt mit 25.000 Einwohnern - hier sollte man schnell Anschluss finden. Doch die Neuschäfers blieben Fremde in Thüringen.

"Wessis" bleiben unter sich

Von Anfang an sei ein "Kulturunterschied" zu spüren gewesen, sagt Reiner Neuschäfer. Die Rheinländer werden nicht warm mit den Menschen, finden nur wenige Freunde, wenn, dann kommen diese meist auch aus dem Westen. Man bleibt unter sich. Vielleicht, könnte man sagen, haben sie sich den Anfang selbst schwer gemacht, vielleicht haben sie die Thüringer "Nölärsche", wie sich die Menschen hier selbst gern scherzhaft nennen, einfach nur falsch eingeschätzt.

Aufzeichnungen erzählen von Hass

Das wird schon, denken die Neu-Rudolstädter. Nichts wird. Die Neuschäfers empfinden bald mehr als kühle Distanz. "Wir könnten hier Stunden sitzen und noch ewig weiterreden", sagt Miriam Neuschäfer, als sie ihre Aufzeichnungen überfliegt, die von Hass und Feindseligkeit erzählen. Stunden, und ihnen würden immer neue Erlebnisse und Begebenheiten einfallen, die früher oder später zu dem Entschluss führen mussten: Wir gehen.

"Deine Haut ist nicht richtig"

Zum ersten Mal schrillen die Alarmglocken im Jahr 2002 bei einem Gespräch mit der Kindergärtnerin des ältesten Sohnes Jannik, der heute zehn Jahre alt ist. Plötzlich ist von Integrationsproblemen die Rede. "Deine Haut ist nicht richtig", sollen die anderen Kinder zu ihm gesagt haben - sie meiden ihn. Irgendwann steht Jannik zu Hause am Waschbecken und schrubbt seinen Arm mit der Wurzelbürste. Er will die dunkle Farbe abreiben.

Schulkameraden verprügeln die Kinder

Später in der Grundschule geht die Hänselei weiter, sagen die Eltern. "Mama, was ist ein Nigger?", fragt der Junge daheim. Die Mitschüler hätten gespottet: "Du bist so braun, weil du dich mit Scheiße eingerieben hast." Eines Tages sollen neun Schulkameraden Jannik auf dem Schulhof verprügelt haben, so schlimm, dass Reiner Neuschäfer die Polizei einschaltet. Die Schulleitung ermahnt die kleinen Schläger.

Beschimpfungen im Supermarkt

Während auch die zweitälteste Tochter Fenja, heute acht Jahre alt, Mobbing-Geschichten mit nach Hause bringt, macht Mutter Miriam Neuschäfer ihre ganz eigenen Erfahrungen. "Was hier alles einkaufen darf", habe ein älterer Herr ihr und den Kindern im Supermarkt im Vorbeigehen an den Kopf geschleudert. "Geh zurück in den Urwald!" So ist ihr das Gebrüll eines anderen auf dem Parkplatz in Erinnerung, als sie die Autotür nicht schnell genug schließt, damit der Pöbelnde seinen Wagen in die Nachbarbucht stellen kann.

Der Spielplatz leert sich

Es dauert nicht lange, bis Miriam Neuschäfer allein die Blicke anderer Menschen wehtun. "Ich habe nur noch auf den Boden geguckt und die Steine gezählt." Bald geht sie allein gar nicht mehr aus dem Haus. Aber auch wenn der große und kräftige Pfarrer oder die wenigen Freunde dabei sind, bekommen Mutter und Kinder offene Abneigung zu spüren. Wenn die Familie auf dem vollen Kinderspielplatz erscheint, leert sich dieser schon mal schlagartig. "Bei strahlendem Sonnenschein", sagt die Mutter. Beim gemeinsamen Spaziergang mit einer Bekannten im Park habe ein Jugendlicher sie angespuckt.

Die Stadtspitze windet sich

"Angespuckt!? Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen." Georg Eger, Erster Beigeordneter und Vertreter des Bürgermeisters, sitzt in seinem Büro im ersten Stock des Rudolstädter Rathauses und schüttelt heftig mit dem Kopf. Dann hebt er den Zeigefinger: "Ich schließe das sogar aus." Stadtsprecher Michael Wagner versucht die ultimative Aussage noch schnell einzufangen: Natürlich könne man nicht für jeden Bürger seine Hand ins Feuer legen. "Aber anspucken…"

Stadtsprecher Wagner feilt an einer Stellungsnahme

Es wird viel mit dem Kopf geschüttelt in diesen Tagen im Rudolstädter Rathaus. Draußen vor dem Renaissancebau hat der Dauerregen die Menschen aus der schmucken Fußgängerzone gespült, in die sich Miriam Neuschäfer zuletzt nicht mehr traute. "Wir sind überrollt worden", sagt Eger. Überrollt von den Berichten über die Flucht der Neuschäfers vor der Ausländerfeindlichkeit einiger Rudolstädter, von der man hier lieber nichts wissen will. Krisenmanagement sei nun gefragt, sagt Sprecher Wagner, er feilt gerade an einer offiziellen Stellungnahme der Stadt.

Probleme sollen nicht kleingeredet werden

Jeder Satz zählt. Das Beispiel des sächsischen Dorfes Mügeln hat das gezeigt. Dort hatte im August 2007 ein alkoholisierter Mob nach einer Schlägerei beim Altstadtfest eine Gruppe Inder in einer Pizzeria bedroht. Die Menge johlte ausländerfeindliche Parolen, der Bürgermeister redete die Probleme klein, schob die Gewalt auf auswärtige Festbesucher.

Angst vor dem Mügeln-Effekt

Auch wenn der Fall ein völlig anderer ist - wie Mügeln fürchtet Rudolstadt um seinen Ruf. Denn den hat man in den vergangenen Jahren erst mühsam aufpoliert. 1992 waren 2000 Neonazis zum Gedenken an Rudolf Heß aufmarschiert, die Stadt bald als Rechtsradikalen-Hochburg verschrien. Heute wird stolz auf das größte Weltmusik-Festival Deutschlands verwiesen, das jedes Jahr Zehntausende aus aller Herren Länder ins Saaletal zieht. Man hat Angst vor dem Rückfall. Hunderte Hass-E-Mails hat die Stadtspitze schon erhalten. Tenor: "Nie wieder Rudolstadt."

Berichte nicht als Märchen abtun

Es gilt, den Spagat zu schaffen: Sich gegen das Pauschalurteil zu verwahren, Rudolstadt sei ein ausländerfeindliches Nest - und zugleich die Berichte der Neuschäfers öffentlich nicht als Märchen abtun. Letzteres fällt hin und wieder schwer: Der Erste Beigeordnete spricht von "Schulrangeleien", von "der Nadel im Heuhafen", die man natürlich auch auf Teufel komm raus suchen könne.

Bürgermeister will die Sache aus der Welt räumen

In einem persönlichen Gespräch mit Reiner Neuschäfer will der Bürgermeister die Sache möglichst bald aus der Welt räumen. Bis dahin hört er sich um, nach dem, von dem er nie zuvor etwas gehört haben will: bei der Polizei, die zwei Anzeigen der Neuschäfers bestätigt, bei der Schule, die sich gegen den Vorwurf wehrt, nicht genug unternommen zu haben.

Erholungsurlaub wurde zum Befreiungsschlag

Sie seien nicht verbittert, sagen die Neuschäfers, es geht ihnen nicht darum, den Osten oder Rudolstadt zu brandmarken. Sie haben die Öffentlichkeit nicht gesucht. Erst über Umwege war die Geschichte von der Flucht aus Thüringen an die Presse gelangt, eher durch Zufall. Schließlich sind Mutter und Kinder schon im Oktober vergangenen Jahres nach Erkelenz gezogen. Was als eine Art Erholungsurlaub geplant war, ist nun zum "Befreiungsschlag" geworden - Rückkehr ausgeschlossen.

Der Vater sucht einen Job im Rheinland

Zumindest für Miriam, Jannik, Fenja, Ronja, Jarrit und Jannis Neuschäfer, die in der neuen alten Heimat aufblühen. Der Familienvater sucht noch nach einer Anstellung im Rheinland. Einstweilen pendelt er die 430 Kilometer mit dem Auto zwischen Erkelenz und Rudolstadt, wo er unter der Woche auf der Matratze in der ansonsten bereits ausgeräumten Wohnung schläft.

Angst vor einem "Spießrutenlauf"

Zurzeit hat er Urlaub, am kommenden Dienstag wird wieder nach Thüringen fahren, zum ersten Mal, seit die Rassismus-Vorwürfe bekannt sind. Er mache sich "mit gemischten Gefühlen" auf den Weg, sagt der Pfarrer. Er weiß: "Das könnte ein Spießrutenlauf werden."


Quelle: Spiegel Online

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